Vom Kaiser zur Industrie

Jüdische Bankiers in Wien finanzierten erst nur den Hof, dann die Modernisierung des Reichs – von Hochöfen bis zu Bahnstrecken.

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Anselm Salomon Rothschild. Begründer der Österreichischen Creditanstalt für Handel und Gewerbe. © Wikipedia; geschichtewiki.wien.gv.at

Im November war es so weit. Das Wiener Dorotheum stellte zahlreiche Einrichtungsgegenstände der ehemaligen Creditanstalt-Bankverein-Zentrale am Schottenring online – zur Versteigerung. Es waren Sessel und Besprechungstische, Lampen, Regale sowie Garderobenständer, zum Gutteil aus den renommierten Werkstätten und Fabriken von Thonet. Ein Lebensmittelmarkt der Spar-Kette mit umfassenden Gastroangeboten wird in dem klassizistischen Gebäude einziehen, das ab 1909 im Auftrag von Albert von Rothschild errichtet worden war und einmal als Aushängeschild der Kreditwirtschaft der Donaumonarchie galt. Zwar hatte das Bankgebäude in den letzten Jahrzehnten schon unterschiedliche Eigentümer gesehen: Bank Austria, HypoVereinsbank, UniCredit. Doch der Branchenwechsel vom Geldgeschäft zu Viktualien bedeutet unübersehbar eine tiefe Zäsur in der Wiener Ökonomie.
Gegen das Vergessen der eigenen Geschichte und für ein – zumindest virtuelles – Weiterbestehen hat die Stadt Wien mit ihrem Stadt- und Landesarchiv auf der Wissensplattform Wien Geschichte Wiki einen neuen Themenschwerpunkt gesetzt: „Banken in Wien“. Dieser stellt die Unternehmensgeschichten der gesamten Wiener Geldbranche dar: „Er bietet die erste zusammenfassende Darstellung des Kreditwesens in Wien von seinen Anfängen bis in die Gegenwart“, liest man bei der Präsentation. „Diese reicht von den Hoffinanziers, den ersten Bankgründungen im 18. Jahrhundert über die großen Privatbankiers und die Anfänge des Sparkassensektors zum Aufstieg der großen Universalbanken in der zweiten Hälfte des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts. Die krisenhafte Schrumpfung des Kreditsektors in der Zwischenkriegszeit findet ebenso eine ausführliche Behandlung wie schließlich das Wiener Bankwesen in der 2. Republik.“
Unter den Wiener Bankiers und Bankengründern findet sich eine ganze Reihe von Juden, lokalen und vor allem zugezogenen. Und obwohl der Name Rothschild der klingendste ist – und die Familie auch aktuell in einer ausführlichen Biografie des Wirtschaftshistorikers Roman Sandgruber gewürdigt wird –, so gab es doch eine ganze Reihe früherer Vertreter in der Branche. Einige von ihnen sollten langfristig die Weichen für die österreichische und mitteleuropäische Wirtschaft stellen.

Bernhard Eskeles, Freiherr von Eskeles. Bedeutendster Privatbankier Wiens und Mitgründer der Österreichischen Nationalbank. © Wikipedia; geschichtewiki.wien.gv.at

„Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts konzentrierte sich das Bankengeschäft der Monarchie zunehmend auf Wien. Im 18. Jahrhundert wurden Banken fast ausschließlich zur Finanzierung des Staates, vor allem in Kriegsfällen, benötigt“, wird die Online-Bankengeschichte eingeleitet. „Die Habsburger arbeiteten Ende des 17. Jahrhunderts mit dem ‚kaiserlichen Kriegsoberfactor‘ Samuel Oppenheimer zusammen, der auch die Kriegszüge von Prinz Eugen finanzierte.“ Oppenheimer stammte aus Heidelberg, als Sicherheiten für seine Kredite ließ er sich staatliche Einnahmen verpfänden, etwa solche aus dem Salzmonopol. Nach Oppenheimers Tod 1703 ging seine Bank in Konkurs, der Hof fand sich einen neuen jüdischen Financier, seinen Verwandten Simon Wertheimer, der schon in Wien geboren wurde, dessen Vater aber aus Worms in die Kaiserstadt gekommen war.
Die Bankengründungen im 18. Jahrhundert erfolgten sowohl durch adelige und bürgerliche Nichtjuden wie auch durch Juden. Das waren einerseits die Geymüllers, Sinas und Fries’. Auf der jüdischen Seite gründete etwa Adam Isak Arnstein(er) 1774 ein Großhandels- und Bankhaus, das später unter Arnsteiner & Eskeles bekannt wurde. Michael Lazar Biedermann aus Bratislava wiederum war ab 1782 der Kopf des Bank- und Großhandelshauses M. L. Biedermann & Co. Wie schon aus den Branchenbezeichungen hervorging, widmeten sich diese Unternehmen schwerpunktmäßig der Handelsfinanzierung. Aber sie wurden weiterhin vom Hof für den Ankauf von Waffen und das Führen von Kriegen herangezogen, etwa gegen Napoleon am Anfang des 19. Jahrhunderts.

 So wie früher die Banken gleichzeitig Handelshäuser waren, so wurden sie nun nicht nur zu Kreditgebern, sondern auch zu Aktionären der Industrie, zu Risikokapitalisten im Bereich Infrastruktur.

Rasant ansteigender Kapitalbedarf. Auch unter der nächsten Gründerwelle fanden sich jüdische Unternehmer. Zu ihnen gehörte etwa Salomon Meyer Freiherr von Rothschild aus Frankfurt am Main, der 1821 die Rothschild-Bank in Wien gründete, aus der später unter seinem Sohn Anselm Salomon die Creditanstalt hervorgehen würde. Anselm Rothschild sollte dann schon zu den agilen Financiers der – späten, aber umfassenden – industriellen Modernisierung der Donaumonarchie gehören, mit Kohlengruben, Stahlwerken und Eisenbahnlinien. So wie früher die Banken gleichzeitig Handelshäuser waren, so wurden sie nun nicht nur zu Kreditgebern, sondern auch zu Aktionären der Industrie, zu Risikokapitalisten im Bereich Infrastruktur.
Aber diese Rolle übernahmen ab Mitte des 19. Jahrhunderts schon nicht mehr bloß die privaten Geldhäuser. Der rasant angestiegene Kapitalbedarf hatte zur Gründung neuer Universalbanken geführt, die sich ihrerseits auf breiter gestreute Einlagen zahlreicher Aktionäre stützen konnten. Neben der Creditanstalt waren dies etwa die Niederösterreichische Eskomptegesellschaft, die k. k. privilegierte Allgemeine Bodencreditanstalt, die Anglo-österreichische Bank, der Wiener Bankverein, die Unionbank, die Allgemeine Depositenbank oder die Österreichische Länderbank. Rund um diese größeren Häuser gruppierte sich noch eine weiter steigende Zahl privater Institute. Beim Börsenkrach 1873 gab es mehr als 70 Geldhäuser, ein Jahrzehnt später waren es nicht einmal mehr zehn.
Das Ende der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie bedeutete auch für die Banken einen dramatischen Einschnitt. Der einst große mehr oder weniger einheitliche Wirtschaftsraum war zerschlagen, Zollgrenzen wurden hochgezogen. Die Wiener Bankiers versuchten dennoch, in den einzelnen kleinen Nachfolgestaaten weiterhin ihre Geschäfte zu machen. Doch die wirtschaftlich schwierige Lage holte sie bald ein. Auf die Währungsreform 1924 folgte eine brutale Konsolidierung des Bankensektors unter Führung der Creditanstalt, aber 1931 brach auch diese zusammen und konnte nur durch eine kostspielige staatliche Sanierungsaktion gerettet werden. Es kam zu weiteren Fusionen angeschlagener Marktteilnehmer. „Selbst die Postsparkasse und die Oesterreichische Nationalbank gerieten in Bedrängnis“, liest man auf der historischen Wiener Website. „Insgesamt mussten zwischen 1924 und 1926 37 Aktienbanken und 136 Privatbanken liquidieren, das war mehr als die Hälfte aller bestehenden Institute.“
Von den bedeutenden Gründungen des 19. Jahrhunderts blieben nur wenige Aktiengroßbanken übrig: die Creditanstalt-Bankverein, die Länderbank, die Mercur-Bank und das Österreichische Credit-Institut. 1938 übernahmen die Nationalsozialisten die österreichischen Banken, unterstellten sie der Deutschen Bank und der Dresdner Bank, die jüdischen Mitarbeiter wurden entlassen.
Nach dem Krieg nahmen die Großbanken wohl ihre Geschäft wieder auf, zunächst im Staatsbesitz, die schrittweise Privatisierung erfolgte dann Jahrzehnte später. Auch jüdische Geldhäuser entstanden wieder: die Bank Winter unter der Leitung von Simon Moskovics sowie die Bank Gutmann, innerhalb der Industriegruppe von Karl Kahane. Heute führt Moskovics’ Sohn Thomas die Bank Winter, den Aufsichtsrat der Bank Gutmann leitet Kahanes Sohn Alexander.


Der jüdische Nationalbanker
Bernhard Eskeles stammte aus einem rabbinischen Haushalt und wurde zu einem der bedeutendsten Wiener Bankiers des beginnenden 19. Jahrhunderts.
Bernhard Eskeles wurde 1753 in Wien als Sohn des Landesrabbiners von Ungarn und Mähren Yissakar Baruch Eskeles geboren. Zur ökonomischen Ausbildung schickte ihn dieser nach Amsterdam, im Jahr 1785 beteiligte sich Eskeles an einem Bankhaus, das der aus der Gegend von Würzburg stammende Isaak Arnstein(er) in Wien gegründet hatte. Sein Kompagnon war Arnstein junior, Nathan Adam. Dessen Frau Fanny führte einen der bekanntesten Salons in Wien. Die Bank nannte sich ab 1805 Arnsteiner & Eskeles, und Eskeles übernahm bald die Leitung.
Eskeles stand anfangs noch in der Tradition der jüdischen Hoffinanciers, er arbeitete sowohl für Joseph II. wie auch für Franz I. Seine Bank übernahm Staatsanleihen und half etwa beim Aufstellen von Geldern für die Kriege gegen Napoleon. Dies brachte ihm die Erhebung in den Ritterstand, später noch den Freiherrn-Titel ein.
Aber Eskeles ragt schon ins moder-ne Bankwesen herüber. Im Jahr 1816 zählte er zu den Mitbegründern der
Oesterreichischen Nationalbank, er wurde deren Direktor und Vizegouverneur. Drei Jahre später, 1819, war er wieder unter einer Gruppe von Bankgründern, diesmal bei der österreichischen Spar-Casse, die in der Erste Bank weiterbesteht. Das Palais Eskeles dient heute dem Jüdischen Museum Wien als Ausstellungszentrum.

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