
VILLA REZEK
Wilbrandtgasse 37, 1180 Wien
Sa., 11. & So., 12. April, 10–17 Uhr
info@villarezek.at, villarezek.at
Wie wenig musste das Ärzteehepaar Anna und Philipp Rezek von der dunklen Zukunft geahnt haben, als es 1932 ein großes Grundstück in Hanglage hoch über der Stadt erwarb und schon bald darauf einen Architekten mit dem Entwurf einer Villa beauftragte. Bereits im Frühjahr 1934 konnte die Familie mit den beiden Töchtern ins neue Heim einziehen.
Wie schwer es gewesen sein musste, dieses zauberhafte Domizil nach nur vier Jahren Glück endgültig zu verlassen, kann man wahrscheinlich nicht einmal wirklich nachempfinden, wenn man heute die fast originalgetreu restaurierte Villa Rezek staunend besucht.

Sogar Ortskundigen wird die idyllische Windmühlhöhe kein Begriff sein. Und so sind auch wir total überrascht, als wir uns vor der Adresse Wilbrandtgasse 37 zu einer Führung durch das still am Ende einer Sackgasse und vor einem Spazierweg liegende Haus mit Caroline Wohlgemuth treffen. Noch rasch holt die Kunsthistorikerin den versteckten Schlüssel und öffnet dann die Türe zu einem Wohntraum und mit ihrem engagierten, empathischen Wissen auch zu einer kleinen Welt, die sich in diesen Räumen wie in einer Zeitkapsel erhalten hat. Gemeinsam mit dem für die Renovierung verantwortlichen Architekten Maximilian Eisenköck recherchierte Wohlgemuth, die vielleicht sogar „über sehr viele Ecken“ mit den ehemaligen Besitzern verwandt ist, jahrelang die Baugeschichte. Bis hin in die kleinsten Details des Interieurs spürten sie der Handwerks- und Ingenieurkunst, die hier auf der Höhe der Zeit war, und nicht zuletzt der Geschichte der Familie und ihrem visionären Architekten Hans Glas nach. „Glas Haus“ nennen die in den USA lebenden Enkelkinder der Rezeks, zu denen im Zuge der Recherchen der Kontakt gelang, noch immer den einstigen Familiensitz.

„Liebevolle Raumkultur“. Ganz deutlich sind dem Terrassenhaus, das mit seinen Reling- artigen Brüstungen wie ein am Hügel gestrandetes Schiff über Wien blickt, die Einflüsse der weitaus prominenteren Architekten Josef Frank und Adolf Loos anzusehen, zu dessen Schülern Glas zählte. Nicht zuletzt fühlt man sich auch an Mies van der Rohes Meisterwerk, die Villa Tugendhat in Brünn erinnert. Wie dieses ist das Glas Haus auch in seinen technischen Ansprüchen ganz State of the Art der Zwischenkriegszeit. So ließen die beiden Ärzte, die im Erdgeschoß auch ihre Ordinationen hatten, „Patentschiebefenster“ nach dem Muster von Lungenheilanstalten einbauen. In der Küche zählten ein Elektroherd, Kühlschrank und Speisenaufzug, zu den damals raren Highlights.
Dezente, zurückhaltende Eleganz im offenen Salon und behaglicher Wohnkomfort in den Privaträumen dominieren den Einrichtungsstil. Praktisch, hygienisch und funktional zeugen auch die Kinderzimmer und Nebenräume von einem durchgehenden Gestaltungswillen bis hin zu den metallenen Beschlägen. Entsprechend des modernen Postulats von „Luft, Licht und Sonne“ wurden ein Wintergarten und die Grünflächen – als verlängerter Wohnraum vom führenden Gartenarchitekten durchkomponiert – in das Gesamtkunstwerk einbezogen. Bereits 1934 galt die Villa Rezek in internationalen Fachkreisen als eines der modernsten Wohnhäuser Wiens, wobei vor allem dessen „Heiterkeit und liebevolle Raumkultur“ gelobt wurden.
„Das Haus erscheint wie die Quintessenz
des modernen Bauens und
der Philosophie des Wohnens im
Wien der 1930er-Jahre.“
Schicksalreich. „Das Haus erscheint wie die Quintessenz des modernen Bauens und der Philosophie des Wohnens im Wien der 1930er-Jahre“, schreibt Caroline Wohlgemuth im Vorwort des von ihr mit herausgegebenen Bandes Das Glas Haus, in dem auch die Schicksale der Protagonisten desselben nachverfolgt werden.

Anna Rezek (1895–1974), als eine geborene Bunzl einer reichen Industriellendynastie entstammend, die kapitalkräftige und als Ärztin gleichzeitig emanzipierte Auftraggeberin, gehörte dem höchst kulturaffinen, gebildeten jüdischen Großbürgertum an, das nach dem Ersten Weltkrieg im Wien Freuds und Zweigs noch einmal zur Hochblüte gelangte, bevor es im Nationalsozialismus vertrieben und ausgelöscht wurde.
Desgleichen der jüdische Architekt Hans Glas (1892–1969), der unter anderem auch für das „Rote Wien“ tätig war. Ihm gelang es im Exil in Kalkutta, mit öffentlichen Aufträgen seine Karriere wieder aufzunehmen und einen Großteil seiner Familie zu retten.
Philipp Rezek (1894–1963) floh im Frühjahr 1938 vorerst allein, Anna, die Töchter und seine Mutter folgten ihm Monate später nach New York. Nach Erlegen einer hohen Reichsfluchtsteuer konnten sie sogar einen Teil der Möbel und Bücher mitnehmen.

1938 „arisiert“, wurde das Haus nach jahrelangem Verfahren 1953 an die Rezeks restituiert, die es, da sie nicht mehr zurückkehren wollten, verkauften. 2006 besuchten es die Töchter noch einmal und später auch die Enkelkinder. Nach diversen Eigentümerwechseln 2010 unter Denkmalschutz gestellt, erwarb es 2019 schließlich eine Stiftung in völlig devastiertem Zustand und entschloss sich, es wieder an den Originalzustand heranzuführen.
Seit 2025 ist das „Glas Haus“ zu bestimmten Terminen öffentlich zugänglich und gehört dem weltweiten Netzwerk der „Iconic Houses“ an. Über seine architekturhistorische Bedeutung hinaus zählt es nach seiner Rettung nun auch zum kultur- und zeitgeschichtlichen Erbe Wiens.




















