Weit weg und sehr nah

Israelis blicken entsetzt auf die Kriegsbilder aus Europa und rüsten sich für Einwanderer aus der Ukraine.

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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bei seinem Israel-Besuch im Jänner 2020 in der Jerusalemer Altstadt. © flash90/Shlomi Cohen

Ilya Axelrod ist gerade oft im israelischen Fernsehen zu sehen. Allerdings nicht in seiner üblichen Rolle als Standupist, der gerne Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion aufs Korn nimmt, sondern als jemand, der den ukrainischen Präsidenten persönlich kennt. Mit ihm zusammen trat Axelrod, der aus Belarus stammt, früher in ukrainischen TVShows auf. Zwei Juden, die sich gut verstanden. „Wolodymyr Selenskyj war aber immer schon mehr als ein Komiker“, erzählt Axelrod. In der Ankleide hat damals schon ein Bodyguard auf ihn aufgepasst, weil seine Witze über Korruption und die Oligarchen im Land nicht allen gefielen. Beim den Bürgern machte ihn das beliebt. „Taxifahrer haben gesagt, es wäre schön, wenn er Präsident wäre. Das hat er sich dann wohl zu Herzen genommen.“

Keiner hätte gedacht, fügt Axelrod hinzu, dass der junge und unerfahrene ukrainische Präsident jetzt so durchhalten werde. „Aber er ist nirgendwo hingegangen, er ist geblieben, ein Mann des Volkes, er geht raus, zeigt sich und benutzt sein Handy als Waffe.“ Er hat sich damit auf Twitter und Instagram auch direkt an die russischen Künstlerkollegen gewandt, damit sie seinem Land im Kampf um die Unabhängigkeit beistehen. Selenskyj, mit seinem grünen Pullover und den mutigen Selfies, ist auch in Israel längst zum Star avanciert. Man müsse keiner Eliteeinheit angehören, um ein Held zu sein, hieß es auf einem oft geteilten Facebook-Eintrag. (Es könne aber nichts schaden, antwortete darauf ein anderer).

 

„Wolodymyr Selenskyj war aber immer schon mehr als ein Komiker. Taxifahrer haben gesagt, es wäre schön,
wenn er
Präsident wäre.
Das hat er sich dann wohl
zu Herzen genommen.“
(Ilya Axelrod)

 

Natürlich dominiert der Krieg in der Ukraine auch hier die Nachrichten. Die Bilder von den Raketeneinschlägen, den leeren Straßen unter Ausgangsperre und all den schutzsuchenden Menschen erschüttern und erinnern unweigerlich auch an die eigenen Kriege. Es sei schon ein eigenartiges Gefühl, wenn man wegen eines eskalierenden Konflikt mit Besorgnis aus Israel auf Europa blickt, sagt eine Freundin. Alles ist diesmal weit weg und geht doch sehr nah. Viele haben Familie und Freunde in der Ukraine und/oder in Russland. Im Supermarkt tauschten heute Morgen Kassiererinnen Telefonnummern aus, in der Hoffnung, mit ihren Kontakten vor Ort anderen helfen zu können. Israel hat Ärzteteams losgeschickt und humanitäre Hilfe. Keine Waffen, wie es sich Selenskyj erhofft hatte.

Sollte der Krieg andauern, rüstet man sich für eine große Einwanderungswelle. Insgesamt 200.000 Ukrainer mit jüdischen Wurzeln sind nach dem Rückkehrgesetz befugt, israelische Staatsbürger zu werden. In den ersten Tagen nach der Invasion stellten 2.500 Ukrainer einen Antrag. All jene, die bereits vor der russischen Invasion ihre Einwanderererlaubnis bekommen hatten, wurden von Gesandten bis nach Polen begleitet und über Warschau ausgeflogen. Im vorigen Jahr kamen über 3.100 Neueinwanderer aus der Ukraine, jetzt stehen 12.000 Betten zur Aufnahme bereit, verstreut über Hotels und städtische Einrichtungen im ganzen Land.

Es gibt auch viele Israelis in der Ukraine. Nach Schätzungen hielten sich 15.000 israelische Staatsbürger dort auf, darunter Araber aus Ostjerusalem. Die Wege nach draußen sind äußerst schwierig. Bei der Evakuierung sollen israelische Diplomaten auch libanesischen, syrischen und ägyptischen Bürgern bis zur Grenze geholfen haben.

 

Bei der Evakuierung sollen israelische Diplomaten auch libanesischen, syrischen und ägyptischen Bürgern bis zur Grenze geholfen haben.

 

Boris Gorodnidsky, der in Lod lebt, kann nur schwer fassen, was sich gerade in seinem Geburtsland abspielt. Er ist Jahrgang 1968, in Lviv/Lemberg geboren und in ständigem Kontakt mit seinen Cousins, die an die Grenze zu den Karpaten geflohen sind. Sein Neffe hat es geschafft, Kinder und Frau in Sicherheit zu bringen, er selbst ist geblieben, um zu kämpfen. In verschiedenen WhatsApp-Gruppen tauscht sich Boris mit Ukrainern und Russen in Israel und vor Ort aus. Darunter sind auch ehemalige russische Soldaten in Moskau. „Ich war fünf Jahre in der Roten Armee, wir haben alle zusammen die Offiziersausbildung in Estland gemacht, bis die Sowjetunion auseinanderbrach, Juden, Russen, Ukrainer.“ Auch seine ehemaligen russischen Gefährten könnten diesen Bruderkrieg nicht fassen, erzählt Boris. „Sie sind auch gegen das Regime, aber schweigen; sie haben es eher gut mit ihren abgesicherten Pensionen, dafür hat Putin vorausschauend gesorgt.“ Potenzial für eine große Rebellion aus diesen Reihen sieht Gorodnidsky nicht. „Ich war in dieser Einrichtung. Das funktioniert wie in allen totalitären Staaten, Patriotismus, Propaganda, Gehirnwäsche, Fake News.“ Vielleicht aber ändere sich ja dennoch gerade etwas.

In der großen israelischen Politik hat man sich bisher mit offener Abscheu gegenüber dem Machthaber im Kreml ebenso wie mit der Begeisterung für Selenskyj zurückgehalten. Aus Rücksicht auf die jüdische Diaspora in Russland, wie es heißt, vor allem aber auch aus geopolitischen Gründen. Es ist ein Balanceakt, der sich auf Dauer kaum durchhalten lässt. Wenige Tage vor dem Einmarsch in die Ukraine hatte sich Außenminister Yair Lapid dann erstmals doch vorsichtig die Seite des Westens gestellt. „Wenn es zu einer Invasion kommt, sind wir mit den Amerikanern, mit dem Westen“, sagte er, aber Israel müsse auch vorsichtiger sein als andere, denn es habe eine gemeinsame Grenze mit Russland: an der Grenze zu Syrien, und dort bestimmt Putin mit. Vier Tage nach der Invasion stellte Lapid dann klar, dass Israel in einer anberaumten UNO-Sitzung für die Verurteilung Russlands stimmen werde. „Israel war und wird auf der richtigen Seite der Geschichte sein. Das sind unsere Werte.“ Dem Aufruf Selenskyjs, eine Vermittlerrolle im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine einzunehmen, ist Israel nicht nachgekommen. Ein solches Unterfangen gilt als abwegig und unrealistisch. Bisher jedenfalls. Ausschließen aber lässt sich in Zeiten wie diesen wohl gar nichts mehr.

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