Von Helden und Straßenmusikanten

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Wenn die Idylle sich in einen Schauplatz des Terrors verwandelt.

    Von Iris Lanchiano

Der Hafen in der Altstadt von Jaffo. Einer der magischsten Orte dieser Stadt. Gegen vier Uhr morgens trifft man hier die Angler, die im Einklang mit den Wellen auf den großen Fang warten. Ab den Morgenstunden kommen die Touristenbusse im Stundentakt, um die Altstadt zu bewundern und um ein wenig Orient zu schnuppern. Am Abend versammelt sich dann rund um den Flohmarkt von Jaffo alles, was hip ist, um dort in den zahlreichen Bars das In-Getränk „Spritzer“ zu trinken: der gute alte weiße (oder rote) Spritzer, der Österreichern bestens bekannt ist.

Wie viele Helden wird es noch geben? Und wie viele Verletzte und Tote?

Der 26-jährige Yishay Montgomery ist erst seit Kurzem wieder hier. Nach Jahren in den kanadischen Rocky Mountains hat es ihn nun zurück nach Israel verschlagen. Während er mit der Einsamkeit in der großen Stadt Tel Aviv zu kämpfen hat, geht er in Jaffo seiner Leidenschaft nach: Die gilt der Musik, und seine Spezialität ist es, gleichzeitig Didgeridoo und Gitarre zu spielen. Er spielt zwischen der Strandpromenade und dem alten Hafen zum Klang der fallenden Schekel in seinem Gitarrenkoffer. Doch nun wurde er, der unbekannte Straßenmusiker, zum „Guitar Hero“:

Es war gegen sechs Uhr abends, und Yishay spielte wie gewohnt beim Durchgang zum Hafen in Jaffo. Da hörte er laute Schreie und bemerkte, wie langsam Panik ausbrach und die Menschen herumliefen. Er sah einen jungen Mann mit einem Messer in der Hand und zögerte nicht lange. Yishay folgte seinem Instinkt und rannte mit seiner Gitarre in der Hand los. Der Terrorist, ein 22-jähriger Palästinenser aus Kalandia, einem Dorf zwischen Jerusalem und Ramallah, lief zwischen Autos in Richtung der Strandpromenade von Tel Aviv. Yishay Montgomery versuchte ihn zu stoppen, indem er mit seiner Gitarre auf den Mann einschlug. Doch der rannte weiter. Und Yishay hinter ihm her, laut rufend: „Terrorist, Terrorist!“, um die Menschen um ihn herum zu warnen. Dank seinem Einsatz konnte die Polizei den Terroristen stellen, bevor er noch mehr Menschen verletzte. Für einen 29-jährigen amerikanischen Touristen kam aber jede Hilfe zu spät. Er erlag seinen Verletzungen, noch bevor er im Krankenhaus eintraf. Zehn weitere Menschen, unter anderem eine schwangere Frau, ein israelischer Araber und ein russischer Tourist, wurden schwer verletzt. Seinen Amoklauf begann der Terrorist beim beliebten Hafen, rannte dann weiter zum Touristenknotenpunkt Uhrturm und von dort zur Strandpromenade.

Seither sind einige Tage vergangen, und Yishay Montgomery spielt wieder auf seinem Didgeridoo in Jaffo. Nach dem Vorfall wurde er, der „Gitarren-Held“, von den Medien belagert. Im Internet wurde bereits ein Spendenaufruf gestartet, um Yishay eine neue Gitarre zu finanzieren, denn seine zerbrach am Kopf des Angreifers. Innerhalb weniger Tage sind bereits 6.000 Euro zusammengekommen. Mittlerweile kann er sich vor Gitarren kaum mehr retten. Angebote kommen sogar aus New York. Der israelische Rockstar und Friedensaktivist Aviv Geffen schenkt Yishay Montgomery eine seiner eigenen Schätze, versehen mit einem „Peace-Zeichen“ und einer persönlichen Widmung.

Dieser junge Musiker ist jedoch nur ein Beispiel für die zahllosen Helden und Heldinnen des Alltags hier in diesem Land. Sechs Monate hält nun die Messer-Intifada bereits an, ohne Aussicht auf ein Ende. Wie viele Helden wird es noch geben? Und wie viele Verletzte und Tote?

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