Vier für einen

Vorstellen muss man Paul Lendvai hierzulande nicht, das Cognito des europaweit prominenten Publizisten kann vorausgesetzt werden. Seine nicht unkokette Frage „Wer bin ich?“ als Titel einer Selbster- kundung könnte mit „und wenn ja, wie viele?“ ergänzt werden.

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„Über die Identität” will er in seinem jüngsten Buch räsonieren, und auch da wäre der Plural angebracht, denn in seinen 95 ereignisreichen Lebensjahren hat Lendvai mehrere Identitäten angesammelt. Österreicher und Ungar, Jude und Europäer ist er und will er sein, und diesen vier Rollen hat er die Kapitel eines Bandes gewidmet, der keine Autobiografie, sondern vielmehr ein analytischer Rückblick auf ein knappes Jahrhundert persönlich erlebter und erlittener Zeitgeschichte ist. Zeitzeugenschaft, wie sie in dieser Klarheit und Geistesschärfe immer seltener wird.


Paul Lendvai:
Wer bin ich.
Zsolnay 2025,
128 S., € 24

Schlummerndes Judentum. Wie alle Überlebenden des Holocaust hat auch Lendvai Glück, viel Glück gehabt. Gerade erst fünfzehn Jahre alt, als die beispiellose Vernichtung der ungarischen Juden begann, gelang es ihm und seinem Vater, aus einem Todesmarsch Richtung österreichischer Grenze zu fliehen und dann gemeinsam mit der Mutter in einem sogenannten Schweizer Schutzhaus in Budapest bis zur Befreiung Zuflucht zu finden.

Vom Judentum hatte er als Kind nicht viel mitbekommen, außer dass die Mutter jeden Freitagabend Kerzen zündete und ihn gelegentlich in die Synagoge mitnahm, die der Vater nie besuchte. In „normalen Zeiten” und auch unter der kommunistischen Diktatur bis zu seiner erfolgreichen Flucht nach Österreich 1957 „schlummerte meine jüdische Identität im Unbewussten”, erkennt er jetzt, da sich diese Zugehörigkeit zur „Schicksalsgemeinschaft”, wie er das Judentum betrachtet, im Gefolge des 7. Oktobers 2023 und des ansteigenden Antisemitismus immer stärker ins Bewusstsein drängt. Und damit auch die Erinnerung an eine Vergangenheit, die während der Jahrzehnte seiner steilen journalistischen Karriere wohl in den Hintergrund getreten sein musste.

Wie sonst hätte sich der Immigrant ins Täterland so schnell und vorbehaltlos zum österreichischen Patrioten wandeln können, des Lobes voll für das Volk, das ungarische Flüchtlinge großzügig aufgenommen und damit „seine historische Bewährungsprobe” bestanden hatte. Sein ungarischer Akzent, als charmantes Lokalkolorit und persönliche Note geschätzt, stand ihm weder im Radio noch im Fernsehen je im Wege.

Seine journalistischen Lehrjahre hatte er schon im Nachkriegsungarn absolviert, bevor er dort 1953 als „Trotzkist” inhaftiert wurde. In Österreich perfektionierte er schnell sein Talent als genialer Netzwerker, befreundet mit Politikern und Persönlichkeiten quer durch das Gesellschafts- und Parteienspektrum. Mit Bruno Kreisky verband ihn eine ganz besondere Beziehung, die allerdings von deren unterschiedlichem Verhältnis zum Judentum und dem Staat Israel „überschattet” war. Obwohl nie Zionist, habe er seine Solidarität mit Israel, zu dem er als Diaspora-Jude eine emotionale Bindung habe, nie verheimlicht. Davon können sich auch Leser:innen seiner wöchentlichen Standard-Kolumnen überzeugen, in denen er immer wieder für israelische Positionen Partei ergreift, aber auch vor den Folgen der rechtsextremen Politik in der Regierung Netanjahus warnt.

„Wer hätte gedacht, dass ich, der glückhaft Überlebende, achtzig Jahre nach der Shoa noch immer über das Schicksal Israels und die Zukunft der Juden besorgt sein würde.”

Den Stolz auf sein Herkunftsland Ungarn bzw. auf einige seiner berühmten Landsleute kann Lendvai trotz Viktor Orbán, dessen Aufstieg er hellsichtig analysiert hat, nicht verleugnen. Den leidenschaftlichen Europäer, langjährigen Herausgeber der Europäischen Rundschau und Moderator des Europastudios im ORF, erfüllt angesichts der sich ausbreitenden nationalistischen Kräfte, schweren Krisen und der „Verdüsterung in ganz Europa” große Sorge. Als Jude seiner Generation besitze er letztlich kein „wirkliches Sicherheitsgefühl mehr”, so seine Bilanz aus einem langen schicksalsreichen Leben, das der unbestrittene Grandseigneur der österreichischen Publizistik wortgewandt und zitatenfest im Kontext seiner Identitäten noch einmal beleuchtet.

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