Virtuos gestammelt, elegant gezeichnet

Er schreibt, wie viele Migranten sprechen. Fehlerhaft, ungeglättet, ohne Rücksicht auf eine korrekte Syntax. „Broken German“ eben. Mit einem Text unter diesem Titel hat Tomer Gardi 2016 beim Bachmann-Wettbewerb eine Diskussion darüber ausgelöst, ob ein solch gebrochenes Deutsch überhaupt als Literatur fähig gelten kann. Dieses Frühjahr hat der Israeli für seinen Band Eine runde Sache den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse erhalten.

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© Wikipedia/ Amrei-Marie

Vor die Wahl gestellt, ob er „auf Hebräisch schreiben soll oder auf meinem Deutsch“, hat sich Tomer Gardi offenbar für beides entschieden. In seinem Broken German, das sich als literarisch kalkulierte Kunstsprache erweist, ist der erste Teil verfasst, in einem eleganten, stilistisch geschliffenen Hebräisch, wunderbar ins Deutsche übertragen, der zweite. Disparater könnten zwei Geschichten, die einen einzigen Roman bilden sollen, kaum sein.

Slapstick. Ein Hörfehler löst die bizarre, grelle, slapstikartige Handlung aus, in die Tomer Gardi als Ich-Erzähler gerät. Eine Einladung auf eine „Yacht“ hat er erwartet, eine „Jagd“ ist es geworden, bei der er selbst zum Gejagten werden sollte. In der Folge treten ein sprechender Deutscher Schäferhund namens Rex auf, dem Tomer als Maulkorb eine portable Vagina überzieht, worauf Rex nur noch Ü-Laute ausstoßen kann, und weiters ein reimender Erlkönig oder König der Elfen. Unter Mythengeraune gelangt das Trio in eine Kleinstadt und rettet sich aus einer Sintflut auf eine Arche. Dass Tomer als der Ewige Jude den Erlkönig meuchelt, ist dann nur eine weitere Volte in diesem anspielungsreichen, kreuz und quer durch die Geschichte fantasierenden Schelmenroman. Seine Rolle als ewig wandernder Jude wird der wild fabulierende Erzähler nicht los werden, wie ein Adler ihm drohend verkündet. „Von dem Kreuz zum gehakten Kreuz. Von der Via Dolorosa zu den Todesmärschen und dann weiter. Du bist unser ewiger Zeuge.“

Vor und hinter diesem amüsanten Parforceritt eines jüdischen Schlamassels durch den deutschen Märchenwald steht die große Frage: Erfindung oder Lüge, ist die Literatur der Wahrheit verpflichtet, und was darf die Kunst? „Ich steh morgens auf, sitz an meiner Computer und schreibe Sachen nieder, die nie passiert hatten. Bin ich dann ein Lügner?“

Altmeisterliche Künstlernovelle. Abbildung der Wirklichkeit oder Fantasie? Diese Frage beschäftigt auch Raden Saleh, den indonesischen Maler, um dessen Vita Tomer Gardi eine durchaus traditionell anmutende Künstlernovelle webt.

„Ich sitz an meiner Computer und schreibe Sachen nieder,
die nie passiert hatten. Bin ich dann ein Lügner?“

 

Der im frühen 19. Jahrhundert in Java geborene und in Holland ausgebildete Maler galt als eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten seiner Zeit. Was einen ehemaligen Kibbuznik aus Galiläa an diesem heute nahezu vergessenen Maler fasziniert? Als Museumswächter bei einer Ausstellung anlässlich des 150. Todestags von Raden Saleh sei er im Jahr 2030 (!) auf dessen Schicksal aufmerksam geworden, so jedenfalls die Erzählerfiktion. Nicht fiktiv und nah an der historischen Biografie sind die Fakten des abenteuerlichen Lebens des indonesischen Prinzen, der quasi als exotischer Künstlerexport von der niederländischen Kolonialmacht nach Europa geschickt, an Fürstenhäusern geschätzt wird und für Könige malt, bis er von ebendiese Macht nach Jahrzehnten auf seine Insel zurückgesandt wird. Dort gilt er wieder als Eingeborener, sein Ruhm nichts, und letztlich endet er kläglich.

Tomer Gardi: Eine runde Sache. Zur Hälfte aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Droschl Verlag. 256 S., € 23.

Fast altmeisterlich wie Salehs Gemälde, die Gardi liebevoll, gekonnt und penibel beschreibt und deutet, zeichnet er auch dessen tragische Existenz beispielhaft nach. Herumgereicht in den höchsten Adelskreisen, gleichzeitig ausgebeutet und nie wirklich aufgenommen, bleibt er entfremdet überall. Im revolutionsgebeutelten Europa ein Außenseiter, in den antikolonialen Aufständen in Java beiden Seiten gleichermaßen verdächtig. Als Migrantenschicksal mit diskretem Bezug zur Gegenwart großartig erzählt.

Wie passen nun die beiden Teile als „Eine runde Sache“ zusammen? Auf den ersten Blick natürlich überhaupt nicht, auch wenn der Ewige Jude durch Salehs 19. Jahrhundert ebenso geistert wie der mythische Fliegende Holländer. Wenn man will, kann man sie als zwei Seiten einer Medaille deuten, Erfindung, Wahrheit und Identität in der künstlerischen Existenz, da und dort, oder die Geschichten ganz einfach hintereinander genießen, haltlos fabulierender, sprachlich ungezügelter Witz da, fein gezeichnete Porträtkunst dort. Ob der in Berlin lebende, nun mit literarischen Ehren in Deutschland bedachte Autor vielleicht eigene Fremdheitserfahrungen fiktionalisiert hat? Mit seinem Buch Stein, Papier, in dem er 2011 den Spuren des zerstörten palästinensischen Dorfes nachgeht, aus dessen Steinen das Museum seines heimatlichen Kibbuz Dan errichtet wurde, hat er sich in Israel wohl nicht nur Freunde gemacht. Hierzulande liest man so was ja nicht ungern, und mit seinem Broken German hat der Israeli nicht zuletzt einen exotischen Reiz.

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