„Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn nichts von ihm übrig bleibt“

Vom märchenhaften Aufstieg und jähen Fall ihres schillernden Urgroßonkels erzählt die deutsche Kulturjournalistin Shelly Kupferberg in ihrer berührenden Spurensuche Isidor.

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WINA: Vor wenigen Monaten habe ich mit Ihrer Mutter Maya Kupferberg in Wien ein Gespräch über deren Vater, also Ihren Großvater, den Historiker Walter Grab, geführt (WINA, Juni 2022). Dabei hat sie mir erzählt, dass Sie gerade ein Buch über dessen Onkel Isidor geschrieben haben und nun „alles“ über die Wiener Familiengeschichte wüssten. Isidor war, wie Sie schreiben, „ein Parvenü, ein Multimillionär“, aber auch ein „Hochstapler“ und nicht unbedingt nur sympathisch. Sie sind in Israel geboren, in Berlin aufgewachsen und dort auch als Journalistin tätig. Was hat Sie denn an diesem doch sehr entfernten Verwandten gereizt?
Shelly Kupferberg: Ja, er war Jahrgang 1886, das ist wirklich eine ganze Weile her. Isidor hat mich gepackt, weil er so ein Selfmade-Man war und ich großen Respekt vor Menschen habe, die sich aus der eigenen Misere selbst herausziehen. Ich hab mich am Anfang meiner Recherche gefragt, welche Kunst hing im Palais meines Urgroßonkels um 1920, 1930, und wurde auch relativ schnell fündig. Die Frage war für mich auch, wieso war er eigentlich so steinreich, er kam ja aus ganz armen, ultraorthodoxen galizischen Verhältnissen, und weiters bewegte mich die Frage, was bleibt von einem Menschen übrig, wenn nichts von ihm übrig bleibt. Denn das haben die Nazis ja geschafft, sie haben nicht nur Menschen ausgelöscht, sondern auch die Erinnerung an sie. Er war wahrscheinlich wirklich nicht sehr sympathisch, er war herrisch, autoritär, sehr stolz auf das, was er geschafft hatte, das kann ich durchaus nachvollziehen. Diese Zeit der Selfmade Men und Women hat mich fasziniert, und offenbar bot Wien trotz ganz massivem Antisemitismus einen Humus für solche Menschen. Es gab Möglichkeitsräume, die wollte ich beleuchten und rekapitulieren, wie ein Charakter beschaffen sein muss, um einen derartigen Aufstiegswillen zu entwickeln.

Sie hatten eine besondere Beziehung zu Ihrem Großvater, der in Ihrem Buch als Neffe auch eine wesentliche Rolle spielt. Hat er viel von seinem Onkel Isidor, den er offenbar sehr bewunderte, erzählt?
I Es war ein großes Glück, dass in unserer Familie überhaupt sehr viel erzählt wurde und wir unsere Großeltern, wenn wir in Tel Aviv zu Besuch waren, auch immer löcherten: Erzählt uns von früher! Mein Großvater Walter konnte als Historiker alles auch geschichtlich einordnen und war ein hervorragender Geschichtenerzähler, ein Performer, und man hing an seinen Lippen. Über Isidor selbst erzählte er ganz wenig, aber dennoch, dass er ihn vor Hitler gewarnt hatte, der aber nur gesagt hätte, von so einem Grünschnabel lass ich mich nicht verjagen. Erst als ich vor einigen Jahren eine Tagung in Berlin über Raubkunst moderieren durfte, kam mir Isidor in Wien in den Sinn, der angeblich so reich gewesen war.

Erstaunlich sind die reichlich vorhandenen Familiendokumente. Für eine Familie, die nach Israel ausgewandert ist, ist es schon ungewöhnlich, dass so viel komplett und sogar aufgearbeitet vorhanden zu sein scheint.
I Nein, eigentlich war es nur ein ungeordneter Haufen, geordnet war nur ein großes, dickes, beschriftetes Fotoalbum, das wir erst nach Walters Tod fanden und vorher nie zu Gesicht bekommen haben. Ansonsten gab es in Tel Aviv stapelweise Briefe, Dokumente und Urkunden in Mappen und Kisten.

Shelly Kupferberg wurde 1974 in Tel Aviv geboren und lebt seit ihrer Kindheit in Berlin. Die Journalistin und Moderatorin hat sich in ihrem Buchdebüt auf die Spurensuche nach ihrem Urgroßonkel Isidor Geller begegeben. © Heike Steinweg

Beachtlich, was Sie bei Ihren Recherchen alles zutage fördern konnten, wie Dokumente aus diversen Archiven und unter anderem ein Scheidungsprotokoll. Was mich amüsierte, war der detaillierte Bericht eines Privatdetektivs über Ihre Urgroßmutter im Auftrag Ihres Urgroßvaters, der sich vor der Heirat nach deren Ruf erkundigte. Sie haben, wie Sie selbst einmal sagten, eine detektivisches Gen. Auch ein Familienerbe?
I Gute Frage. Mein Großvater hat seinen Namen Walter Grab als Historiker so verstanden: Walter, grab! Vielleicht hat sich dieser Drang des Grabens, Wühlens und Aufdeckens in mir insofern fortgepflanzt, als ich Spaß daran habe. Auch mein neues Projekt, eine Berliner Geschichte über mein Wohnhaus, ist wieder sehr detektivisch angelegt. Ich bin ja auch nicht umsonst Journalistin geworden.

Auch in seinem Faible für Kunst, Musik und Kultur ist Isidor fast typisch für den Assimilationswillen jüdischer Aufsteiger, die ihre Religion verdrängen oder sich gar taufen lassen. Ist er damit ein Prototyp oder doch eher eine Ausnahmeerscheinung?
I Im Personaltableau und gerade in der Kulturszene Wiens um 1900 fällt auf, wie viele Juden waren und sich oft anders genannt haben, um nicht als Juden erkannt zu werden, da scheint er schon eine Art Prototyp zu sein. Isidor ist zwar aus der Kultusgemeinde ausgetreten, aber kurz vor seinem Tod wieder zum Judentum zurückgekehrt und am Jüdischen Friedhof in Wien begraben.

 

„Diese Zeit der Selfmade Men und Women hat mich fasziniert,
und offenbar bot Wien trotz ganz massivem Antisemitismus
einen Humus für solche Menschen.“

 

Sie erzählen in diesem Buch mehrere Geschichten quasi parallel, etwa auch die Geschichte einer Schneiderfamilie Goldfarb oder sehr ausführlich die an Skandalen reiche Geschichte von Isidors letzter Geliebter, der ungarischen Sängerin Ilona. Wie viel ist da Fakt und wie viel Fiktion?
I Das Buch beruht im Wesentlichen auf Fakten und Recherchen, aber die Familie Goldfarb gab es nicht. Ich brauchte, um Isidors Haltung zum Judentum, zum Zionismus etc. plastisch zu machen, einen Dialogpartner für ihn. Meine Großmutter väterlicherseits war Haute-Couture-Schneiderin, und viele ihrer Erzählungen sind da eingeflossen. Ilonas unglaubliche Geschichte ist total recherchiert und rekapituliert, weil sie in Hollywood und auch für ungarische Zeitungen zahlreiche Interviews über ihr Leben gab. In Ungarn war Ilona Hajmássy absolut ein Star.

Trotz des umfangreichen Quellenmaterials imaginieren Sie viel, was Gedanken oder Gefühle vor allem Isidors betrifft, doch eher romanhaft. Sie nennen das Buch im Untertitel „Ein jüdisches Leben“, also keine Gattungsbezeichnung.
I Das war keine bewusste Entscheidung. Es gab aber so viele Blackboxes in meinen Recherchen, und die Frage war, wie gehe ich damit um. Ich versuchte, meine Ich- Perspektive, meine Interpretationen, Reflexionen mit einzubringen, und habe mir auch erlaubt, manche Blackboxes mit Fiktion zu füllen. Ich wollte mich auf keine Gattungsbezeichnung einlassen, es ist ein Hybrid, offiziell ein erzählendes Sachbuch. Ich wollte auch keine Fotos im Buch haben, es sollte eher ein Kino im Kopf auslösen. Und ich würde mich freuen, wenn es andere Menschen ermutigen würde, in ihren eigenen Familiengeschichten herumzuwühlen, egal ob jüdisch oder nicht. Es ist erstaunlich, was es alles noch in Archiven zu finden gibt. Das materielle Erbe Isidors ist perdu, übrig blieb nur ein Silberbesteckkasten für 24 Personen.

Wurde von der Familie, laut Testament waren seine drei Geschwister seine Erben, je eine Restitution angestrebt?
I Das ist geschehen, aber es wurde so gut wie gar nichts restituiert, weil offiziell nichts da war. Sehen Sie, hier habe ich seine komplette Vermögenserklärung, dieser Mann war vielfacher Millionär, aber angeblich ist alles für Verwaltungskosten etc. aufgegangen. Es war einfach Raub.

 

„Ich wollte nie als jüdische Journalistin gelabelt werden.“
Shelly Kupferberg

 

Sie haben drei Kinder. Ist es für diese auch eine Art aufgearbeitete Familienchronik?
I
Ich habe es nicht in Hinblick darauf geschrieben, habe mich aber sehr über das Interesse meiner Kinder gefreut, die meine Recherchen sehr aufmerksam verfolgt und mitgefiebert haben. Sie beschäftigen sich beruflich oft mit jüdischen Themen, ebenso mit Israel und israelischer Literatur.

Wie würden Sie Ihre diesbezügliche Identität gerade in Deutschland beschreiben?
I Ich habe schon mit Anfang 20 als Kulturjournalistin zu arbeiten begonnen und wollte nie als jüdische Journalistin gelabelt werden, obwohl ich immer wieder gern jüdische Themen behandelt habe. Aber nach über 25 Jahren im Journalismus kam das Fest 1700 Jahre deutsch-jüdische Geschichte, und ich wurde gefragt, dabei Veranstaltungen zu moderieren. Das war so eine Art Outing, und ich stehe selbstverständlich zu dieser Identität als Teil meiner sehr komplexen Identität.

Mit diesem Buch wird es einmal mehr geschehen. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie heute nach Wien kommen?
I Ich gehe mit den Augen meiner Vorfahren durch diese Stadt, und es schmerzt, weil ich spüre, was sie vermisst haben und was ihnen genommen wurde. Ich habe auch durch die Geschichten, die ich recherchiert habe, eine besondere Beziehung zu Wien. Gleichzeitig sehe ich auch die Schönheit und Ambivalenz dieser Stadt, die irgendwie in mein Leben gehört.


Shelly Kupferberg:
Isidor. Ein jüdisches Leben.
Diogenes 2022, 256 S., € 24,70

ISIDOR. EIN JÜDISCHES LEBEN

Mein Urgroßonkel war ein Dandy. Sein Name war Isidor. Oder Innozenz. Oder Ignaz. Eigentlich aber hieß er Israel.“ Mit diesem Auftakt stimmt Shelly Kupferberg bereits den Ton ihres Buchdebüts an, das kein Roman im eigentlichen Sinn ist. Die Faszination, die Isidors Lebensgeschichte auf sie ausübt, wird darin durchgehend spürbar. Geboren und aufgewachsen im tiefsten Galizien in eine blutarme orthodoxe Familie, der Vater ein Talmudgelehrter, besucht Israel wie seine Brüder den Cheder, bildet sich aber schrittweise und indem er sich immer weiter von seinem Heimatort entfernt schulmäßig weiter. In Wien mutiert er nach seinem Jusstudium schließlich zu Dr. Isidor Geller, es ist der Startschuss für seine Karriere. Im Ersten Weltkrieg durch Aktienspekulationen steinreich geworden ist, wird er Kommerzialrat und berät sogar den österreichischen Staat. In der Beletage eines Stadtpalais in der Canovagasse, ausgestattet mit erlesener Kunst und stilvollem Mobiliar, lädt er jeden Sonntag zu einem Mittagstisch, ein gesellschaftlicher Fixpunkt, bei dem er auch seinen bildungsbeflissenen Neffen Walter stolz vorführt. Seine Geschwister und seine Mutter hat er längst nach Wien geholt und unterstützt sie großzügig. Zweimal verheiratet, geschieden, kinderlos und ein Womanizer, fördert er mit seinen Mitteln und Kontakten auch seine Geliebte, die ungarische Sängerin Ilona Hajmássy, die in Hollywood zum Star wird, während es mit Isidor rapide bergab geht. Nach Hitlers Einmarsch verraten ihn seine Hausangestellten, er wird verhaftet, überschreibt unter Druck seinen gesamten Besitz den Nazis und stirbt als gebrochener Mann 52-jährig am 17. November 1938 an den Folgen der Folterhaft in seiner Wiener Wohnung. Um dieses Zentralgestirn ihres charismatischen Uronkels gruppiert Shelly Kupferberg andere authentische, aber teilweise auch fiktive Geschichten, die Zeitgeist, Milieu und Atmosphäre rund um Isidors Biografie abrunden. Auch Kupferbergs Großvater Walter Grab, dem die Flucht nach Palästina gelingt, zu der er seinen Onkel nicht überreden konnte, ist einer der Helden dieser empathisch erzählten Familiengeschichte

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