
Wo viel schwer bewaffnete Polizei steht, da ist man richtig. Das gilt wie an allen anderen Orten, wenn man Synagogen oder ein jüdisches Museum sucht, auch in Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands. Wenig weist dort auf die Präsenz einer Gemeinde, die eine so reiche, so weit in die Geschichte zurückreichende jüdische Vergangenheit wie kaum eine andere in Europa hat. Man muss schon genauer hinsehen, hinhören und recherchieren, um im „Berlin des Balkans“, wie sich die quirlige, höchst lebendige Mittelmeerstadt heute gern nennt, das einstige „Jerusalem des Balkans“ zu entdecken.
Das ist zwei nicht vergleichbaren Katastrophen des 20. Jahrhunderts geschuldet.
1917 zerstörte ein verheerendes Feuer einen Großteil der alten Stadt und damit das gesamte jüdische Siedlungsgebiet.

1941 begann mit dem deutschen Überfall auf Griechenland die systematische Verfolgung, Entrechtung, Beraubung der größtenteils sephardischen Bevölkerung Thessalonikis, die von März bis August 1943 in der Deportation und Ermordung nahezu aller über 50.000 Jüdinnen und Juden der Stadt endete. Auch mit Hilfe lokaler Kollaborateure waren damit 2.300 Jahre jüdischer Stadtgeschichte ausgelöscht und bald nach dem Krieg verschwiegen und nahezu vergessen.
„Wir werden nie mehr sein, was wir waren“, stellte der damalige Bürgermeister Yannis Boutaris 2015 bei einer Gedenkrede am alten Bahnhof fest, von dem aus die Viehwaggons der Deutschen Bahn in die polnischen Vernichtungslager fuhren. Und erkannte und würdigte damit den Anteil der Juden an Kultur, Wirtschaft und Bedeutung der Stadt, die sie danach nie mehr erreichen sollte. Immerhin stellten sie zur Blütezeit um 1900 etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Und von all dem keine Spur. Keine Spuren?
„Wir werden nie mehr sein, was wir waren.“
Bürgermeister Yannis Boutaris
Historisch. Wer die Fährte dieser langen Geschichte aufnehmen will, muss in einer kleinen Gasse der Altstadt das Jüdische Museum besuchen. In einem lichten Jahrhundertwende-Arkaden-Bau, der vom Brand verschont blieb und immer in Besitz der Gemeinde war, wurde es 2001 eröffnet und danach erweitert.
Aus jeder historischen Phase, bis zurück in die ersten Ansiedlungen aus byzantinischer und römischer Zeit – an „drei Sabbathen“ soll schon Apostel Paulus in den Synagogen der Stadt gepredigt haben –, finden sich hier eindrucksvolle Dokumente, Bildmaterial, Exponate, Judaica und Kunstobjekte didaktisch klug und anschaulich aufbereitet. Schriftstücke in Ladino, der Sprache der sephardischen Juden, Griechisch, aber auch in Französisch und Hebräisch zeugen von kultureller Vielfalt.
Aufschlussreich sind Originaldokumente wie „Bonds“, die nach der Feuersbrunst an die Besitzer ehemaliger Gebäude ausgegeben wurde. Weil die Stadt die abgebrannten, leer gewordenen Viertel für einen großen neuen Bebauungsplan vorsah, untersagte sie es den 52.000 obdachlosen Juden, an ihre ursprünglichen Orte zurückzukehren. Stattdessen konnten sie an einer Auktion für ein neues Grundstück teilnehmen, dessen Wert dem geschätzten bzw. in der Praxis immer unterschätzten Wert ihrer verbrannten Häuser entsprechen sollte, den der Bond verzeichnete. Sehr viele Juden ohne Unterkunft, Geschäft oder Werkstätten verarmten, verkauften ihren Berechtigungsschein unter Wert, um zu überleben, und konnten sich, im Gegensatz zu den 20.000 Christen, für deren neue Bleibe gesorgt wurde, nie wieder erholen.

Auch das und wie die Aristoteles-Universität auf dem riesigen Grund des erst enteigneten und 1943 zerstörten jüdischen Friedhofs errichtet werden konnte, erfährt man da. Heute rühmt sich die Stadt ihrer jungen multikulturellen Szene mit rund 100.000 Studierenden.
Gegenwärtig. Besichtigen lässt sich nach schriftlicher Voranmeldung die „Monastir- Synagoge“, die als einzige der über 30 Gebetsstätten den Holocaust „überlebte“. Erbaut von dem aus der österreichischen Monarchie stammenden Architekten Ernst Löwy (1878–1943) und vor rund zehn Jahren restauriert, werden hier nur noch zu den Hohen Feiertagen Gottesdienste abgehalten. Nachdem ein „Hausmeister“ (ohne Kopfbedeckung) aufgesperrt hat, kann man nach einem Rundgang im sogenannten „Museum“ des Gebäudes unter anderem aufeinandergestapelte Schachteln voll druckfrischer Gebetbücher entdecken.
Von der als „orthodox“ geltenden Gemeinde mit rund 1.200 Mitgliedern ständig genutzt wird der kleinere Tempel „Yad Lezikaron“. Hinter einer unspektakulären Hausfassade nahe dem „Yachoudi Hamam“, einem der vielen alten türkischen Bäder, liegend, ist er von außen, bis auf Polizisten und Wachpersonal, nicht als solcher erkennbar. 1984 erbaut und dem Andenken an die ermordeten Jüdinnen und Juden Thessalonikis gewidmet, verzeichnet er im Innenraum auf sechs langen Tafeln die Namen und Daten aller ehemaligen Gebetshäuser der Stadt. Einen kollektiven Besuchstermin bekommt man zugewiesen, ist dann aber möglicherweise allein dort.

Erst 2006 wurde ein eher bescheidenes Holocaust-Denkmal an der Uferstraße vor dem zurzeit völlig leeren und eingezäunten Freiheitsplatz errichtet, wo sich im Juli 1942 alle jüdischen Männer einfinden mussten, gedemütigt und zur Zwangsarbeit abgeführt wurden. Für ein exorbitant hohes Lösegeld, das die Ressourcen der jüdischen Gemeinde völlig erschöpfte, wurden sie im folgenden Oktober freigekauft, nur um bald danach endgültig deportiert zu werden. (Unter vielen anderen hat auch der junge Kurt Waldheim hierorts „seine Pflicht erfüllt“).
David Saltiel, langjähriger Präsident und Wohltäter der Community und des Zentralrats der Griechischen Juden, verklagte 2014 die Bundesrepublik vor dem EuGH für Menschenrechte erfolglos um die Rückzahlung der Summe.
Mitfinanziert von Deutschland soll das seit Längerem in Bau befindliche mehrstöckige Holocaust-Museum von Griechenland (Taxifahrer weisen im Vorbeifahren auf eine langgestreckte Wellblechwand vor der Baustelle hin) vielleicht noch dieses Jahr auf den Gründen des alten Bahnhofs eröffnet werden.
Ein Grund mehr, die vielfältig attraktive, von Tourist:innen noch nicht überrannte Küstenstadt wieder zu besuchen.





















