Vegane Verschwörungsmythen

Seit Corona verunsichern Verschwörungstheorien die sozialen Netzwerke. Tun sie das auch in veganen Netzwerken – und ist das ein Zufall?

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Was ist das gerade mit Corona?“, fragt der vegane Starkoch Attila Hildmann in seinem Telegramm-Chat: „A) Dritter Weltkrieg! Leiser Angriffskrieg der Kommunisten & Weltbänker! B) Eine gefährliche Viruspandemie C) Eine große Verarsche?“ Verfolgt man den Kanal des Berliners, sieht die geteilten „Impfen macht frei“-Grafiken, ist klar: Hildmann würde sich nicht für Antwort B entscheiden. Der in der deutschen Öffentlichkeit als Vorzeigeveganer bekannte Koch wurde unter dem Eindruck der Corona-Pandemie zu einem Vorzeigeexemplar für antisemitische Verschwörungstheoretiker. Gibt es derlei Verschwörungstheorien auch in Österreichs veganer Szene und besteht ein Zusammenhang zwischen solch kruden Ideen und dem veganen Lebensstil?
Antworten auf diese Fragen fallen unterschiedlich aus. Userin Emmile C. schreibt in einer Wiener Vegan-Gruppe auf Facebook: „Verschwörungstheorien orientieren sich nicht an der Ernährung. Dass auch Veganer Verschwörungstheoretiker sein können, ist halt so.“ Die Zeitung Die Welt hingegen titelte „Veganer und Verschwörungstheoretiker: zwei Welten, die zusammenpassen.“
Klar ist, mit Eintreten der Corona-Pandemie, befeuert durch die Ausgangsbeschränkungen und die Eingriffe in den Alltag jedes einzelnen, stehen Verschwörungstheorien hoch im Kurs. Nur, ob vegan lebende Menschen anfälliger für Verschwörungstheorien sind als etwa Fleischessende, ist wissenschaftlich kaum untersucht. Eine Onlinebefragung des Infoportals vegan.eu kam zum Ergebnis, dass die über 3.000 teilnehmenden Veganer und Veganerinnen für Mythen über Chemtrails, die Weltverschwörung oder Corona-Lügen kaum empfänglich waren. Methodische Schwächen der Befragung legen allerdings nahe, dass sie nur bedingt aussagekräftig ist. Zudem umfasst „die vegane Community“ alles von linken Tierrechtsaktivistinnen und Klimaaktivisten bis hin zu esoterischen Gesundheitsveganern, Lifestyle-Hedonisten und rechten Tierschützerinnen. Dass es unter Veganern auch Anhänger abs­trusester Verschwörungstheorien gibt, ist unbestritten, dass es dort aber auch Widerspruch gibt, ebenso.
Wenig überraschend sind die wildesten Mythen in sozialen Medien und auf Youtube zu finden. Es ist das Kampffeld der Truther, der Verschwörungstheoretiker, wo sie Wahrheiten suchen können, abseits der von ihnen gescholtenen „Mainstream-Presse“. Das ist auch in veganen Kreisen nicht anders.

Warum sollten all die anderen als gegeben hingenommenen Tatsachen dann nicht auch gelogen sein? Der Übergang von kritischem Denken zum paranoiden Skeptizismus ist fließend.

Peacefood. Einer der bekanntesten unter ihnen ist der in der Steiermark lebende Autor und Heilpraktiker Rüdiger Dahlke. Unter dem Begriff „Peacefood“ propagiert er auch die vegane Lebensweise. Einer Studie von NewsGuard zufolge firmiert Dahlkes Social-Media-Auftritt unter elf „Superspreadern“ von Falschinformationen über das Coronavirus. Auf seinen Kanälen vermengt sich die Kritik am profitorientierten Gesundheitssystem und wirtschaftlichen Interessen der Pharmaindustrie mit Mythen von geheimen Mächten und Wundermitteln. Er verbreitet die Annahme, dass man sich mit „pflanzlicher Kost weder vor einer zweiten noch überhaupt einer zukünftigen Grippewelle fürchten“ müsse. Allen gesundheitlichen Vorzügen veganer Ernährung zum Trotz, gegen Corona immunisiert sie mit Sicherheit nicht. Sie immunisiert Dahlke aber gegen Kritik, wie es scheint: „Wenn die Tatsache, nicht mehr auf jede Manipulation hereinzufallen mich zum Verschwörungstheoretiker macht, empfinde ich das als Auszeichnung.“
Bewegt man sich in den Untiefen der sozialen Medien weiter, stößt man auch in Vegangruppen auf Vertreter diffusester Mythen, so etwa Johanna S.. Die Wienerin ist um die 60 Jahre alt, sehr alternativ, Indien-affin und lebt vegan. Schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie postete sie neben Tierschutz- und Veganthemen über die vermutete Gefährlichkeit der 5G-Technologie. Mit Verhängung der Ausgangsbeschränkungen brachen bei Johanna S. alle Dämme, und sie verrannte sich in eine durch Paranoia getragene Echokammer: „Wie Bill Gates den globalen Nachrichtenverkehr und die Zensur kontrolliert“, postete sie. In den nächsten Monaten folgten hunderte Links zu Youtube-Videos mit vermeintlichem Geheimwissen, „zensierten Fakten“ und „verbotenen Reden“. Die Facebook-Timeline von S. prägt ein Modus der Dauerempörung, und Kommentare wie „Hoffentlich wird dieses Lügenkartell um diese ‚Plandemie‘ bald aufgedeckt!“ stehen an der Tagesordnung. In der Masse der geteilten Links finden sich auch antisemitische Inhalte, wie Falschnachrichten über George Soros und „die Übernahme dunkler Mächte, der Kabbalisten“ – ein eindeutiger Code für Juden. Ein inhaltlicher Bezug zwischen Menschenfeindlichkeit und Tierschutzinhalten sind bei S. nur in einem Fall zu erkennen: Die Corona-Krise lasse „Mutter Natur aufatmen“ – verschwiegen werden dabei die hunderttausenden menschlichen Todesopfer der Pandemie.
Johanna S.’ Profil zeigt, wie ein alternatives Weltbild, im aktuellen Fall von der veganen Lebensweise mitgeprägt, anfällig für Verschwörungstheorien ist. Warum? In Teilbereichen ihres Lebens hat Johanna S. wohl gesehen, dass die Mehrheitsmeinung wichtige Realitäten verdeckt. So etwa das Stück Fleisch im Supermarkt: Als gesund präsentiert, verstecken sich dahinter aber Tierleid und Schlachtung. Für S. liegt die Annahme nahe: Warum sollten all die anderen als gegeben hingenommenen Tatsachen dann nicht auch gelogen sein? Der Übergang von kritischem Denken zum paranoiden Skeptizismus ist fließend.
Doch auch in der veganen Community gibt es Widerspruch gegen Verschwörungsmythen.
User Sascha O. etwa kommentiert Johanna S.’ Posts, sie sei nicht bereit, „sich aus der Sicherheit ihrer Informationsblase herauszubewegen“ – lieber würde sie beim Glauben bleiben, „im Besitz einer Wahrheit zu sein, die sonst keinem offenbart wurde“.
Widerspruch kommt auch von Georg Prinz. Er ist Aktivismusbetreuer bei der Tierschutzorganisation Verein gegen Tierfabriken und arbeitsbedingt auf Facebook in vielen veganen Gruppen und „mit sehr vielen vegan lebenden Personen befreundet“. Dabei stoße er immer wieder auf Profile mit kruden Ansichten. In der veganen Szene gäbe es „mehr streng rationale Menschen, aber auch mehr Verschwörungsanhänger“ als in der nicht-veganen Durchschnittsbevölkerung, so Prinz. „Man muss die Corona-Maßnahmen natürlich kritisch sehen, weil sie autoritär sind.“ Kein Verständnis aber habe er, wenn Corona zur Erkältungskrankheit kleingeredet oder zum Instrument eines neuen Faschismus hochstilisiert würde, so Prinz. Und auch er lebt vegan. Er unterscheidet zwischen denen, „die noch auf der Suche sind“, und denen, „die schon so festgefahren sind, dass Diskussionen nichts mehr bringen“. Letztere habe er auf Facebook entfreundet. Mit Ersteren „versuche ich zu reden, ihnen Quellen und Faktenchecks zu zeigen“.
Besteht also ein Zusammenhang zwischen Attila Hildmanns kruden Ideen der Corona-Verschwörung und dem veganen Lebensstil? Eine Antwort könnte lauten: Verschwörungsmythen bieten generell Anknüpfungspunkte für Alternativszenen, und die vegane ist eine davon.
So hat die eingangs zitierte Emmile C. irgendwie Recht: Verschwörungstheorien orientieren sich nicht an der Ernährung. Ob Veganer auch Verschwörungstheorien folgen, ist immer eine Frage ihres Weltbildes. Das kann ein progressives wie auch ein stark esoterisches sein, so wie bei Georg Prinz oder eben bei Frau S.

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