Kurz nach dem Überfall der Hamas auf Israel, bei dem an die 1.200 Menschen ermordet und rund 250 Kinder, Frauen, Männer nach Gaza entführt wurden, war in atemberaubendem Tempo eine Täter-Opfer-Umkehr zu beobachten. Die Konsequenz: ein globaler Anstieg des Antisemitismus. Was dabei auffiel: Besonders Universitäten in den USA, aber auch anderswo, wurden zum beliebten Schauplatz so genannter propalästinensischer Kundgebungen und Protestcamps. Auf dem Areal der Uni Wien wurde ein solches Camp rasch von der Polizei geräumt.
In Österreich beauftragte das Wissenschaftsministerium im Februar 2024 ein Team rund um die Theologie-Professorin Martina Bär an der Universität Graz, ein Screening durchzuführen. Ansehen sollte sich die Forschungsgruppe, wie zwischen 2021 und 2024 an den heimischen öffentlichen Universitäten Antisemitismus verhandelt und damit auch präventiv bekämpft wurde, aber auch, wie die Hochschulen in Fällen von Antisemitismus an den Unis selbst damit umgehen.
Das Team um Bär hat sich dabei sowohl Forschungs- und Lehrveranstaltungsthemen als auch Angebote angesehen, die sich an die interessierte Öffentlichkeit richten, wie zum Beispiel Vorträge und Gedenkveranstaltungen. Auf Grund der rasch erwarteten Ergebnisse waren sie dabei auf die konstruktive Zusammenarbeit seitens der Hochschulen angewiesen. Bis auf eine Uni-Leitung kamen alle anderen 21 Rektorate dieser Bitte nach.
Wie vom Ministerium gefordert, legte das Team bereits im Juni 2024 die Ergebnisse vor. Dabei zeigte sich: Von jenen Forschungsprojekten, Lehrveranstaltungen und öffentlichen Angeboten, die im weitesten Sinn präventiv in Bezug auf Antisemitismus wirken könnten, befasst sich nur ein kleiner Teil tatsächlich mit Antisemitismus, Antijudaismus und Antisemitismus-Prävention. In Forschung und Lehre sind es jeweils plus/minus zehn Prozent des bereits themenbezogenen Angebots. Vor allem aber wird demnach Antisemitismus meist vergangenheitsbezogen im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus und der Schoa thematisiert – eine Auseinandersetzung mit den aktuellen Erscheinungsformen von Antisemitismus findet dabei kaum statt.
Kommt es zu antisemitischen Vorfällen, verfügt das Gros der Unis zwar über zuständige Anlaufstellen, allerdings fehlen dort mehrheitlich die Skills für ein spezifisches Case Management.
„Das Problem ist eben, dass das Thema enorm politisch aufgeladen ist.“
WINA: Kamen diese Ergebnisse für Sie überraschend?
Martina Bär:Die Ergebnisse waren zunächst für uns positiv. Wir hatten eigentlich gedacht, dass an den österreichischen Universitäten noch weniger direkte Forschung im Blick auf Antisemitismusprävention geleistet wird. Als wir dann aber näher in die Ergebnisse hineingezoomt haben, wurde klar, dass das Gros dieser Arbeit an den drei Uni-Standorten stattfindet, an denen es auch jüdische Studien gibt: an der Uni Wien, der Uni Salzburg und der Uni Graz. Das war dann doch eine Relativierung des ersten Eindrucks und zeigt auch schon die Ambivalenz im Umgang mit dem Thema an den Unis auf.
Stichwort Ambivalenz: Wie haben die Universitätsleitungen auf den Screening-Bericht reagiert?
I Die Studie wurde allen Rektoraten übermittelt. Und da kam es seitens mancher Unis zu großem Widerstand – das waren vor allem Kunstuniversitäten. Diese nehmen bei dem Thema ohnehin eine ambivalente Rolle ein. Einerseits wird mit der Freiheit der Kunst argumentiert, wodurch scheinbar alles möglich ist. Andererseits will man sich doch so darstellen, dass man gegen Antisemitismus eintritt. In der Folge gab es Personen in der Hochschulrektorenkonferenz, die dem Screening sehr ablehnend gegenüberstanden. Das hier festzuhalten, ist für mich auch schwierig, denn so wie die Unis gegenüber dem Ministerium, befinde auch ich mich als Uni-Professorin in einem Abhängigkeitsverhältnis.
Was jedenfalls festzustellen war: Das Thema ist unipolitisch sehr aufgeladen. Man hätte auf einer operativen Ebene sagen können: Es gibt seitens des Ministeriums mehr Forschungsgelder und auf den Unis mehr Forschung zum Thema, aber auch mehr Lehrveranstaltungen, beispielsweise in den Lehramtsstudien zu antisemitismuskritischer Bildung. Man hätte eigentlich viel Spielraum gehabt, das rasch operational abzuhandeln. Die Reaktionen zeigten aber einerseits Abwehrhaltungen, andererseits auch eine große Unsicherheit beziehungsweise ein Unwissen darüber, was antisemitisch ist. Ein Rektor zum Beispiel hat gefragt, welche Definition von Antisemitismus nun gelte – die der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance) oder doch die Jerusalem Declaration? Als es im Rahmen der Präsentation unserer Studie auch um antisemitische Vorfälle an verschiedenen Uni-Standorten ging, zeigte sich, dass es vor allem als Herausforderung empfunden wurde, wie man mit betroffenen Studierenden, aber auch Angestellten umgehen sollte. Bisweilen erschien alles wie eine Grauzone.
Spiegelt genau das aber nicht die aktuellen Probleme wider – dass nämlich, statt über Antisemitismus zu sprechen, der Vorwurf von Antisemitismus abgewehrt oder zunächst über die Definition von Antisemitismus diskutiert wird?
I Ja, das würde ich auch so sehen. Für unsere Projektgruppe ist diese Erfahrung sehr traurig gewesen, weil es uns darum ging, etwas zu tun, also auf der Umsetzungsebene etwas zu erreichen. Und dann wird das Thema auf ganz anderen Ebenen abgehandelt – das ist sehr frustrierend.
Sie haben bereits die Lehramtsstudien angesprochen. Hier stimmt wirklich nachdenklich, wie selten das Thema Antisemitismus im Rahmen der Pädagogen- und Pädagoginnenausbildung vermittelt wird. An den österreichweit zehn Unis, die Lehramtsstudien anbieten, gab es von 2021 bis 2024 insgesamt nur 17 Lehrveranstaltungen, die sich explizit mit Antisemitismus befassten.
I Tatsächlich ist hier kaum Lehrangebot verankert. Es gibt bereits gute Forschung dazu, was antisemitismuskritische Bildung ist und wie man sie an Schulen und Unis umsetzen kann. Das gilt es nun in entsprechenden Lehrveranstaltungen zu vermitteln, wobei es wichtig wäre, deutlich zu machen, dass Antisemitismus nochmals etwas anderes ist als die Ungleichbehandlung der Geschlechter oder andere Formen von Diskriminierungen. Bei Antisemitismus handelt es sich um eine demokratiegefährdende Weltanschauung.
„Wir müssen den nötigen Mut trotz etwaiger Störaktionen aufbringen und an diesen Kooperationen festhalten.“
Wo sehen Sie insgesamt strukturell den nötigsten Verbesserungsbedarf an den Unis?
I Wichtig ist, dass es im Fall von antisemitischen Vorfällen und Übergriffen an den Unis ein gutes Case Management gibt. Hier müssen die Unis besser vorbereitet sein. Sie müssen einordnen können, wann es sich um Antisemitismus handelt und wie sie dann Betroffene unterstützen. Oft fehlt auch das Wissen, welchen Behörden das gemeldet werden muss. Hier gehören die beratenden Personen besser geschult, um betroffene Personen besser zu begleiten, aber auch zu schützen.
Sie haben in Ihrem Bericht auch konkrete Handlungsanleitungen formuliert. Sie fordern beispielsweise mehr Professuren, die sich mit Antisemitismus beschäftigen und schlagen eine gezielte Förderung von Forschungsprojekten zu Antisemitismus und dessen Prävention vor. Zudem sollen mehr Lehrveranstaltungen zu aktuellen Formen von Antisemitismus stattfinden, während das Thema auch in Lehramtsstudien besser verankert werden soll. Ein besseres Case Management und der Opferschutz wurden bereits angesprochen. Die Regierung hat Ende 2025 ihre Nationale Strategie gegen Antisemitismus 2.0 präsentiert, die das ursprüngliche Strategiepapier aus 2021 um weitere Maßnahmen ergänzt. Welche Ihrer Anregungen wurden darin berücksichtigt?
I Es wurde berücksichtigt, dass auf der Forschungsebene mehr zu Antisemitismus und Antisemitismusprävention passiert. Das Thema wurde nun auch ab dem Studienjahr 2026–2027 in den Master-Studien für angehende Lehrer und Lehrerinnen verankert. Sie sollen mit der Prävention von Antisemitismus, aber auch Rassismus, Sexismus und Antiziganismus vertraut gemacht werden. Das ist ein Anfang.
Die Regierung steht derzeit unter Spardruck. Das betrifft auch die Universitäten. Wie sich die Einsparungen genau auswirken werden, wird das Wissenschaftsministerium erst im Herbst bekanntgeben. Was sofort spekuliert wurde: Es könnte so genannte Orchideenfächer treffen – dazu gehört auch die Judaistik. In Ihrer Studie zeigen Sie auf, dass gerade an den Unis mit Jüdischen Studien zu Antisemitismus geforscht und gelehrt wird. Wäre eine Schließung dieser Institute nicht kontraproduktiv?
I Ja. Was unsere Studie aufgezeigt hat: Es geht nicht nur darum, wie viele oder wie wenige Studierende sich für dieses Studium entscheiden, sondern eben auch um die Forschungsleistung. Und hier sind die Institute für Jüdische Studien eine wichtige kulturelle Einrichtung für Universitäten. Sie dokumentieren den Beitrag des Judentums zur österreichischen Gesellschaft, Kultur und Geschichte. Daher kommt ihnen auch eine große Relevanz zu.
Ein weiterer Punkt, den Sie in Ihren Empfehlungen ansprechen, ist ein verstärkter Austausch mit israelischen Universitäten und Einrichtungen. Gerade da gibt es massive Boykott-Aufrufe. Die Uni Wien ist beispielsweise immer wieder mit Störaktionen konfrontiert, weil sie an ihrer Kooperation mit der Hebrew University in Israel festhält. Wie können sich Unis gegen diese Stimmungsmache, die wiederum Teil des aktuellen Antisemitismus-Problems im akademischen Milieu ist, behaupten?
I Das Problem ist eben, dass das Thema enorm politisch aufgeladen ist. Wir hatten zum Beispiel in der ersten Fassung unserer Studie als Handlungsempfehlung auch festgehalten, diesen Boykott-Aufrufen nicht zu folgen. Das wurde aber herausgestrichen. Hier braucht es vor allem Zivilcourage der einzelnen Forschenden, sich dem entgegenzustemmen und an Lehrveranstaltungen, aber auch gemeinsamen Forschungsprojekten mit israelischen Partnern festzuhalten. Auch wenn das bedeutet, Sicherheitsmaßnahmen zu erhöhen. Wir müssen den nötigen Mut trotz etwaiger Störaktionen aufbringen und an diesen Kooperationen festhalten.
Von wem wurde der Punkt, dass man Boykott-Aufrufen nicht nachgeben sollte, aus Ihrem Papier herausgestrichen?
I Da befinden wir uns in einer Art Blackbox-Situation. Wir haben unsere Ergebnisse an eine Kontaktperson im Ministerium weitergegeben. Sie hat uns dann rückgemeldet, was zu ändern oder umzuarbeiten ist – wer aber diese Anweisung gegeben hat, wissen wir nicht. Es könnte auch auf eine Initiative einzelner Hochschulrektoren zurückgehen.
Ist das nicht einer der neuralgischen Punkte des aktuellen Problems in Bezug auf Antisemitismus an den Unis?
I Ja. Wissenschaftstechnisch total. Man sieht daran aber auch, dass das Thema mit so viel Angst besetzt ist. Man weiß nicht genau, was Antisemitismus ist, wehrt ab und versucht, das Problem politisch so klein wie möglich zu halten.
Was von Ihrem Screening nicht erfasst wurde – und was auch nicht der Auftrag war –, ist, wie viele Lehrveranstaltungen im Gegenzug potenziell Antisemitismus verstärken, Stichwort postkoloniale Theorien. Bräuchte es hier nicht auch ein genaues Hinschauen?
I Es gibt von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ein laufendes Forschungsprojekt, das Antisemitismus an den Hochschulen bearbeitet. Ich hoffe, dass man sich in diesem Rahmen genau ansieht, welche Bereiche an den Unis zur Förderung von Antisemitismus beitragen. Ich finde, dass es wichtig wäre, sich in einer neuen Studie genau anzusehen, was inhaltlich in Lehrveranstaltungen vermittelt wird und nochmals gezielte Maßnahmen zur Implementierung antisemitismuskritischer Bildung an den Universitäten vorzuschlagen. Eine solche Bildung auf Hochschulebene ist ein ganz wichtiger Dreh- und Angelpunkt zur Prävention von gegenwärtigen und historischen Formen von Antisemitismus.
Zur Person
Martina Bär, geb. 1976 in Baden-Württemberg, ist katholische Theologin. Seit 2022 ist sie Professorin für Fundamentaltheologie am Institut für Systematische Theologie und Liturgiewissenschaft der Universität Graz und leitet dort das Institut und den Fachbereich Fundamentaltheologie. Seit Oktober 2024 hat sie zudem das Amt der Vizestudiendekanin inne. Sie habilitierte sich 2018 an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen mit der Arbeit „Urbane Logik und Theo-Logik. Gottesrede in (post-)modernen Staatsgesellschaften“.
























