Wahnwitz und der Rhythmus der Lebensmusik

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Zum 140. Geburtstag von Karl Kraus, Marstheaterdichter, Sprachkritiker, Polemiker, am 28. Juni. Von Alexander Kluy

Wie viel hätte er heute wohl zu tun? Wie schnell wäre Karl Kraus (1874 –1936) in der Arena der Öffentlichkeit heutzutage heiser? Wann würde er, der Ankläger von Korruption und Nepotismus, von öffentlicher und privater Imbezilität, von Bereicherung und Doppelzüngigkeit, heutzutage resignieren? Zu Lebzeiten war er ein manischer Schreiber. Von den 30.000 Seiten der 922 Ausgaben seiner 1899 gegründeten, von 1911 bis 1936 von ihm allein bestrittenen Zeitschrift Die Fackel füllte er 25.000.

Heine und die Folgen. Schriften zur Literatur. Herausgegeben von Christian Wagenknecht. Wallstein Verlag, ab Mai 2014; 400 S.,  32,90 EUR
Heine und die Folgen. Schriften zur Literatur. Herausgegeben von Christian Wagenknecht. Wallstein Verlag, ab Mai 2014; 400 S., 32,90 EUR

Kraus war nicht wählerisch in der Wahl seiner Feinde: Reaktionäre, Liberale, Republikaner, Kaffeehausliteraten, Burgtheaterdramatiker, Wiener Polizeipräsidenten und österreichische Juden (1899 war er aus der Kultusgemeinde ausgetreten und 1911 zum Katholizismus konvertiert, 1923 trat er wieder aus), Politiker („Politik ist das, was man macht, um nicht zu zeigen, was man ist, ohne es zu wissen“), Journalisten und andere käufliche Sprachschänder.

In seiner Wortwahl wider Kontrahenten war der Wahl-Wiener im höchsten Maße erfindungsreich: Analphabeten der Pietät, Dilettanten des Aufruhrs, Erbdummkopf. Staatsscheißer und Staatsdiebe, Radauschwester, Ratten des Freisinns, Rechts- und Linksanwalt. Zu entnehmen dem Schimpfwörterbuch zur Fackel. Drei Bände umfasst es, 2.775 Schimpfnamen Wortneuerfindungen und Rekombinationen sind darin versammelt. Das Such-und-finde-Prinzip, ein Band bietet Alphabetisches, ein zweiter Chronologisches und ein dritter „Explikatives“, nimmt allerdings eher Bezug auf das einst in Bibliotheken gepflegte Karteikartenprinzip des Findens vieler anderer Dinge und abseitiger Verweise während der Suche nach dem gewünschten Eintrag. Es lassen sich aber mittels eines „rückläufigen Wortformen-Indexes“ auch jene Einträge und Erfindungen finden, die etwa auf das heimtückisch-harmlose „-mausi“ enden: „Barrikadenmausi“, „Duckmausi“ oder das immergrüne „Korruptionsmausi“. Nicht auszudenken, was Karl Kraus als lebender Fernsehkritiker zu Dschungelcamp, Banken und Lugner eingefallen wäre.

Phrasen auf zwei Beinen
Die letzten Tage der Menschheit. Herausgegeben von Bernhard Fetz. Jung und Jung 2014;  800 S.,  28 EUR
Die letzten Tage der Menschheit. Herausgegeben von Bernhard Fetz. Jung und Jung 2014;
800 S., 28 EUR

„… es ist Blut von ihrem Blute und der Inhalt ist von dem Inhalt der unwirklichen, undenkbaren, keinem wachen Sinn erreichbaren, keiner Erinnerung zugänglichen und nur in blutigem Traum verwahrten Jahre, da Operettenfiguren die Tragödie der Menschheit spielten“, heißt es in seinem literarischen Hauptwerk Die letzten Tage der Menschheit, einer erbarmungslos ins Licht gezerrten Monströsitäten- und Dummheitenrevue des Ersten Weltkriegs in 220 Szenen.

„Die Handlung, in hundert Szenen und Höllen führend, ist unmöglich, zerklüftet, heldenlos wie jene. Der Humor ist nur der Selbstvorwurf eines, der nicht wahnsinnig wurde bei dem Gedanken, mit heilem Hirn die Zeugenschaft dieser Zeitdinge bestanden zu haben. Die Mitwelt, die geduldet hat, daß diese Dinge geschehen, die hier aufgeschrieben sind, stelle das Recht, zu lachen, hinter die Pflicht, zu weinen. Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen; ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate. 
Sätze, deren Wahnwitz unverlierbar dem Ohr eingeschrieben ist, wachsen zur Lebensmusik. […] Phrasen stehen auf zwei Beinen – Menschen behielten nur eines.“

„Aasgeier des Interessanten.“
Die letzten Tage der Menschheit. Hörbuch. Gesprochen von Erwin Steinhauer. Mandelbaum Verlag, ab Mai 2014;  24,90 EUR
Die letzten Tage der Menschheit. Hörbuch. Gesprochen von Erwin Steinhauer. Mandelbaum Verlag, ab Mai 2014;
24,90 EUR

„Als Karl Kraus starb [am 12. Juni 1936, ihn hatte einige Tage zuvor ein Radfahrer angefahren und verletzt], starb auch die Gedankenfreiheit in Österreich“, meinte Oskar Kokoschka. Persönlich war Karl Kraus genügsam. „Ich verlange“, schrieb er, der in der Lothringerstraße 6 in der Inneren Stadt wohnte, „von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selbst.“ Elsie Loos erinnerte sich: „Manchmal gingen wir zu Karl Kraus ins Kaffeehaus. Er hatte sein Hauptquartier in einem Kaffeehaus beim Stephansplatz aufgeschlagen, in einem Séparée. Manchmal besuchten wir ihn auch in seiner kleinen Wohnung, wo er allein hauste, schrieb, dachte und sich sein Essen selbst zubereitete. Jahrelang lebte er nur von Kartoffeln, er kochte sie geschält, und nachher kochte er die reingewaschenen Schalen extra und machte eine Suppe daraus. Karl Kraus stammte aus einer sehr wohlhabenden Familie, aber er hielt es für eine Sünde, besser zu leben als die vielen armen Menschen auf der Welt.“

Dass sein Ruhm nach 1945 nicht verwehte, verdankte er ihn überlebenden Adepten, Anhängern und Verehrern, von Elias Canetti („Was habe ich von Karl Kraus gelernt? […] Da ist zuerst das Gefühl absoluter Verantwortlichkeit“) und Ernst Křenek bis zu Erwin Chargaff.

Wie nähme wohl Karl Kraus heute das ihm allseits entgegengetragene Lob auf, insbesondere von Journalisten? Wohl ungnädig. Und sehr persönlich. Schließlich waren für ihn „Redactionsschmarotzer“ nichts anderes als „Anekdotenverschleißer“ und „Aasgeier des Interessanten“. Das allerletzte Heft der Fackel endete denn auch mit – „Trottel“.

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