Der vorläufige Lohn für den aufrechten Gang

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Die standhafte Haltung der jüdischen Gemeindeführung in Budapest ermöglicht eine neue Basis für den Dialog mit der Regierung auf Augenhöhe. Von Marta S. Halpert

Das Haus steht unter Denkmalschutz und gleicht trotzdem einer Ruine, die unmittelbar vor dem Zusammenbruch steht. Den langgestreckten Innenhof mit den nackten Ziegelwänden erhellen dutzende Glühbirnen. Und über all dem prangt mehrfach der Schriftzug: Mazel Tov. So nennt sich das hippe Lokal im Herzen des jüdischen Viertels von Budapest. Die echte Ruine mit aufkeimenden Leben darin symbolisiert auch die heutigen Gemeinden Ungarns: Die brutale Ausrottung der halben Million Juden bleibt ein geistiger und seelischer Kahlschlag von unwiederbringlicher und unermesslicher Dimension. Die darauffolgenden politischen Kniefälle unter kommunistischer Herrschaft sind am Verblassen, vor allem weil die damals agierenden Personen kürzlich abgetreten sind. Die seit 2014 amtierende Führungsmannschaft der jüdischen Gemeinden Ungarns verdient den gängigen Glückwunsch Mazel Tov: Sie hat gesundes Selbstbewusstsein demonstriert und Haltung bewiesen, weil sie sich weder einschüchtern noch kaufen ließ.

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Alles begann mit dem von der ungarischen Regierung ausgerufenen Holocaust-Gedenkjahr 2014, das eigentlich nur auf die Opferrolle Ungarns hinweisen und der Erinnerung an den Einmarsch der NS-Truppen in Ungarn am 19. März 1944 dienen sollte. Allein die Wahl dieses Datums durch die Regierung Orbán im Kontext mit der Schoa zeigte, dass sie sich der Mitverantwortung für die Diskriminierung, Verfolgung und Deportation der ungarischen Juden unter dem Horthy-Regime entledigen wollte. Sie schrieb die genehme „Version der Geschichte“ sogar in die Präambel des neuen Grundgesetzes.

Gegen Geschichtsverfälschung. Die Deportation einer halben Million ungarischer Juden war kein Schicksal – sie wurde von Menschen angeordnet.
Gegen Geschichtsverfälschung. Die Deportation einer halben Million ungarischer Juden war kein Schicksal – sie wurde von Menschen angeordnet.

Die Errichtung eines Monuments auf dem Szabadság tér (Freiheitsplatz), das Ungarn einzig als Opfer der NS-Truppen darstellte – und nicht als früheren Verbündeten –, brachte das Fass zum Überlaufen. Die jüdischen Gemeinden unter der Führung des neuen Präsidenten András Heisler verweigerten jedwede Zusammenarbeit in diesem so falsch gewickelten Gedenkjahr: Bereits von der Regierung geleistete Zahlungen wurden rücküberwiesen, dafür aber kleinere, eigene Projekte realisiert.

„Wir hatten bereits 22 Mio. Forint (rund 54.000 €) für das Jüdische Archiv bekommen und haben es wieder zurückgegeben“, erzählt Zsuzsanna Toronyi, Direktorin des Jüdischen Museum und des Archivs. „Wir sind jetzt aber in einer besseren Position“, lacht die dynamische Professorin für jüdische Geschichte, „denn Angela Merkel und das deutsche Außenamt sind eingesprungen und haben uns die gleiche Summe für Projektarbeiten zur Verfügung gestellt“. Die Zusammenarbeit mit deutschen Judaisten und Historikern ist dabei noch ein zusätzliches Geschenk für das ungarische jüdische Archiv.

Das „Haus des Schicksals“ – ein Disneyland? Die konsequente und einmütige Weigerung der jüdischen Gemeinden und Organisationen, sich für eine Geschichtsumdeutung der ungarischen Schoa nicht instrumentalisieren zu lassen, veranlasste die Regierung, sich ein eigenes Projekt auszudenken. Ein „Haus des Schicksals“ (Sorsok Háza) sollte zur Erinnerung an die rund 100.000 ermordeten jüdischen Kinder am ehemaligen Bahnhof Josefstadt (Józsefváros) entstehen. Warum „nur“ der Kinder gedenken? Dazu kursiert ein Ausspruch, der auf Ministerebene getätigt worden sein soll: „Die Kinder waren ja unschuldig!“ Soll heißen, die halbe Million erwachsenen Juden waren das nicht …

Mit der Realisierung dieses Museums wurde Mária Schmidt betraut, jene Historikerin, die bereits ihr Holocaust-relativierendes Projekt mit dem „Terrorhaus“ (Terror Háza) in Budapest verwirklichte. „Das jüngste Konzept von Schmidt ist visueller Kitsch, ein Themenpark à la Disneyland“, empört sich auch Zsuzsanna Toronyi. „Es geht wieder nicht – ähnlich wie im Terrorhaus – um geschichtliche Zusammenhänge und die Realität, sondern nur um deren Interpretation.“ Schon der Name des Museums erregte die intellektuelle Öffentlichkeit: Der bekannte Schriftsteller György Konrád und der Philosoph György Péter argumentierten öffentlich, dass „nicht das Schicksal“ für die Vernichtung der ungarischen Juden verantwortlich war, sondern Menschen, die die Deportationen anordneten, und jene rund 200.000 Ungarn, die damals aktiv an diesen Verbrechen beteiligt waren. Mária Schmidt werkte an ihrer Idee, ohne irgendeine jüdische wissenschaftliche Institution im In- oder Ausland zu konsultieren.

Um dann doch der wachsenden Kritik zu begegnen, sandte die umstrittene Historikerin ihre Pläne Anfang Februar 2015 an den zuständigen Kabinettsminister János Lázár. Dieser wollte sich weitere internationale Kritik ersparen und leitete den Projektplan sowohl an die jüdischen Gemeinden als auch an Historiker, Mitglieder der Akademie der Wissenschaften sowie an die Forschungsstätte Yad Vashem weiter. Keine der genannten Institutionen fand das Museumskonzept akzeptabel, niemand wollte seinen Namen damit verbunden wissen.

Mit Anfang März 2015, dem Zeitpunkt der Übernahme des einjährigen Vorsitzes bei der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA, siehe dazu Interview mit Szábocs Takács) scheint die Lust der Orbán-Administration, erneut weltweit negative Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, vergangen zu sein. Das Ergebnis ist die Verlagerung des Streites über das „Haus des Schicksals“ zu den zwei Orbán nahestehenden Personen, und zwar János Lázár und Mária Schmidt. Der Kabinettsminister stoppte die Arbeiten an dem Projekt und Schmidt beschuldigte ihn daraufhin, „absichtlich und mutwillig die Regierungsentscheidung zu missachten“. Lázár konterte prompt: „Dieses Museum wird mit der Zustimmung der jüdischen Gemeinde eröffnet oder überhaupt nicht.“

„Wir haben ehrlich versucht, pro-aktiv zu sein, denn die Regierung sitzt jetzt mit diesem Projekt in einer Falle“, sagt Zsuzsanna Toronyi. Das Gebäude in der Józsefváros sei für viele Millionen umgebaut worden und die Arbeiten sind derzeit eingestellt. Die Realisierung nach den Schmidt-Plänen würde einen internationalen Skandal heraufbeschwören. Toronyi hat sich etwas überlegt und gemeinsam mit Präsident Heisler der Regierung einen Brief geschrieben. „Ich habe mit meiner museumstechnischen Erfahrung folgenden Vorschlag gemacht: Wir haben seit 2004 das Holocaust-Gedenkzentrum in der Páva utca. Das ist schon zu klein geworden, es ist renovierungsbedürftig und zu weit weg vom Herzen der Stadt. Das sollte man einfach in das Sorsok Háza übersiedeln“, so die Museumsdirektorin. Das Zentrum in der Páva utca, eine ehemalige Synagoge, könnte dann als eine Art Kolel, eine Studierstätte von Jugendorganisationen, genutzt werden.

Das Gesprächsklima zwischen der Regierung Orbán und der Kultusgemeinde MAZSIHISZ hat sich zuletzt auch dadurch gebessert, dass auf Forderungen der ungarischen Gemeinden nach finanzieller Unterstützung bei der Renovierung und Erhaltung von Bethäusern und etwa 1.600 jüdischen Friedhöfen im Rahmen des laufenden IHRA-Vorsitzes schnell und positiv eingegangen wurde: Rund 13 Millionen Euro stellt das Amt des Regierungschefs dafür bereit.

Auch das Prestigeprojekt von András Heisler soll bis 2017 verwirklicht werden: Die Rumbach-Synagoge, das einzige Bauwerk, das zwischen 1869 und 1872 nach Plänen des österreichischen Architekten Otto Wagner im historistischen Stil in Ungarn erbaut wurde, soll ein zeitgenössischer Ausstellungsort werden. „Zusätzlich zur Synagoge haben wir dort Räumlichkeiten auf sechs Stockwerken“, freut sich Toronyi. Die permanente Ausstellung, für die sich Heisler auch das Interesse der allgemeinen Bevölkerung erhofft, soll das Zusammenleben der Juden und nicht-Juden im Laufe der ungarischen Geschichte zeitgemäß darstellen. Heisler nennt sein Projekt in der Rumbach-Synagoge das „Haus der Koexistenz“. Manche sehen es als Gegenentwurf zum missglückten „Schicksalshaus“. ◗

Bilder: © Daniel Kaldori

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