„Vielleicht müssen wir einmal selbst aus den USA flüchten.“

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Der „jüdische Cowboy“ Kinky Friedman ist Liedermacher, Schriftsteller und Comedian. 2006 stellte er sich als unabhängiger Kandidat zur Wahl des Gouverneurs von Texas.

Redaktion und Fotografie: Ronnie Niedermeyer

WINA: Was unterscheidet einen jüdischen Cowboy von allen anderen Cowboys?

Kinky Friedman: In den USA ergibt es sich ganz von allein, dass ab und zu ein Cowboy Jude ist. Da gibt’s mehr von uns als man vielleicht erwarten würde. Im Grunde kann jeder Cowboy werden – er muss nur reiten können, schießen können und die Wahrheit sagen. Was einen jüdischen Cowboy unter Umständen von seinen Kollegen unterscheidet ist seine Weltanschauung. In der Diaspora haben Juden es gelernt, die Gesellschaft von außen zu beobachten. Was auch für Künstler eine ganz gute Eigenschaft ist.

Sie sagten einmal sogar, Künstler müssen unglücklich sein, um überhaupt arbeiten zu können.

Ich bin überzeugt, dass jedem großen Werk Melancholie vorausgegangen ist. Ob das jetzt bei Schubert ist oder bei Hank Williams – in jedem Zeitalter und in allen Genres ist es der Fall. Außerdem lässt Genialität sich nicht planen. Du arbeitest, um deine Miete zu bezahlen, und plötzlich ist etwas großartiges entstanden. Wer sich fix vornimmt, ein Meisterwerk zu erschaffen, tut es nie.

Und was macht Sie unglücklich?

Mir geht es momentan ziemlich gut und das macht mir langsam sorgen. Aber es gibt viel Leid in der Welt und das versuche ich so gut es geht in neuen Songs festzuhalten. Vor kurzem habe ich Jesus in Pajamas geschrieben, ein Lied das ausdrücken soll, wie ein Kind einen Obdachlosen wahrnimmt. Sobald ich wieder in Texas bin, halte ich das Willie Nelson unter die Nase und falls er es aufnimmt, könnte daraus ein Hit werden.

Der bekannte Singer-Songwriter hat Sie immer ermutigt: Man muss nur lange genug scheitern, um den Erfolg zu finden. Wieso war Ihr politisches Gastspiel denn so kurz?

Ach, so kurz war’s gar nicht. Mein Wahlkampf lief 2005–2006 und als ich nicht Gouverneur von Texas wurde, bewarb ich mich dort als Landwirtschaftskommissar. Teil meines Programms war die Legalisierung von Marijuana. Das wäre so unglaublich sinnvoll, schon aus rein medizinischer Sicht. Die Krebsklinik in Texas gehört zu den weltweit besten und darf das Zeug nicht einsetzen, obwohl es viele der schlimmsten Symptome erleichtern würde.

U.S.-Politik ist mir sowieso ein Rätsel. Wie kommt es, dass ein so aufrichtiger, inspirierender Mensch wie Bernie Sanders aus den Vorwahlen ausscheidet und eine hasserfüllte Witzfigur wie Donald Trump ernsthafte Chancen hat, Präsident zu werden?

Bernie hätte als Präsident der USA in der Tat Geschichte geschrieben – es wäre nämlich das erste Mal gewesen, dass eine jüdische Familie dort einzieht, wo eine afroamerikanische Familie soeben ausgezogen ist! Es stimmt, dass Bernie die Gabe hat, zu inspirieren, aber Trumps Bekanntheit entstammt einer Reality-Show und genau das eignet ihn für die heutige Welt. Man darf den Menschen nicht allzu viel zutrauen: Immerhin konnte Van Gogh zu Lebzeiten kein Bild verkaufen, Mozart wurde in einem Armengrab verscharrt und in Jerusalem rief die Menge: „Befreit Barabas, tötet Jesus.“ Das werden sie leider immer rufen.

Ein Großteil der Mauer, die Trump an der Grenze von Mexiko errichten will, würde in Ihrer Heimat Texas stehen…

Ich habe dagegen gewarnt, dass diese Mauer gebaut wird. Wer weiß, vielleicht wollen wir eines Tages nicht die Mexikaner davon abhalten, in die USA zu gelangen, sondern müssen selbst aus den USA flüchten. Sicherheitstechnisch wäre die Mauer also eine Katastrophe. Andererseits würde Trump als Präsident sowieso nichts von dem tun, was er momentan verspricht. Während seines Wahlkampfes hat er schon über eintausend Interviews und Pressekonferenzen gegeben. Nelson Mandela hat in sieben Jahren gerade einmal vier Interviews gemacht. Was für eine Erfolgsbilanz!

Mandela war angeblich auch ein Fan Ihrer Musik.

Na ja, zumindest kannte er den Song Ride ‘Em Jewboy. Sein engster Vertrauter – Tokyo Sexwhale, der mit ihm auf Robben Island eingesperrt war – sagte mir, Mandelas Lieblingssängerin sei Dolly Parton. Aber jeden Abend, bevor er schlafen ging, hörte er sich Ride ‘Em Jewboy an – den persönlichsten Song, den ich je geschrieben habe. Das ehrt mich mehr als jede Grammy-Nominierung. Als wir das Album 1973 in Nashville aufnahmen, hätte ich mir nie gedacht, dass Mandela sich Jewboy im Gefängnis anhören würde.

Interessierte Nelson Mandela sich für jüdische Belange?

Mandela war ja ursprünglich Rechtsanwalt. Und weil er ein Schwarzer war, bekam er in Südafrika keinen Posten. Letztendlich wurde er von einer jüdischen Anwaltskanzlei in Johannesburg aufgenommen. Das waren so Typen wie Bernie, politisch links orientiert. Sie glaubten an Mandela, und rieten ihm: „Lass die Finger von der Politik, sei kein Troublemaker, und du wirst der erfolgreichste schwarze Anwalt im ganzen Land.“ Wie wir wissen, folgte er nicht ihrem Ratschlag – zum großen Glück für uns alle.

 

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