Wie empathisch ist die Kunst?

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Michtav Le‘David (Der Brief an David) wurde im Rahmen der 76. Berlinale in der finalen Fassung präsentiert – in Anwesenheit von David Cunio. © Go2Films

Das Kino besitzt die außergewöhnliche Fähigkeit, mitfühlend und empathisch zu wirken. Nachrichten zeigen keine Empathie. Politik zeigt keine Empathie. Filme jedoch schon. Und das ist unsere Verpflichtung,“, erklärte Jurypräsident Wim Wenders bei der Pressekonferenz der 76. Berlinale, die soeben zu Ende ging. Arundhati Roy sagte daraufhin ihre Teilnahme am renommierten Filmfestival ab. Der Grund? Die Autorin fand, die Veranstalter hätten keine Position zum Nahostkonflikt eingenommen. Und dass Kunst unpolitisch sein solle, fand sie im Kontext des Gazakrieges verabscheuungswürdig.

Absurder könnte auch ein Film des Hollywood-Altmeisters Woody Allen kaum beginnen. Absurd, da auf der Berlinale unter anderem der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib für seinen Film Chronicles from the Siege als bestes Spielfilmdebüt ausgezeichnet wurde. Der Debütant betrat bei der Preisverleihung die Bühne mit entsprechender Flagge und schwarz-weiß gemustertem Kufiya und attackierte bei seiner Rede Israel und die Rolle der deutschen Regierung heftig. Und er betonte: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand. Und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.“

 

„Weil es ein sehr langer Zeitraum war und
ich diese Dinge, die ich durchgemacht
habe, von Anfang bis Ende erlebt habe, sind
sie in mir als Ganzes in einer versiegelten Box.“

Arbel Yehoud, Channel 12

 

Im vergangenen Jahr wurde auf der 75. Berlinale der Dokumentarfilm A Letter to David präsentiert. Noch unvollendet, da sich David Cunio zu diesem Zeitpunkt noch in Gefangenschaft befand. Die nun für die Festivalausgabe 2026 fertiggestellte Fassung konnte Regisseur Tom Shoval erst nach Cunios Freilassung und Rückkehr im Oktober letzten Jahres – nach 738 Tagen Geiselhaft – finalisieren. Shovals Film über Hoffnung, Resilienz und Liebe ist vollendet, doch die Folgen des Terrors halten an. Davids Bruder Ariel Cunio, der ebenfalls im Oktober freigelassen wurde, und seine Freundin Arbel Yehoud, die 482 Tage in Geiselhaft verbrachte, gaben vor einigen Tagen ihr erstes gemeinsames Interview. Yehoud, sichtlich gezeichnet, berichtete von nahezu täglichem physischem, psychischem und sexuellem Missbrauch, von Selbstmordversuchen – und von beständiger Hoffnung. Sie habe die Geschichten anderer Überlebender nicht anhören können, erzählte die heute 30-Jährige, bis die ehemalige Geisel Romi Gonen in einem Interview ebenfalls von wiederholtem Missbrauch durch Terroristen sprach.

Eine Stellungnahme der Autorin Roy zum gezielten Missbrauch entführter israelischer Frauen (und Männer) war hingegen nicht auffindbar. Ihr einseitig blinder Fleck im linken Auge ist umso bedauerlicher, da ihre stets poetische und empathische literarische Stimme weltweit geschätzt wird. Diese Befangenheit, die sie mit so vielen geschätzten Kunstschaffenden teilt, ist vor allem aber gefährlich: Krieg, Politik und Nachrichten seien nicht empathisch; Kunst hingegen soll es sein. Künstler:innen wie Roy hätten die Möglichkeit – oder eben auch die Verpflichtung –, in ihren Arbeiten universelle Werte wie Empathie, Hoffnung und Resilienz zu thematisieren, ohne dabei politisch zu werden.

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