Weniger Haifische, mehr Handtaschen

Mira Rosenhek produziert gemeinsam mit ihrer Schwester Handtaschen – und pendelt zwischen Italien und Wien.

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© Anna Goldenberg

Die Taschen gingen ihr nicht aus dem Kopf. Vor drei Jahren lernte Mira Rosenhek bei einem Abendessen in der Toskana den Vater eines Bekannten kennen. Der Italiener war für die Produktion mehrerer High-End-Handtaschenmarken verantwortlich und kannte die besten Handwerker in der Gegend. Mira hatte in Mailand Industrial Design studiert. Kurz zuvor war aus ihrem Versuch, in Wien einen Design Concept Store zu eröffnen, nach einem Jahr Vorbereitungszeit nichts geworden, da der Preis der Immobilie erhöht wurde. Taschen, dachte sie nun, hatten mit Industrial Design zu tun, das waren Gebrauchsgegenstände, es ging um Geometrie. „Ich habe Parallelen zu meinem Background gesehen“, sagt sie; schließlich hatte sie bei Architektur- und Designbüros in Mailand gearbeitet.

Sie erzählte ihrer Schwester Dina von der neuen Bekanntschaft. Die beiden schmissen sich hinein, wie sie es heute beschreibt, entwarfen eine Kollektion, gaben den „Klassikern“ wie Top Handle und Bucket Bag eine eigene Note, machten sich auf die Suche nach Handwerkern in Italien – und präsentierten im Februar 2016 die erste Kollektion ihres Labels R.Verve. In dem neu gegründeten Familienunternehmen arbeitet die heute 30-jährige Mira, die von sich selbst sagt, sie wäre keine gute Angestellte („ich liebe es nicht, wenn man mir Aufgaben gibt“), gerne: „Du kannst streiten, dich hassen, und am nächsten Tag ist es vergessen. Du stichst dir nicht das Messer in den Rücken.“ Ihre Schwester Dina, 26, und sie ergänzen einander, auch ihre Mutter hilft mit: „Es ist gut, mehrere Meinungen zu haben.“

Taschen haben was mit Industrial Design zu tun,
das sind Gebrauchsgegenstände,
und es geht um Geometrie.

In den letzten Jahren pendelte Mira zwischen Italien und Wien. Als sie 2006, nach ihrer Matura am Lycée, nach Mailand gegangen war („nicht aus Hass für Wien, sondern weil es spannend war wegzugehen“), schien ihr Italien „ästhetisch weiter“: Das hat sich geändert: „In Wien passiert viel. Außerdem gibt es weniger Haifische, die herumschwimmen.“ Mittlerweile verbringt sie mehr Zeit in Wien. Vergangenen Oktober starb ihr Vater, „es war ein schwieriges Jahr“, sagt sie dazu. Und im September erwartet Mira ihr erstes Kind.

Das soll, genauso wie sie, in einem weltoffenen Umfeld aufwachsen. „Ich habe Freunde, die am Sonntag in die Kirche gehen, Freunde, die Schabbat halten, und Freunde, die an gar nichts glauben“, sagt Mira, für die Judentum eine Identitätsfrage ist. „Ich beschäftige mich nicht jeden Tag damit.“ Die Feiertage feiert sie, sonst trägt sie es kaum nach außen. Für die Herbstkollektion hat sie erstmals aus der Familiengeschichte geschöpft: Ihr Urgroßvater, der in der Schoah umkam, besaß den Kunstpostkartenverlag Brüder Kohn Wien. Für das Design ließ sie sich von den Motiven inspirieren. 

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