Von Bildern und Menschen

John Berger, der große englische Kunstkritiker und Romancier, wäre im November 95 Jahre alt geworden. Seine Schule des Sehens ist nicht gealtert, und auch seine literarischen Werke sind frisch und spannend geblieben.

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John Berger: „Wenn ich ein Geschichtenerzähler bin, dann weil ich zuhöre!“ © Ulf Andersen / AFP / picturedesk.com

Ein Italiener hat eine Slowenin zum Ball mitgebracht. Eine Slawin von den Dörfern, mit Perlen, Musselin und indischer Seide empörend herausgeputzt! Beim Walzertanzen bewegt sie sich ja wie ein betrunkener Bär; sie presst ihren Partner eng an sich und stampft mit den Füßen.“ Diese Szene in John Bergers Roman G. spielt sich im Stadttheater von Triest ab, im April 1915, unmittelbar vor dem Kriegseintritt Italiens. Es ist bereits der Tanz auf einem Vulkan. Die Österreicher, Herren der mehrsprachigen Stadt, feiern noch, die italienischen Intellektuellen wollen Habsburg längst los werden, und die slowenischen Arbeiter revoltieren schon – und zünden das Verlagshaus der italienischsprachigen Zeitung an.

Die namensgebende Hauptfigur des Romans – G. für (Don) Giovanni oder Garibaldi (?) – ist ein wohlhabender Kaufmannssohn aus Livorno mit einer englischen Mutter. Er flaniert quasi ziellos durch dieses Triest, provoziert aus einer Laune heraus – und findet als Ergebnis eines Missverständnisses dort auch seinen gewaltsamen Tod. Berger beschreibt die opulente historische Szenerie präzise und wortgewaltig, gleichzeitig bricht der Roman mit manchen Traditionen, gibt politische und ökonomische Kommentare, springt immer wieder aus der Handlung heraus.

G., erschienen 1972, machte Berger als Schriftsteller über Nacht bekannt. Er erhielt für das Werk den renommierten Man Booker Preis. Und er schrieb sich auch gleich politisch in das Bewusstsein der englischen Kulturinteressierten ein.

„Der Zustand der Verwirrung, in dem
ich lebe, ist bereits zur Gewohnheit geworden.
Stelle ich mich ihm, erreiche
ich manchmal eine gewisse Klarheit.“
John Berger

Eine Hälfte seines Preisgeldes spendete er der Black-Panther-Bewegung. Sein Argument: Die Sponsoren des Literaturpreises hätten als Zuckerindustrielle in der Geschichte auch von Sklavenarbeit profitiert. Mit der anderen Hälfte finanzierte Berger sein nächstes politliterarisches Projekt über Arbeitsmigranten in Europa. Das Thema beschäftigt uns bis heute, aber vor 50 Jahren stand es nicht hoch auf der politischen Agenda.

Dass Berger als Engländer das multikulturelle Triest der vorigen Jahrhundertwende so scharf analysieren und so sinnlich beschreiben konnte, kam freilich nicht von ungefähr. Väterlicherseits stammten seine jüdischen Vorfahren aus diesem Triest – und vorher aus dem habsburgischen Galizien und aus Böhmen. Sein Vater, ein Jurist, war allerdings schon getauft, Berger selbst als überzeugter Linker nie religiös.

Pointierte, scharfe Texte. Geboren wurde er 1926 in London, mit 18 Jahren begann er sein Erwachsenenleben in der britischen Armee. Er schlug aber nicht – wie von einem bürgerlichen jungen Mann erwartet – eine Offizierskarriere ein, sondern diente als einfacher Soldat, lernte dabei erstmals Menschen aus ärmeren sozialen Verhältnissen kennen. Das sollte ihn langfristig politisch prägen.

Nach dem Abrüsten studierte er Malerei in London, begann auch eine Karriere als Maler und Kunsterzieher. Durch Zufall kam er zur BBC und verfasste Kunstkritiken für das Radio, bald darauf auch für den linken New Statesman. Dort machte er sich mit seinen pointierten, scharfen Texten bald einen Namen, dabei hielt er sich auch nicht in den damals üblichen engen Grenzen der Kunstkritik, sondern interpretierte die Bilder breiter, etwa nach ihrem sozioökonomischen Umfeld, sah in ihnen die jeweiligen Herrschaftsverhältnisse gespiegelt. Seine Augen fokussierten auf die unterschiedlichsten Meister – ob auf Caravaggio oder Rembrandt, ob auf Picasso oder Degas, ob auf Van Gogh oder Magritte.

Von dort war es nicht mehr weit zur Beschreibung moderner Bildsprachen – etwa des Fernsehens und der Werbung. Oder zum männlichen Blick auf die Frau, den Berger recht früh gnadenlos sezierte. Leidenschaftlich diskutierte er auch die Veränderungen, die neue Techniken wie Fotografie, TV und günstige Druckverfahren für die Vervielfältigung der Kunst mit sich brachten: Zugang für breite Gesellschaftsschichten, die davor die Gemälde in den Adelspalästen nicht hatten sehen dürfen; dem gegenüber die Abwertung des Originals durch seine massenhafte Reproduzierbarkeit. Das lehrte er auch via BBC-TV-Serie, dabei berief er sich auf den deutschen Intellektuellen Walter Benjamin, der genau zu diesem Thema in den 1930er-Jahren gearbeitet hatte.

Buchreihe. John Bergers Werk umfasst Romane, Theaterstücke, Drehbücher … Begonnen hat alles mit G., für den er den Man Booker Prize erhielt. © picturedesk.com

Benjamin sollte auch in Bergers zweiter Sphäre ein bedeutender Stichwortgeber werden, in der Literatur. Er hatte einmal die Schriftsteller in zwei Kategorien eingeteilt: jene, die zuhause bleiben und alle lokalen Traditionen kennen, und jene, die hinausgehen in die Welt und das genau beschreiben, was sie dort vorfinden, woran die Bewohner dieser Welt leiden. Berger war beides gleichzeitig. Auch wenn er weiterhin über Kunst publizierte, schrieb er Erzählungen und Romane, und er erwies sich dabei als äußerst kreativ und überraschend vielfältig in der Themenwahl. So blieb er etwa trotz seiner linken politischen Gesinnung nicht bei den Arbeitern stehen, sondern wandte sich etwa in einer stimmungsvollen und mitfühlenden Trilogie SauErde. Geschichten vom Lande den Bauern in einem französischen Alpendorf zu. Er wohnte auch selbst dort lange Jahre in einem einfachen Hof.

Und Berger wechselte wieder die Themen und Protagonisten. Am Rande einer Großstadt wurde etwa im Roman King ein Hund in einer Obdachlosensiedlung zum Erzähler, durch dessen Augen die Leser die Ärmsten der Gesellschaft sehen konnten. Oder er schrieb mit Auf dem Weg zur Hochzeit einen zarten Text über die Trauungszeremonie einer schon dem Tod geweihten Aids-kranken jungen Frau, über der dennoch Hoffnung schwebt. In A und X. Eine Liebesgeschichte in Briefen lässt er eine andere junge Frau ihren eingesperrten Geliebten über das Leben in der Freiheit draußen informieren. Es bleibt offen, ob dieser lediglich ein politischer Gefangener ist oder ein gefasster Terrorist und auch, in welcher Weltgegend oder welcher historischen Epoche diese Haft verhängt wurde.

Anklänge an Palästinenser kommen durch, aber ganz konkret wird Berger dabei nicht. Als englischer Linker gab er sich freilich immer wieder sehr Israel-kritisch, wollte auch nicht, dass seine Bücher in einem großen israelischen Verlag erscheinen sollten. Für diese Haltung zog er sich scharfe Kritik jüdischer englischer Intellektueller zu.

Nach einem Besuch in Israel und im besetzten Westjordanland schrieb Berger über seine widersprüchlichen Gefühle und Gedanken in der London Review of Books: „Und so bin ich hier, erfülle unabsichtlich einen Traum, den einige meiner Vorfahren in Polen, Galizien, im Habsburger Reich zumindest zwei Jahrhunderte genährt haben. Und hier finde ich mich und verteidige die Rechte der Palästinenser gegen Menschen, die meine Cousins sein könnten, und gegen den Staat Israel.“

Doch Berger blieb auch nicht auf dieser politischen Schiene stecken. Als Schriftsteller und Lyriker hatte er immer eine andere, tiefere Ebene zu entdecken. „Gedichte ähneln auch, wenn sie erzählen, Geschichten nicht. Alle Erzählungen handeln von Schlachten der einen oder anderen Art, die mit Sieg oder Niederlage enden. Alles bewegt sich auf ein Ende zu, dessen Ausgang bekannt sein wird“, schrieb er. Und weiter: „Gedichte, egal wie gut sie auch sein mögen, überqueren die Schlachtfelder, versorgen die Verletzten, hören den wilden Monologen der Triumphierenden oder der Ängstlichen zu. Sie bringen eine Art Frieden. Gedichte sind Gebeten näher als Erzählungen, aber in der Poesie ist hinter der Sprache niemand, an den sich diese Gebete richten.“

Apropos Gebete. Berger, der alte Linke, wurde wohl in seinem eigenen Lebensherbst nicht mehr religiös, er wandte sich aber einem Großen der Vergangenheit zu, der wohl auch rebellisch gewesen war, vor dem Wort G-tt jedoch nie zurückschreckte: dem jüdischen Philosophen Baruch Spinoza, auch Bento de Espinoza genannt. Mit Bentos Skizzenbuch schuf Berger ein faszinierendes Spätwerk. Er schrieb, Spinoza, der sich in Amsterdam als Glasschleifer ernährte, habe stets gezeichnet, allerdings blieb von diesen Skizzenbüchern nichts erhalten. Also illustrierte Berger selbst das Buch, das philosophische Texte von Spinoza eigenen literarischen gegenüberstellt. Und Berger spricht den jüdischen Intellektuellen aus dem 17. Jahrhundert direkt an: „Der Zustand der Verwirrung, in dem ich lebe, ist bereits zur Gewohnheit geworden. Stelle ich mich ihm, erreiche ich manchmal eine gewisse Klarheit. Du hast uns gezeigt, wie man das macht.“

John Berger starb im Jänner 2017 90-jährig in Frankreich.

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