Was hat der Truthahn mit Purim zu tun, …

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… und mit welchem Gericht rettet man ihm das Leben? Die Wiener Küche steckt voller köstlicher Rätsel, die jüdische sowieso. Wir lösen sie an dieser Stelle: Ob Kochirrtum, Kaschrut oder Kulinargeschichte: Leserinnen und Leser fragen, WINA antwortet.

Purim ist das Fest, das an die Errettung des jüdischen Volkes aus drohender Gefahr in der persischen Diaspora erinnert. An diesem Feiertag wird das biblische Buch Esther gelesen, das die Geschichte erzählt, wie Esther die Juden vor der Vernichtung durch den bösen Haman rettete. Die vollständige Lesung gehört – wie etwa auch das Verbot von Fasten und Trauerreden – zu den sieben Pflichten. Darüber hinaus hat über die Zeit jedoch jede ethnische Gruppe, jede Gemeinde, jede Familie auch ihre eigenen Traditionen und Bräuche entwickelt, mit besonderer Unterhaltung oder aber mit besonderen Gerichten. 

Diese Gerichte haben in der Regel eine symbolische Bedeutung, die mit der Purim-Geschichte zusammenhängt. Und so essen manche Juden an Purim eben Truthahn. Und das auch außerhalb der Vereinigten Staaten, wie Sie ja selbst feststellen konnten. Denn mit Thanksgiving hat das Servieren des Federviehs nichts zu tun. Vielmehr wird damit an den persischen König Achaschwerosch (hebräisch für Xerxes I.) erinnert – auf mal mehr, mal weniger schmeichelhafte Weise. 

So wird als ein Grund für den Puter-Verzehr angeführt, dass der Truthahn als „törichtes Tier“ gilt. Mit ihm im Menü spielt man auf Achaschweroschs Dummheit an, auf den Rat Hamans gehört zu haben. Gegenüber dem Geflügel ist das freilich nicht ganz fair. Denn dass die Tiere viel von ihren natürlichen Instinkten verloren haben, sodass einige Exemplare sogar Schwierigkeiten haben, einfache Dinge wie das Fressen zu erlernen oder mitten im Verkehr minutenlang erstarren und in die Luft gucken, liegt an der industriellen Zucht und der nicht artgerechten Haltung. Nicht überzüchtete Truthähne sind, wie ihre wilden Artgenossen, hingegen ziemlich schlau, schwer zu fangen und zudem äußerst soziale Tiere, die sogar zu ihrer Lieblingsmusik singen und eigenständige Persönlichkeiten besitzen – genau wie Hunde und Katzen.

Der zweite Grund, weshalb die Puter zu Purim gerne auf der Tafel landen? Nomen est omen, könnte man sagen. Denn zu Beginn der Esther-Rolle wird gesagt, dass König Achaschwerosch „von Indien (hebräisch ,Hodu‘) bis Äthiopien (hebräisch ,Kusch‘)“ herrschte. Und da „Hodu“ auch das hebräische Wort für Truthahn ist, schlugen sich die Tiere quasi selbst als Festmahl vor. 

Zum Glück für die Truthähne ist jedoch noch eine andere Tradition weit verbreitet, um die Weite des einstigen persischen Reiches zu symbolisieren. Statt auf „Hodu“ fokussiert sie sich auf „Kusch“ – weshalb äthiopische Gerichte wie Linsen, gekochte Bohnen und Erbsen auf den Tisch kommen. Letztere erinnern zudem auch daran, dass sich Königin Esther von Nüssen, Samen, Körnern und Hülsenfrüchten ernährt haben soll, um koscher zu bleiben, während sie im Königspalast lebte. Und das wiederum erklärt auch den Brauch, an den Feiertagen Mohn zu essen, der vor allem in aschkenasischen Hamantaschen als Füllung vorkommt.

Nach diesen Ausführungen müssen Sie nun freilich selbst entscheiden, ob der Truthahn auch für Sie zu Purim gehört. Vielleicht möchten Sie nach dem Exkurs aber ja auch künftig sein Leben verschonen. Köstliche vegetarische Alternativen mit mindestens genauso hoher Symbolkraft für das Festtagsmahl gäbe es jedenfalls genug. Eine weitere finden Sie in der Rezeptbox. 

Persischer Kirchererbsen-Linsen-Eintopf

Zutaten: 1½ Esslöffel Olivenöl
2 mittelgroße Zwiebeln,
gehackt
2–3 Knoblauchzehen, fein gehackt1 Dose Kichererbsen (800 g), abgetropft und abgespült
1 Dose gekochte Linsen (800 g), abgetropft und abgespült800 g gehackte Tomaten
1 Teelöffel gemahlener Kreuzkümmel1 Teelöffel Zimt
2 Teelöffel edelsüßes Paprikapulver
2 mittelgroße Zucchini, gewürfelt
¼ Tasse trockener Rotwein (optional, aber sehr empfohlen)
Salz & frisch gemahlener schwarzer Pfeffer
frisch gehackte Petersilie oder Koriander

Zubereitung:
Das Öl in einem Suppentopf erhitzen. Zwiebeln hinzufügen, glasig dünsten. Knoblauch dazugeben, anbraten, bis er goldgelb ist. Kichererbsen, Linsen, Tomaten, Kreuzkümmel, Zimt und Paprikapulver hinzufügen. Die Hitze erhöhen, bis die Mischung zu blubbern beginnt. Zucchini und ggf. Rotwein hinzufügen. 8–10 Minuten sanft köcheln lassen, bis die Zucchini weich ist. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Petersilie oder Koriander unterrühren und in flachen Schalen servieren. Tipp: Um die traditionellen persischen Gewürznoten zu verstärken, kann man das Gericht noch mit gemahlener Nelke und Kardamom abschmecken. Außerdem passt etwas frisch geriebener Ingwer gut dazu.
Limettensaft zum Drüberträufeln ist ebenfalls köstlich.

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