Von Liebe, Zores und Exil

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Mit internationalen Gästen und einem vielfältigen Programm feiert das jüdische Filmfestival unmittelbar vor der Viennale seinen 20. Geburtstag. Von Ditta Rudle 

Nicht in das „Wien der Gespenster“, an das sich die Autorin Ruth Klüger erinnert, sondern in das andere, das neue Wien, wo sie sich ins „Kulturleben eingefädelt hat“ und neue FreundInnen gewonnen, kehrt die bekannte Literaturwissenschaftlerin immer wieder zurück. Auch beim diesjährigen jüdischen Filmfestival Wien (JFW) wird sie dabei sein. Nicht zum ersten Mal wird Klüger sich selbst im Film sehen, steht doch als Höhepunkt des Schwerpunktthemas „Exil“ im heurigen Festival die einfühlsame Filmdokumentation von Renata Schmidtkunz, Das Weiterleben der Ruth Klüger auf dem Programm. Die 81-jährige Hauptdarstellerin wird sich wie im Film auch in der Diskussion danach kein Blatt vor den Mund nehmen.

Blick zurück

Wie Ruth Klüger, die von Schmidtkunz an den Orten, die ihr Leben geprägt haben – Wien, wo sie geboren ist, Kalifornien, wo sie lebt, Göttingen, wo sie Gastdozentin war und ihr erstes Buch Weiter leben – eine Jugend schrieb, und schließlich auch in Israel, einem Land, das „nur einen sentimentalen Stellenwert“ in ihrem „Leben und Denken“ hat – zum Erzählen animiert worden ist, werden auch der in Wien und Israel lebende Journalist Ari Rath und der Filmproduzent und Präsident des Wiener Filmfestivals Viennale, Eric Pleskow, erwartet.

Auch über sie, oder besser mit den beiden alten Herrn gibt es einen Film, der, obwohl nicht mehr brandneu, als Festivalbeitrag gezeigt wird. Schließlich erlaubt ein Jubiläum auch das Hervorholen von Kostbarkeiten aus der Schatztruhe vergangener Jahre. Die Porzellangassen-Buben, eine Dokumentation von Lukas Sturm, ist so eine. Ari Rath, 87, und Eric Pleskow, 88, haben einander zufällig bei einer Veranstaltung in Wien getroffen und im Gespräch entdeckt, dass sie beide in der Porzellangasse, nur wenige Türen voneinander entfernt, aufgewachsen sind. Möglicherweise haben sie sogar im nahen Liechtensteinpark miteinander gespielt, bevor sie vom Nationalsozialismus gezwungen wurden, die Heimat zu verlassen. Ari Rath floh nach Palästina, Eric Pleskow (damals noch Erich Pleskoff) nach New York. Lukas Sturm brachte dann die „Porzellangassenbuben“ gemeinsam vor die Kamera, um sie miteinander reden zu lassen. Ein „Gesprächsfilm“ ist entstanden, in dem der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber der Jerusalem Post und der einst mächtige Hollywood-Produzent miteinander plaudern, lachen und politisieren, sich empören und echauffieren und eine gemeinsame Reise in die Welt des anderen machen. Auch sie sind eingeladen, sich persönlich mit dem Publikum zu unterhalten. Und es wird ein Vergnügen sein.

Aus dem Archiv stammt Lang is der veg von Herbert B. Fredersdorf und Marek Godstein, der erste Spielfilm, der sich mit der Schoa aus jüdischer Sicht befasst. Zu sehen ist die Überlebensgeschichte von Israel Becker, der sich in dem Film, produziert 1947/48 in Deutschland von der Jewish Film Organisation, auch selbst darstellt.

Blick nach vorne

Nur Erinnerungen, seien sie heiter oder traurig, heraufzubeschwören ist keineswegs Ziel des JFW, hauptsächlich sollen neue oder in Wien noch nie gezeigte Filme vorgestellt werden, Lebens- und Liebesgeschichten, Problematisches und Satirisches, Erdachtes und Dokumentiertes. In Kooperation mit der Initiative LOBBY VORFILM werden diesmal auch Kurzfilme von jungen FilmemacherInnen vor einigen Hauptfilmen gezeigt.

Nicht nur die beiden österreichischen Dokumentarfilme entsprechen dem Schwerpunktthema „Exil“, auch der autobiografische Film des israelisch-polnischen Regisseurs Ami Drozd Moj Australia/Australia scheli/My Australia handelt vom Verlassen der Heimat und der Reise ins Exil. Zwanzig Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus beschließen die Eltern des zehnjährigen Tadek, Polen zu verlassen und nach Israel auszuwandern. Tadek weiß nicht, dass er Jude ist, und träumt von Aus­tralien als seinem Gelobten Land. Drozd erzählt vom Antisemitismus nach dem Krieg und von der schwierigen Jugend im Kibbuz klischeefrei und humorvoll.

20 Jahre, 20 Filme

Mit dem Österreichbezug punktet der dokumentarische Thriller Portrait of Wally von Andrew Shea. „Wally“, das ist Walburga Neuzil, die Gefährtin Egon Schieles, der 1912 ihr Porträt mit Ölfarben auf Holz gemalt hat. „Wally“ das ist auch der Star des amerikanischen Films, der weniger von der Kunst Schieles erzählt als viel mehr von Gier und Betrug, politischem Filz und institutioneller Heuchelei und von dem schmalen Grat zwischen Recht und Unrecht. Portrait of Wally zeichnet die qualvolle Geschichte des Bildes nach, von seinem Ursprung als Zeichen einer Liebe über den Diebstahl des Gemäldes, aus dem Besitz der jüdischen Kunsthändlerin Lea Bondi-Jaray, die aus Wien fliehen musste, um ihr Leben zu retten, über die Wirren der Nachkriegszeit bis zum Verschluss des Gemäldes in New York und dem überraschenden Ende eines 12 Jahre dauernden Rechtsstreits Österreichs mit den Erben der letzten rechtmäßigen Besitzerin. „Wally“ ist wieder in Wien und kann im Leopold-Museum betrachtet werden. Das Unrecht wurde von der Leopold-Privatstiftung mit 19 Millionen Dollar abgegolten.

Rund 20 Filme präsentiert das JFW zwischen 11. und 25. Oktober, um zu erinnern, zu mahnen, zu analysieren und auch zu unterhalten. Etwa mit der Agentenparodie OSS 117: Rio ne répond plus (Rio antwortet nicht mehr) von Michel Hazanavicius. Der Namen des Regisseurs muss die Ohren zum Klingen bringen, ist doch der 1967 geborene Franzose der Schöpfer von The Artist. Wie in dieser international erfolgreichen Stummfilmpersiflage, spielt auch in OSS-117 Jean Dujardin die Hauptrolle, den konservativen Spion Hubert Bonisseur de la Bath, misogyn, antisemitisch, homophob und borniert. Hazanavicius, der mit Rio ne répond plus bereits eine zweite Verfilmung der Romane von Jean Bruce gedreht hat, erhielt sowohl in Frankreich wie in Deutschland für seinen „herrlich politisch unkorrekten Humor“ höchstes Lob. Er selbst warnt vor Missverständnissen: „Je eleganter man den Film gestaltet, umso deutlicher werden Geschmacklosigkeit, Vulgarität und Dummheit der Figur. OSS denkt ja gar nicht, so wie er spricht. Er redet in Klischees. Indem über ihn gelacht wird, lachen wir über die Vorurteile, die wir alle haben.“

[box_tip]20. Jüdisches Filmfestival Wien:

11. bis 25. Oktober 2012,
Votivkino und De France. Rund 40 Filmvorführungen, ergänzt durch Podiumsdiskussionen, Workshops mit FilmexpertInnen, HistorikerInnen und ZeitzeugInnen.

Weitere Info auf: jfw.at/2012

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