
Wer in diesen Tagen am Flughafen Ben-Gurion oder am Flughafen Ramon bei Eilat vorbeikommt, reibt sich unwillkürlich die Augen. Die Parkplätze auf den Rollfeldern stehen voll mit amerikanischen Militärflugzeugen. Und das schon seit drei Monaten. Viele israelische Maschinen sind deshalb nach wie vor im Ausland untergebracht. Es gibt nicht genug Platz für alle. Ein besseres Beispiel für den andauernden Schwebezustand gibt es kaum.
Theoretisch herrscht ja eine Waffenruhe. Sowohl an der iranischen wie an der libanesischen Front. Was dem Wort allerdings eine ganz neue zynische Bedeutung verleiht. Denn ruhig ist es ganz und gar nicht. Trump, der die Waffenruhe ausgerufen hat, hatte sich damit zunächst Spielraum verschafft und erklärt, eine Waffenruhe im Nahen Osten bedeute eben, dass einfach weniger geschossen würde. Das war allerdings noch bevor am 7. Juni erstmals wieder iranische Raketen auf Israel abgeschossen wurden und die israelische Luftwaffe daraufhin zurückschlug. Es gab seither auch wieder amerikanische Angriffe auf den Iran. Die Angriffe dienten der „Selbstverteidigung“ und seien eine Reaktion auf den mutmaßlichen Abschuss eines Apache-Hubschraubers der US-Armee gewesen, so hieß es von offizieller Stelle. Die Besatzung wurde unverletzt geborgen. Noch also kann sich Trump an seine bisherige Devise halten, dass er nur dann den Krieg wieder aufnehmen wolle, falls US-Soldaten getroffen würden.
Der Iran macht sich die amerikanische Zögerlichkeit längst zunutze und nutzt den Libanon als Hebel. Er macht Fortschritte in den Verhandlungen mit den USA von einem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah abhängig. Trump hat auch da nachgegeben, hat auch da einen letztlich faktisch nicht existierenden Waffenstillstand erklärt. Israels Norden wird weiter von der Hisbollah angegriffen.
Die Umfragen sind dynamisch, der Frust über die
Regierung ist riesig, doch eine klare, geeinte Alternative
für eine stabile 61- Sitze-Mehrheit zeichnet
sich nur schwer ab.
Immerhin gibt es direkte Verhandlungen zwischen Israel und dem Libanon. Allein, dass solche stattfinden, wäre unter anderen Umständen eine Sensation. So hat man sich nach der vierten Runde der trilateralen Gespräche zwar formell auf einen schrittweisen Waffenstillstand geeinigt – inklusive der Einrichtung waffenfreier „Pilotzonen“ im Südlibanon unter exklusiver Kontrolle der libanesischen Armee sowie einem Abzug der israelischen Truppen. Die fundamentale Schwachstelle dieses Abkommens liegt jedoch darin, dass der eigentliche Kriegsakteur am Verhandlungstisch fehlt: Die Hisbollah hat nicht nur kein Interesse an ihrer eigenen Entwaffnung, sondern wies bisher auch den geforderten Rückzug nördlich des Litani-Flusses als „Roadmap zur Vernichtung“ zurück. Die Regierung in Beirut wiederum verfügt nicht über die Macht, Vereinbarungen gegen den Willen einer schwer bewaffneten Miliz durchzusetzen, die zudem direkt von Teheran unterstützt wird.
Der Krieg gegen die Hisbollah geht somit weiter. Er hat auch eine neue Gestalt angenommen. Diesmal ist Israel einer ganz neuen, technologischen Bedrohung ausgesetzt: den sogenannten Glasfaser-Drohnen. Diese First-Person- View-Geräte (FPV) senden keine Funksignale aus und nutzen kein GPS, das gestört werden könnte. Sie sind für die Radarsysteme fast unsichtbar, immun gegen Jamming und billig wie Kinderspielzeug. Wenn die Soldaten das Summen hören, ist es oft schon zu spät. Bis eine geeignete Abwehr gefunden ist, versucht man der Bedrohung irgendwie mit Netzen beizukommen.
In Jerusalem wächst die Sorge, dass Trump am Ende bereit sein könnte, sich mit einem schnellen, unvollständigen Deal zulasten israelischer Sicherheitsgarantien zufriedenzugeben. Das Gefühl, Spielball globaler Interessen zu sein, war selten so greifbar.
Der Iran macht Fortschritte in den Verhandlungen mit den USA von einem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah abhängig. Israels
Norden wird weiter von der Hisbollah angriffen.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, was dieser massive, von Jerusalem so lang herbeigesehnte direkte Schlagabtausch mit dem Iran eigentlich gebracht hat. Die Bilanz ist ernüchternd. Gewiss, strategisch wurden schwere Treffer erzielt: Die israelischen und amerikanischen Luftschläge haben das iranische Raketenprogramm empfindlich getroffen, Abschussrampen pulverisiert und sogar Spitzen des Regimes in Teheran ausgeschaltet. Und doch wurde das Mullah-Regime trotz immenser wirtschaftlicher Not und innerer Proteste nicht gestürzt. Es ist gut möglich, dass es mit Verzögerung noch dazu kommen könnte. In der Zwischenzeit aber stellt das Regime seine neue Position der Stärke in den Verhandlungen gut unter Beweis.
Inmitten all dieser offenen Fronten, wobei ja auch in Gaza immer noch nichts geregelt ist, steuert Israel auf vorgezogene Neuwahlen zu. Das Datum wird sich allerdings letztlich nicht drastisch von dem ursprünglich geplanten Termin Ende Oktober unterscheiden. Denkbar wäre ein Termin im September, noch vor den Hohen Feiertagen.
Während sich die Opposition um Naftali Bennett und Yair Lapid für den Herbst in Stellung bringt und der ehemalige Generalstabschef Eisenkott ebenfalls an Profil gewinnt, bleibt das Land politisch gespalten. Die Umfragen sind dynamisch, der Frust über die Regierung ist riesig, doch eine klare, geeinte Alternative für eine stabile 61-Sitze-Mehrheit zeichnet sich nur schwer ab. Auch innenpolitisch ist damit alles offen. Wobei zwischenzeitlich unklar blieb, ob Benjamin Netanjahu tatsächlich noch einmal antreten wird. Trump jedenfalls hatte genau das behauptet. Daraufhin folgte allerdings erst einmal ein klares Dementi vom Likud.
Unterdessen werfen die amerikanischen Flugzeuge auf den Parkplätzen von Ben-Gurion erst einmal weiterhin lange Schatten über den Asphalt.




















