
Bereits davor hatte mich Brigitte Landesmann auf den gerade 21-jährigen Noah Elias Jakovljevic aufmerksam gemacht, der sie offenbar sehr beeindruckt hatte. Und so saßen wir an einem sonnigen Tag auf ihrer Terrasse, wo beide im lockeren Zwiegespräch quasi aus der Schule plauderten.
Warum gerade sie neben zwei anderen Teilnehmern für den parlamentarischen Festakt ausgewählt wurden? „Er, weil er als Auslandsdiener des Jahres der Leuchtturm ist, und ich, weil ich die komische Alte bin!“, lacht Brigitte. „Wir kennen einander seit der einjährigen Vorbereitung für das Engagement.“
Als sie zufällig erfahren hatte, dass es für diesen Dienst keine Alters- oder Geschlechtsgrenzen gibt, hat sich Landesmann als 70-jährige pensionierte Kardiologin mit reichlich Auslandserfahrung begeistert beworben und sich dann unter den ganz jungen, meist männlichen Kollegen von Anfang an angenommen und wohlgefühlt.
Motivationen. Zum Gedenkdienst, eine Form des Zivildiensts, kommt man nicht ganz zufällig, eine familiäre Prägung ist öfter zu beobachten.
So war Noahs Urgroßvater Widerstandskämpfer in Kroatien, Brigittes Eltern Verfolgte in der Shoah. Eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust im Vorfeld wäre jedenfalls wünschenswert, eine persönliche Motivation muss man auch bei der Bewerbung nachweisen. „Ich wohne in der Nähe des KZ Mauthausen. Dort gibt es die Klagemauer mit einer Tafel der Portugiesen, das hat mich überrascht und interessiert, denn mit Porto hatte ich nur Fußball verbunden. Und weil das Holocaust-Museum in Porto das einzige in Portugal ist, habe ich mich dafür beworben“, erzählt Noah.

„Ich habe von vornherein
gesagt, ich konkurriere nicht
mit 18-Jährigen.“
Brigitte Landesmann
Brigitte, die ursprünglich nach Buenos Aires gehen wollte, von dort aber keine Antwort erhielt, wollte nach ihrer jahrelangen Tätigkeit für ein medizinisches EU-Forschungsprojekt in der Lombardei „nach Rom, ins echte Italien. Ich habe aber von vornherein gesagt, ich konkurriere nicht mit 18-Jährigen. Wichtiger ist es, dass diese hingehen, aber für Rom war Italienisch Voraussetzung, das die anderen Bewerber überhaupt nicht konnten. Da bin nur ich übrig geblieben.“
Ihr Interesse für die Holocaust-Thematik entwickelte sich erst langsam, auf der Spurensuche nach dem Ort in Transnistrien, in der heutigen Ukraine, wo ihre Eltern während des Krieges als Juden in Gefangenschaft waren. „Sie wollten aber nicht, dass ich dorthin fahre.“
Sie hatte bereits Stolpersteine und ähnliche Aktivitäten organisiert, „aber in Rom war es ein Jahr des tiefen Eintauchens und der intensiven Beschäftigung.“
Vielseitige Tätigkeit. Gefragt, ob ihre Erwartungen vor Ort eingelöst wurden, antworten beide euphorisch: „Übertroffen!“
Da das Holocaust-Museum seit dem 7. Oktober 2023 nicht ständig geöffnet ist, wurde Noah eingeladen, auch in der Synagoge und im Jüdischen Museum in Porto zu arbeiten. „Das war das Beste, das mir passieren konnte!“
Die sehr diverse Gemeinde, die es seit 1923 gibt, hat zurzeit 1.100 Mitglieder. Außerdem sind etwa noch 400 jüdische französische Studierende vor Ort. „Vor 15 Jahren gab es nur 30 Juden, dann erlaubte ein Gesetz Nachkommen sephardischer Juden, einwandern zu können – das gibt es jetzt nicht mehr. Die Menschen stammen aus der gesamten Diaspora. Der Präsident kommt z. B. aus Brasilien“, weiß Noah.

„Mir ist es wichtig, die Rolle
Österreichs im Holocaust zu betonen.“
Noah Jakovljevic
Er hat als Guide Touristen geführt, „an den Feiertagen Siddurim hin und her geschleppt, und sehr gern habe ich geholfen, am Freitag mit dem Schammes, einem jemenitischen Juden, einen Schabbateintopf zu kochen. Ich habe mich extrem gut aufgenommen gefühlt. Ich bin nicht jüdisch, was aber überhaupt nichts ausgemacht hat, ich wurde wie ein Adoptivsohn behandelt, sie haben auch meine Familie bei deren Besuchen lieb empfangen. Jeden Tag habe ich mich gefreut, in die Synagoge zu gehen, einzig mit Besuchern vor allem im Holocaust-Museum gab es negative Erlebnisse, allerdings nur wenige.“
Brigitte hatte sich das Museo della Shoah in Rom ausgesucht, das im Park der Villa Torlonia, der ehemaligen Residenz von Benito Mussolini, entsteht. Eine 2008 gegründete Fondazione bereitet dieses Museum seither wissenschaftlich vor. Da jedoch der Baubeginn immer wieder verschoben wird, stellt die Stadt Rom der Stiftung seit 2015 die Casina dei Vallati am Rand des antiken Ghettos zur Verfügung.
„Das ist ein traumhaft schönes Haus, und sie machen dort wirklich sehr viel, allein, als ich dort war, gab es drei Ausstellungen, Tagungen, Vorträge, Ausbildungen für Lehrer:innen und vieles mehr. Viel Zeit habe ich auch im Zentralarchiv der jüdischen Gemeinden Italiens verbracht, wo deren Originaldokumente liegen, die schon äußerst fragil sind, weshalb ich sie fotografieren sollte. Aus der Periode von 1934 bis 1945 gibt es sehr viele interessante Dokumente, unter anderem auch eine Kommunikation mit der IKG Wien, weil damals viele Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich nach Italien gingen, wo es noch besser war. Dabei habe ich viel über den Faschismus und die Geschichte Italiens gelernt und das dann auch bei den Führungen in den Ausstellungen vermittelt, die ich geliebt habe. Es kamen Touristen aus ganz Italien, die auch Beziehungen zum Ort hatten; da gab es tolle Gespräche. Es war unheimlich vielseitig.“ Aufgrund ihrer Sprachkenntnisse konnte Brigitte auch Texte für Ausstellungen und Kataloge von Italienisch auf Englisch übersetzen und damit dem Museum Kosten sparen. „Ich wurde sogar angefragt, ob ich das weitermachen möchte; ich kann also weiterhin noch ein bisschen beitragen.“
Den Kontakt mit Menschen haben beide geschätzt, besonders Noah, der „vorher noch sehr introvertiert war“. Der individuelle Spielraum war groß, und so bekam er auch die Möglichkeit, eine Ausstellung über Simon Wiesenthal und das KZ Mauthausen zu gestalten; seine portugiesischen Sprachkenntnisse für diese Arbeit konnte er sich direkt vor Ort aneignen. „Da Wiesenthal das KZ Mauthausen überlebt hat, habe ich den Titel Überlebender, Zeitzeuge, Nazijäger gewählt. Mir ist es wichtig, die Rolle Österreichs im Holocaust zu betonen, um aus diesem Opfermythos rauszukommen.“
Als „Auslandsdiener des Jahres 2025“ wurde Noah für seine gesamte Vermittlungstätigkeit ausgezeichnet, die er noch um einen ihm besonders wichtigen Bereich erweiterte. „Zwei Minuten von der Synagoge liegt die deutsche Schule, die aber nur sehr selten die Gemeinde besucht hatte, da sie nicht wussten, wie man da zu den Deutschen steht. Ich habe regelmäßige Besuche vorgeschlagen, bei denen ich Führungen auf Deutsch machte, und damit waren alle zufrieden, denn die Schüler:innen hatten in mir einen Muttersprachler. Dieser Kontakt hat sich dann intensiviert, es entstanden schöne Kooperationen, die auch noch jetzt mit dem jetzigen Auslandsdiener fortgeführt werden. Nächstes Jahr kommt ein Mädchen auf die dortige Stelle.“
Eine Frage, die Noah, den viele immer wieder für einen Juden hielten, in der Synagoge von Porto gestellt wurde, wird seiner Nachfolgerin erspart bleiben. „Ein älterer Amerikaner hat mich rundheraus gefragt, ob ich beschnitten bin.“
Ausblicke. Die Zukunft des Auslandsdienstes wäre bei der zur Diskussion stehenden Erweiterung auf 15 Monate, analog zum Wehrdienst, gefährdet. Denn damit müssten junge Leute mehr als ein Studienjahr dafür aufbringen. Und den Aufenthalt muss man sich auch leisten können, denn man bekommt nur ein Taschengeld, das meist nicht kostendeckend ist. In Israel, wo viele Gedenkdiener tätig waren, und im gesamten Nahen Osten sind seit dem 7. Oktober 2023 alle Stellen gesperrt, ebenso in den Kriegsgebieten Russland und Ukraine.
Auslandserfahrungen prägen das spätere Leben immer, und besonders ehemalige Gedenkdiener bilden auch aufgrund der gemeinsamen Werte ein tragfähiges Netzwerk. Auch Noah schätzt als Student in Wien die „extrem liebe Bubble“ mit Gleichgesinnten aus den Bundesländern.
Brigitte, initiativ wie immer, hat eine EU-Gruppe innerhalb des Auslandsdienstes gegründet, „denn wenn wir außerhalb Europas tätig sind, repräsentieren wir eigentlich nicht nur Österreich, sondern auch die EU, und das kam bisher in der Vorbereitung nicht vor. Wir hatten zweiwöchentlich Treffen, zu denen ich Menschen verschiedener Organisationen eingeladen habe. Ich habe das drei Jahre lang gemacht und jetzt auch einen Nachfolger gefunden.“
Im Parlament wurden Brigittes engagierte Statements mit Szenenapplaus bedacht, den sie spontan nutzte, um für ein Holocaust-Museum in Österreich einzutreten. „Erfolg hatte das natürlich keinen, aber ich habe der Regierung, die komplett anwesend war, zumindest gesagt, dass dieses Papier, das da vor einem Jahr dazu in Auftrag gegeben wurde, bislang gar nichts gebracht hat.“
Einem Holocaust-Museum in Wien würde Noah sofort als Tour Guide zur Verfügung stehen. Seine diesbezügliche Bewerbung im Jüdischen Museum war nicht erfolgreich. Auch Brigitte ist mit ihren Bewerbungen als ehrenamtliche Mitarbeiterin abgeblitzt.
„Ich habe mich in Wien beim Mauthausen-Komitee als Außenlager-Guide beworben. Wer weiß denn schon, dass es in Wien an die 20 Lager gab? Ich wurde aber nicht genommen, weil ich ,zu alt‘ bin. Sie haben das natürlich nicht so gesagt. Ich habe mich beim DÖW und beim Wiesenthal-Institut beworben, aber niemand nimmt Freiwillige.“
Über „ungelegte Eier“ will sie nicht sprechen, lacht Brigitte verschmitzt, aber sie, die weder Alters- noch Ortsgrenzen kennt, will im Bereich Holocaust-Studien weitermachen. „Es ist so vieles unerforscht, viele Archive sind erst geöffnet worden, und alles ist total spannend!“





















