Unsere Daten gehören uns

Die frühere Harvard-Wirtschaftsprofessorin SHOSHANA ZUBOFF schreibt und agitiert gegen den herrschenden Überwachungskapitalismus an.

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©123RF

Was haben wir vorher gesagt? Haben Sie aufgepasst? Ich habe lange in Harvard unterrichtet, Achtung! Ich könnte jeden von Ihnen direkt ansprechen.“ Shoshana Zuboff weiß, wie man ein Publikum mit Eleganz und Witz auch durch schwierige Materien führt. Sie hat den großen Saal der Arbeiterkammer Wien bis auf den letzten Platz gefüllt, auch in den Vorräumen drängen sich noch Menschen. Ihre Tour durch Deutschland und Österreich ist zugleich politischer Aktivismus wie Buchpromotion für ihr ziegelsteinschweres, auch inhaltlich gewichtiges Werk Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus.
Zuboff hat an diesem Buch mehr als sieben Jahre geschrieben, dafür zahlreiche Interviews mit Spezialisten im Silicon Valley geführt, ihnen freilich Anonymität zugesichert. Sie hatte als promovierte Sozialpsychologin lange in Harvard an der Wirtschaftsfakultät gelehrt, auch Unternehmen beraten. Ihre Familie stammt ursprünglich aus der Ukraine, der Großvater kam als kleines Kind aus einem Stetl in die USA, weil seine Eltern den Pogromen der Kosaken entkommen wollten.
In ihrem Buch analysiert Zuboff das heute dominierende Wirtschaftssystem, das innerhalb weniger Jahre einen ähnlich dramatischen Umbruch einleitete wie im 19. Jahrhundert die Massenproduktion in der Industriegesellschaft. „Das war der letzte unbewachte und von Gesetzen nicht geregelte Raum“, so Zuboff. „Und die Macht füllt jeden Leerraum.“
Es ist ihr wichtig, dass sie nicht als Technikfeindin gesehen wird. Man möge nicht die Technologie mit deren Anwendungen verwechseln: „Der Überwachungskapitalismus ist keine Technologie“, schreibt sie in ihrem aktuellen Buch, „er ist vielmehr die Logik, die die Technologie und ihr Handeln beseelt“. Dabei gehe es auch nicht um einzelne Schurken im Management von Firmen, die sich üble Sachen ausdenken, sondern um eine in sich geschlossene neue ökonomische Methodik, der die Unternehmen weltweit folgen.

»Die Daten von uns allen, die man sammelt,
ohne uns zu fragen,
werden zu einem neuen Rohstoff,
sie fließen in komplexe Lieferketten ein.« 

Shoshana Zuboff

Verhalten vorhersagen. Im Zentrum stehen das Sammeln, Absaugen und automatisierte Weiterverarbeiten von unvorstellbar großen Datenmengen über jeden einzelnen Konsumenten und Bürger. Ein Teil dieser Daten diente ursprünglich – und dient auch weiterhin – zur Verbesserung der digitalen und analogen Produkte, von Suchmaschinen bis zu Übersetzungsapps, von Navigationssystemen bis zu Fotoapparaten. Doch das ist längst nicht mehr der alleinige und Hauptzweck dieser Akkumulation. Zuboff: „Die Daten von uns allen, die man sammelt, ohne uns zu fragen, werden zu einem neuen Rohstoff, sie fließen in komplexe Lieferketten ein. Die Produkte sind dann eigentlich die Vorhersagen menschlichen Verhaltens: ‚Was werden wir früher oder später tun?‘ Diese Daten sind über uns, aber sie sind nicht für uns. Sie werden an kommerzielle Kunden weiterverkauft.“

Shoshana Zuboff hat an ihrem Buch mehr als sieben Jahre geschrieben und dafür zahlreiche Interviews mit Spezialisten im Silicon Valley geführt. © Campus Verlag/Sascha Pfaeging

In erster Linie gehe es dabei um personalisierte Werbung, um das Ansprechen der Kunden zum möglichst genauesten Zeitpunkt, nachdem aus zahlreichen Quellen möglichst viel über sie zusammengetragen und automatisiert verarbeitet wurde. Zuboff bringt ein Beispiel: Google hat über Jugendliche aus deren Suchanfragen und Aktivitäten in sozialen Netzen extrem genaue Muster erstellt, so dass sie deren Stimmungshochs und -tiefs vorhersagen können. „Dann wird die schwarze Lederjacke am Donnerstagabend angeboten, mit Liefertermin Freitag, gerade rechtzeitig fürs Wochenende. Das funktioniert.“
Am Anfang dieses Systems stand auch Google, freilich noch nicht gleich mit einem durchdachten strategischen Konzept. Ursprünglich wollten dessen Gründer die Suchmaschine werbefrei halten, doch dann wurden seine Financiers ungeduldig, weil sich keine mittelfristige Rentabilität argumentieren ließ. Also trat – eigentlich aus Not – Plan B in Kraft. Die Google-Gründer hatten gesehen, dass sie über die Suchanfragen viel mehr Daten sammeln konnten, als sie ursprünglich brauchten. Nun nutzen sie diese, um damit zielgerichtet Werbung auf ihrer Plattform zu machen.
„Googles Prioritäten bei der Rückinvestierung verlagerten sich von der bloßen Verbesserung des Angebots hin zur Erfindung und Institutionalisierung der tiefgreifendsten und technologisch fortschrittlichsten Rohstoffbeschaffungsoperation, die die Welt je gesehen hatte.“ Demselben Muster folgten dann bald die anderen Tech-Konzerne wie Facebook oder Microsoft. Laut Zuboff hatte damit das Internet seine emanzipatorische Hoffnung verloren und „eine dunklere Wendung“ genommen.

Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus. Campus Verlag, 727 S., € 30,80

Der Einsatz von heimlich gesammelten Daten zur Prognose und letztlich zur Manipulation der Kunden war ein durchschlagender globaler Erfolg, beherrscht inzwischen die unterschiedlichsten Branchen, von der Gesundheit bis zur Bildung, von den Versicherungen bis zu den Banken, von der Unterhaltung bis zur Industrieproduktion. Sogar der Autobauer Ford bietet mittlerweile Fremdkunden jene Daten an, die er bei seinen Autokäufern und Kreditnehmern gesammelt hat. „Diesen Hintergrund haben alle Produkte, die sich irgendwie smart nennen oder personalisiert daherkommen“, erläutert Zuboff.
Aber die Kombination aus heimlichem Abschöpfen und mathematisch kalkuliertem Einsatz zur Beeinflussung blieb nicht auf den kommerziellen Bereich beschränkt. Zuboff zitiert die Beiträge von Cambridge Analytica für die Wahl von Donald Trump. Dabei wurden auf Basis von Millionen von Facebook-Accounts Wähler genau identifiziert und dann automatisiert einzeln ausgewählt, um sie von der Wahl von Trumps Gegnerin Hillary Clinton abzuhalten.
Zuboff, die unmittelbar vor Wien Berlin besucht hatte, bringt eine Analogie zu den 30er-Jahren. „Den Totalitarismus, ob in Deutschland, Italien oder der Sowjetunion, hat man damals nicht gleich verstanden, nicht gewusst, wie er funktioniert. Und auch heute handelt es sich um eine neue ökonomische und politische Macht, deren innere Logik wir erst verstehen müssen.“ Diese neue Macht kommt wohl ohne Gewalt aus, aber sie versteckt sich hinter scheinbar objektiven Rechenoperationen, die sie aber nie nachvollziehen lässt.
Darauf müsse man politisch antworten, so Zuboff. „Unsere Vorfahren haben für die Demokratie gekämpft, wir dürfen sie nicht leichtfertig verspielen.“ Man solle jener Ideologie keinen Glauben schenken, die ständig wiederholt, dass die langsamen demokratischen Prozesse Fortschritt und Wirtschaftswachstum verhinderten. „Für die Demokratie ist es notwendig, dass ich bei meiner Datennutzung mitsprechen kann.“
Dafür müsse die Politik sorgen, auf europäischer Ebene tue sich schon einiges, und auch in den USA gibt es nach längerer Pause wieder mehrere Gesetzesentwürfe im Senat und im Repräsentantenhaus, die den Wildwuchs im Internet regulieren wollen. Ziel sei ein Aufbrechen der existierenden Monopole, ein bunteres Webbiotop, in dem unterschiedliche kommerzielle und öffentliche Plattformen nebeneinander agieren können. „Aber wir müssen diese mutigen Politiker unterstützen.“ In ihrem Buch schreibt sie: „Wir müssen entscheiden, wer entscheiden soll. Es ist unser Kampf für eine menschliche Zukunft.“

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