„Unmoralischer Mafia-Typ“

Wir haben Robert Dornhelm zum WINA-Interview gebeten. Wir sprachen mit ihm über die Auswirkungen der Coronapandemie auf das Filmbusiness, darüber, wie seine Familie die NS-Zeit überlebt hat, aber auch über seine Prophezeiungen zu Trump und den Folgen einer Wiederwahl.

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Robert Dornhelm. „Alles ist besser, als nicht zu arbeiten.“ © Jeff Mangione / picturedesk.com

Weder die vielen internationalen Preise noch zahlreiche Emmy- und Oscar-Nominierungen haben den Regisseur Robert Dornhelm als Mensch verändert. Er ist der zugängliche, humorvolle und politisch engagierte Zeitgenosse geblieben, obwohl er mit den ganz großen Stars der Filmwelt gearbeitet hat: mit Grace Kelly und Lauren Bacall ebenso wie mit Ben Kingsley, Dennis Hopper und Steven Spielberg. Auch Michael Köhlmeier und Felix Mitterer schrieben Drehbücher für seine Projekte, und die Größen des deutschsprachigen Films wie Klaus Maria Brandauer, Hannelore Elsner, Joachim Król oder die Starsopranistin Anna Netrebko spielten unter seiner Regie.

Wina: Bei welchem Projekt hat Sie der Coronavirus-Shutdown erwischt?
Robert Dornhelm: Wir standen drei Wochen vor Drehbeginn von Vienna Blood. Den ersten drei Folgen der Krimiserie, die bereits auf BBC, PBS und ORF gesendet wurde, sollten Teil 4, 5 und 6 folgen: Die Ausstrahlung dieser britisch-österreichisch-amerikanisch-deutschen Koproduktion war für Jänner 2021 geplant, das wird nicht mehr passieren. Im August können wir aber wieder mit der Arbeit anfangen.

Wie erging es den Schauspielern und der gesamten Crew nach dem plötzlichen Abbruch?
Es war für alle eine Katastrophe. Die meisten hatten über Weihnachten und Jänner nicht gearbeitet. Plötzlich wurden sie gekündigt, hatten aber nicht genug Wochen beisammen, um Arbeitslosenunterstützung zu erhalten. Viele mussten von der Notstandshilfe leben. Daher bin ich froh, dass es jetzt vorbei ist.

Können Sie jetzt schon von Normalität sprechen, ist alles wieder „auf Schiene“?
Nicht ganz, aber doch so weit, dass wir unter Einhaltung aller absurden Vorschriften weitermachen können. Es ist schon klar, dass man sich vor einer zweiten Welle schützen will und auch soll, aber einiges mutet an wie ein Schildbürgerstreich.

Geben Sie uns Beispiele.
Es soll ein Korridor eingerichtet werden, durch den die Schauspieler mit Maske gehen und diese dann beim Sprechen abnehmen. Und beim Hinausgehen müssen sie im Korridor die Maske wieder aufsetzen. Die Ton- und Kamerateams, die viel mit den Schauspielern und Komparsen zu tun haben, sollen alle vier Tage getestet werden. Die diversen Teams dürfen nicht miteinander essen, alles wird serviert: Ich habe 100 Menschen am Set wie man da in einer Stunde fertig sein will, weiß ich nicht. Aber von Filmteams, die schon arbeiten, haben wir gehört, dass man es einrichten kann also: Alles ist besser, als nicht zu arbeiten.

Werden diese Auflagen im August denn noch gelten?
Absolut, nur so bekommt man die Drehgenehmigung. Es gibt sogar einen offiziellen Aufpasser am Set, der alles überwacht.

»Besonders bestürzend und enttäuschend ist die Unterstützung eines Teils der amerikanischen Juden für Trump. Er ist und bleibt ein Antisemit.«

Für Vienna Blood haben Sie international bekannte Schauspieler engagiert. Können sie schon einreisen?
Noch nicht, es sind vor allem Engländer, und dort sind die Konditionen merklich schlimmer. Mein Problem ist, dass ich viele britische Kleindarsteller habe, die normalerweise nur für zwei oder drei Drehtage hierher kommen. Wenn sie aber zurückfahren wollen, müssen sie in 12-tägige Quarantäne. Am liebsten wäre mir, sie blieben hier, aber für drei Monate Dreharbeiten ist das zu teuer.

Sie haben viele aufwändige Filmserien, wie zum Beispiel Hotel Sacher oder Maria Theresia, gedreht und zuletzt dreimal Oper im Steinbruch in St. Margarethen/Burgenland inszeniert. Was machen Sie lieber?
Mein Handwerk ist eindeutig der Film. Ich konnte diese Opern nur machen, weil darin viele visuelle Elemente enthalten sind, bei denen ich mich besser auskenne. Zum Glück hatte ich gute Dirigenten und Sänger, sodass ich selbst nicht viel verhauen konnte. Meine erste Liebe gilt dem Film: Dieser ist für mich auch eine Art Oper, denn ob ein Ton gesungen wird oder dem Rhythmus der Sprache folgt, ist egal. Ein Filmschnitt ist bei mir, als ob der Vorhang fällt. Ich finde, dass der Film der Oper näher ist als das Theater.

»Da ich keine Angst vor der Größe hatte, gelangte ich in die Riege jener Regisseure, denen man große Produktionen anvertrauen konnte.«

Hat sich der frühere Staatsoperndirektor Ioan Holender, der ihr Cousin ist, als Berater eingebracht?
Ja, indem er ausrief: „Du verstehst nichts, lass’ die Finger davon!“ Oder: „Robi, was machst du da für einen Blödsinn!“

Die Bandbreite Ihrer Filme reicht von einem Robert-Kennedy-Porträt bis zum Leben der Anne Frank, von Kronprinz Rudolf bis zur Kaiserin Maria Theresia. Woher kommt diese historische Affinität?
Nachdem ich für Anne Frank einen Emmy gewonnen hatte, kamen die ersten Angebot für Spartacus und Die Zehn Gebote, alles Projekte mit großen Massenszenen. Da ich keine Angst vor der Größe hatte, sie eher als künstlerische Herausforderung sah, gelangte ich in die Riege jener Regisseure, denen man große Produktionen anvertrauen konnte. Diese Entwicklung in den USA war überraschend, weil meine Stärke das Dokumentarische war und ich zuvor kleine poe­tische Low-Budget-Filme machte. Das war ein Trip vom zarten Aquarell zum großen Ölgemälde.

Sie wurden 1947 im rumänischen Timişoara (Temesvár) geboren und kamen mit Ihrer Familie 1961 nach Wien, wo Sie an der Filmakademie studierten und danach als Dokumentarfilmer für den ORF arbeiteten. Konnte die Familie legal nach Österreich einreisen?
Nein, wir mussten uns für viel Geld herauskaufen. Über einen Schweinehändler, der nach Amsterdam Schweinebäuche lieferte, konnte man im rumänischen Landwirtschaftsministerium falsche Pässe kaufen. Über tausend Familien sind so gekommen.

Konnte die Familie im Kommunismus ein jüdisches Leben führen?
Mein Großvater besaß ein großes Unternehmen, mein Vater war Textilingenieur, er hatte in England studiert. Die Großeltern waren religiös, an die Feiertage bei ihnen kann ich mich gut erinnern. Meine Mutter war nicht fromm, eher abgeklärt. Auch gegenüber den Kommunisten. Sie sagte immer zu mir: „Gib’ alles her, wir haben überlebt, was ist noch wichtig …“

Seit Anfang der 1980-Jahre verlegten Sie Ihren Arbeits- und Lebensmittelpunkt nach Los Angeles, wo Sie – außer in Österreich – mit Ihrer Frau Lynn leben. Was sagen Sie zur politischen Lage in den USA?
Ich bin entsetzt, bestürzt, angewidert. So schlimm, wie es jetzt ist, hätte ich es mir nie vorstellen können. Vor dem Trump-Sieg im November 2016 hat der Kurier eine Befragung unter USA-Kennern gemacht, und meine Aussagen von damals sind leider wahrgeworden: Mein Zitat „Trump geht über Leichen“ wurde zur Überschrift, weil ich damals behauptete, dass seine Präsidentschaft mit Rassenkrawallen bis zur Bürgerkriegsgefahr enden und die Wirtschaft massiv leiden würde. Und dass er nur durch Gewaltanwendung zurücktreten wird, denn er weiß, dass er sicher ins Gefängnis geht.

Werden das seine Anhänger bis zur Wahl alles vergessen haben?
Nein, aber seine Unterstützer halten zu ihm. Es ist beängstigend, wie verblendet die Menschheit ist. Sie haben aus der Geschichte nichts gelernt. Da wir für eine jüdische Zeitschrift sprechen: Besonders bestürzend und enttäuschend ist die Unterstützung eines Teils der amerikanischen Juden für Trump. Er ist und bleibt ein Antisemit: In den 1980er-Jahren hat er gesagt, dass ihn die Lektüre von Mein Kampf sehr beeindruckt habe. Und spätestens, als er bei Demos von US-Nazis gegen Demokraten behauptete, beide Seiten hätten gute Argumente, hätte man ihn als Jude fallen lassen müssen. Stattdessen schürt er den Antisemitismus mit seiner kurzsichtigen Israel- und Netanjahu-Politik. Wenn man ihn als Jude verteidigt, hat man aus der tragischen Geschichte nichts gelernt – und das ist unentschuldbar.

Wird er dennoch wiedergewählt?
Es ist unvorstellbar, dass dieser unmoralische Mafia-Typ weitermacht: Das wird für die freie westliche Welt ganz furchtbare Folgen haben. Und wer immer diesen Scherbenhaufen beerbt, wird keine große Freude haben.

Sie äußern sich immer wieder klar zu Rassismus und Antisemitismus. Wie beurteilen Sie die Lage in Europa?
Der Antisemitismus wächst unwahrscheinlich schnell und ist beunruhigend. Klarerweise gibt es auch die antimuslimische Politik, die zum Beispiel in Frankreich Anlass dafür ist, dass die primitivsten ins Religiöse verkehrten antisemitischen Angriffe eskalieren. Dass Anti-Israelisches mit Anti-Jüdischem vermischt wird, liegt in der Natur der Sache.

Sind Sie zuversichtlich, dass die Erfahrungen aus der Coronakrise die Welt ein Stück weit zum Positiven verändern werden?
Ich wünschte mir das natürlich, viele haben auch begriffen, dass wir auf Einiges verzichten könnten: Mein Sohn wohnt in Hollywood, wo er den dichten Smog und den ständigen Lärm von zwei Flughäfen und einer zehnspurigen Autobahn „genießen darf“. Vor drei Monaten hörte er zum ersten Mal Vogelgezwitscher. Aber ob von diesen diversen Erinnerungen etwas Nachhaltiges bleibt, das man praktisch umsetzen kann? Die Sehnsucht danach ist sicher vorhanden.

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