Von Person A zu Person Benjamin

Wie der 22-jährige Benjamin Abramov die Spiritualität für sich entdeckte.

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© Anna Goldenberg

Es sind hektische Tage für Benjamin Abramov. Er muss zum Friseur, gleich kommt die Möbellieferung, die Arbeit ruht nicht, und zudem sind noch die letzten Kleinigkeiten für den Sonntag zu klären. Da ist nämlich die Hochzeit des 22-Jährigen. „Für so etwas braucht es materielle und spirituelle Vorbereitung“, sagt Benjamin an diesem Donnerstag Mitte Jänner. „Es geht nicht um die Hochzeit, sondern um das Leben danach.“
Mit diesen philosophischen Sinnsprüchen passt er in sein Umfeld. Gerade sitzt er in einem dunkelvertäfelten Raum des Bet Halevi, des 2006 eröffneten Gemeindezentrums am Augarten. Betrieben von Chabad, werden hier sefardische Bräuche mit der chassidischen Tradition kombiniert. Das Schönste an Chabad sei die „gute Stimmung“, so Benjamin: „Jeder hat einen kleinen Funken. Egal, was du gestern getan hast – heute kannst du eine Mizwa erfüllen.“
Dass sich Benjamin in dem religiösen Umfeld wohlfühlt, war nicht immer so. Er wuchs in einem traditionellem Haushalt auf, Kaschrut, Schabbat und Feiertage ja, aber so gläubig wie heute war er damals nicht. Eine „Light Version“ des Judentums lebte er damals, sagt Benjamin. Die Eltern kommen aus dem heutigen Usbekistan; wie viele in der bucharischen Gemeinde wanderten sie erst nach Israel aus und kamen später nach Wien, wo Benjamin und seine beiden älteren Schwestern geboren sind.

»Doch dann hab ich gemerkt,
im Ökosystem sitzt jemand anderer
an oberster Stelle.«

Seine gesamte Schulkarriere absolvierte er an der ZPC-Schule; nach der Matura schrieb er sich für mehrere Studien in Wien ein. Architektur, Informatik, Stadtplanung. Nichts passte gut. Erst bei einem Diplomlehrgang in Grafikdesign und Onlinemarketing an der Deutschen Pop, einer Privatakademie, fand er sich wieder.
Die Orientierungslosigkeit beim Studienbeginn war damals nicht die einzige Schwierigkeit. Im Jahr nach seiner Matura hatte Benjamin gesundheitliche Probleme; eine Operation war notwendig. Nichts Lebensbedrohliches, alles lief gut – doch die Sache erschreckte ihn. „In dem Alter denkt man, man hat die Kontrolle über alles“, erzählt er. „Doch dann hab ich gemerkt, im Ökosystem sitzt jemand anderer an oberster Stelle.“ Eine „Kettenreaktion“ begann, Benjamin entdeckte die Spiritualität für sich.
Er engagierte sich bei der Jugendorganisation Jadbejad, wo ihn ein neugewonnener Freund ins Bet Halevi mitnahm. Hier beschäftigte er sich mit der Torah. „Ich hab mich neu kennengelernt“, erzählt er. „Bet Halevi ist wie eine Fabrik. Du gehst als Person A rein und kommst als Person B wieder raus.“ Wobei Person Benjamin hier gar nicht so oft rauskommt. Mittlerweile arbeitet er nämlich auch für das Zentrum, organisiert Veranstaltungen und übernimmt Grafik und Marketing – und seit Kurzem ist auch seine Wohnung gleich dort. Nur die Möbellieferung fehlt noch.

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