Weltkriegsende am 8. Mai 1945: In tiefem, schwarzem Dunkel

Leokadia Justman kritzelte ihre Reime „mit Blut und Leid“: an die Wand ihrer Gefängniszelle.

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Erst vor einem Jahr wurde die Geschichte der polnischen Jüdin Leokadia Justman publik, die während der NS-Zeit mithilfe Tiroler Widerstandskämpfer überlebt hat. Ihr Geburtstag am 7. Mai ist Anlass, mit einem Geschenk an sie zu erinnern, das sie uns selbst hinterlassen hat: Anfang 2026 wurde von einem Überraschungsfund berichtet: 15 unbekannte Gedichte, die Justman im Innsbrucker Polizeigefängnis ab ihrer Verhaftung durch die Gestapo von März 1944 bis zu ihrem Ausbruch am 18. Januar 1945 unter widrigsten Umständen verfasst hat, sind in Archiven in New York und Washington D.C. entdeckt worden.

Die außergewöhnliche Entdeckung gelang Nikolaus Hagen (Institut für Zeitgeschichte, Universität Innsbruck) und Niko Hofinger (Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck), die im Zuge ihrer Recherche die 15 bislang unbekannten Gedichte in den USA fanden. Die Texte, ursprünglich für eine Publikation im Jahr 1946 vorgesehen, wurden nie gedruckt. Das Besondere daran ist auch, dass Leokadia, die 1922 in der Ortschaft Pi tek geboren wurde, in der polnischen Textilstadt Łód aufwuchs und 2002 in Florida starb, all diese Gedichte auf Deutsch geschrieben hat.

 

Warum?
In tiefem, schwarzem Dunkel
schläft die große Welt,
die silbernen Sterne funkeln,
im Dorfe ein Hund noch bellt.
Ich schau’ verzweifelt zum Himmel,
der bleibt so kalt und stumm,
und mit bebender Stimme
rufe und frag’ ich: W a r u m ? !
Warum des Lebens Quelle
erfüllt ist durch Gift der Wut,
warum die irdische Hölle
badet und schwimmt in Blut?
Warum ist das menschliche Wesen
billiger heute als Brot?
Warum triumphieren die Bösen
im Tanze mit Pest und Not?
Gräber, Leichen und Tränen,
wo wir uns schauen um;
ich frage immer voll Sehnen:
Warum? Warum? Warum? –
Warum des Hasses Welle
versenket das Lebensboot?
Das Dasein macht zur Hölle? …
Oh, sage, sage mir, Gott!
Vernichte endlich das Schlechte!
Antworte auf mein: W a r u m ?
Zeig’ endlich der Welt Deine Rechte!
Sprich! Himmel! Bleibe nicht stumm!!!

Das Gedicht entstand im Polizeigefängnis Innsbruck, zwischen März und Dezember 1944.

 

Oh, wann?
Oh, wann wird kommen die schönste Stunde,
auf welche ich warte seit Jahren,
oh, wann werden endlich in freudiger Kunde
ertönen des Friedens Fanfaren?
Oh, wann wird kommen der Freiheit Sonne
und Trauer und Sorgen bestrahlen,
oh, wann werden Kinder jeder Weltzone
Wein trinken aus Friedenspokalen?
Oh, wann – befreit von den grausigen Mördern,
die schänden den Kern des Gebotes –
wird man in Kirchen der ganzen Erde
frei loben den Namen Gottes?
Oh, wann werd’ ich können mit Glockenstimme
singen in höchstem Erquicken,
und unter des freien Europas Himmel
die Hände der Freunde drücken?!

Das Gedicht wurde nach der Flucht
aus dem Gefängnis am 18. Jänner 1945
in der Region von Lofer im Mai 1945
geschrieben.

 

Ihre Leidens- und Überlebensgeschichte in dem berührenden und erschütternden Erinnerungsbuch Leokadia Justman. Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol sowie auch die Innsbrucker Ausstellung dazu haben wir im WINA-Magazin gewürdigt. Denn nur mit Mut, Intelligenz und Glück gelang es Leokadia Justman, in Polen und Österreich zu überleben. Ihre Eltern fielen – wie die meisten ihrer Verwandten – dem antisemitischen Mordwahn des Nazi-Regimes zum Opfer: ihre Mutter Sofia im Vernichtungslager Treblinka, ihr Vater Jakob im Innsbrucker KZ Reichenau. In Tirol setzten fünf Polizisten und drei Frauen ihr eigenes Leben aufs Spiel, um die Jüdinnen Leokadia und ihre Freundin Marysia Fuks zu retten, weshalb sie in der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ gelten.

„Die meisten Gedichte entstanden in Trauer um die ermordeten Eltern und aus Angst um das eigene Leben. Leokadias verzweifelte Lage zeigt sich auch im Titel der Gedichtsammlung: Mit Blut und Leid. Die letzten, um das Kriegsende verfassten Texte sind aber bereits von Zuversicht geprägt. Denn Leokadia traut den Menschen zu, aus dem Albtraum des Zweiten Weltkriegs zu erwachen und ein friedliches Europa zu begründen“, fassen die Ausstellungskuratoren Niko Hofinger und Dominik Markl den Kern der Gedichte zusammen.

„Oh, wann wird kommen die schönste Stunde,
auf welche ich warte seit Jahren, oh, wann
werden endlich in freudiger Kunde ertönen
des Friedens Fanfaren?“

 

„Dass Leokadias Gedichte heute zu hören sind, ist ein Akt der Gerechtigkeit. Sie sind Zeugnis menschlicher Würde im Angesicht des Unvorstellbaren“, betonte Tirols Landeshauptmann Anton Mattle am 27. Jänner 2026 anlässlich des Holocaust-Gedenktages im Festsaal des Landhauses. „Die Gedichte verleihen ihrer Trauer und ihrem Leid Ausdruck. Zugleich richtet Leokadia den Blick voller Optimismus in die Zukunft – und glaubt an das Gute im Menschen.“

Die Erweiterung der Ausstellung Leokadia Justman. Brechen wir aus! im historischen Landhaus wurde an diesem Gedenktag mit einer neuen Installation der Justman-Gedichte eröffnet. Eine Audiofassung, eingesprochen von Schauspielerin Jasmin Mairhofer, wird künftig über die Website www.brechen-wir-aus.at/menschheiterwache zu hören sein. Die sehnsüchtigen und erschreckend realistischen Gedichte lassen die große Kraft und ungebrochene Zuversicht Leokadia Justmans nur ansatzweise erahnen, aber überaus hoch schätzen.

Meinem Vater!
Es war wie heute genau so ein Tag
Vor einem wie Ewigkeit langen Jahr:
Der Schnee auf allen Straßen lag,
Der Himmel auch schaute kalt und klar.
In einem langen, düsteren Gang
Mit hunderten Türen wie Labyrinth,
Hast Du geflflüstert so schmerzend und bang:
„Mein allerliebstes, mein einziges Kind“.
Deine Wangen waren wie Kreide bleich,
Deine Nase – wie oft – so merkwürdig gelb …
Du standest wie eine lebendige Leich’,
Für die geschlossen sind die Tore der Welt.
Zum letzten Mal – das hab ich gefühlt –
Ruhte mein Kopf auf Deinem Herz –
Du streichelst das Haar so lieb und so mild,
Der Blick war erloschen voll Leid und voll
Schmerz.
Und dann – ging ich, entrissen mit
grausamer Hand
Der allergemeinsten, menschlichen Gewalt, –
Du aber wie genagelt stand’st
Und im Nu wurdest grau und alt.
Ich hörte noch: „Mein liebes Kind …“
O, der grausame, schreckliche Krieg! –
Und langsam das Bild
Des Vaters verschwind’t,
Der letzte Strahl von meinem Glück …
Es war wie heute genau so ein Tag
Vor einem wie Ewigkeit langen Jahr,
Mein Kopf auf Deinem Herzen lag ;
Es war so traurig, aber doch – wunderbar!
Und jetzt … nur der wilde sausende Wind,
Der schwache Äste nimmt in seine Haft,
Mit Deiner Stimme flflüstert mir: „Mein Kind …“
Und schenkt zum Kampfe ums Leben
die Kraft!

Das Gedicht entstand in Lofer und
behandelt den Abschied vom Vater
im Innsbrucker Gestapogebäude,
Herrengasse, am 14. März 1944.

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