Wenn aus der Asche Blüten treiben

Wie fühlt es sich an, wenn man in einer Stadt geboren wurde, in der ehemals ein Konzentrationslager stand? Will man die Vergangenheit kennenlernen – und wenn ja, was macht man dann damit? Maria Winklbauer hat diese Fragen für sich gelöst.

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Das Einfahrtstor ist eines der wenigen Relikte, die noch an das Lager Ebensee erinnern. © Wikipedia (https://www.sn.at/wiki/Konzentrationslager_Ebensee)

Die meisten Spuren des ehemaligen KZ-Lagers Ebensee wurden gleich nach Kriegsende verwischt, indem man eine Wohnanlage auf dem Gelände erbaute. Daran, dass dort zwischen 1943 und 1945 über 8.500 Menschen umgebracht wurden oder an den Folgen der Zwangsarbeit und der menschenunwürdigen Bedingungen starben, erinnerte in der Nachkriegszeit beinahe nichts mehr.
„Kein Mensch hat in der Schule davon gesprochen“, erinnert sich Maria Winklbauer, die in Ebensee aufgewachsen ist. „Aber ich habe immer viel gelesen, und irgendwann habe ich begonnen, Fragen zu stellen.“ Ihre Mutter erzählte ihr dann von der Nazizeit und davon, dass sie einmal, als Jüdinnen und Juden in ihrer Straße vorbeigetrieben wurden, Brot aus dem Fenster geworfen hat und dafür von zwei SS-Männern mit der Pistole bedroht wurde. „Das hat mich sehr berührt“, weiß die seit Kurzem pensionierte diplomierte Kundenbetreuerin noch. Sie begann sich gedanklich mit der Nazizeit auseinanderzusetzen: „Aber das war damals für mich alles noch viel zu weit weg. Erst als ich hier zu unserer Kirchengemeinde gekommen bin, wo viel über Israel gesprochen wurde, ist diese Liebe zu Israel und zum jüdischen Volk entstanden. Unsere christliche Glaubensgemeinschaft versteht sich als eine Fortsetzung des Judentums, sozusagen auf den Wurzeln der jüdischen Religion aufgebaut.“

„Wir sind mit den Senioren im Bunker gesessen, als es Raketen auf Israel gehagelt hat.“

Maria Winklbauer bei ihrem Aufenthalt in Israel 2018 mit einem Chor, der Wiener Lieder und hebräische Volkslieder vor Holcaust-Überlebenden vortrug. © Daniela Segenreich-Horsky

1985 reiste die Oberösterreicherin zum ersten Mal mit einer Gruppe freiwilliger Helferinnen und Helfer aus ihrer Gemeinde nach Israel, um beim Ausmalen von Schulen mitzuhelfen. Einige Jahre später hörte sie im ORF ein Interview mit Oberrabbiner Ehrenfeld aus Jerusalem. Er soll damals die Frage, ob ihn die Erinnerung an die Vergangenheit noch schmerze, bejaht haben, wünschte sich aber dennoch, dass österreichische und israelische Jugendliche zusammenkämen, um Freundschaften zu schließen. Davon war Maria Winklbauer so beeindruckt, dass sie die Telefonnummer des Rabbiners ausfindig machte und mit ihm in Kontakt trat. Und so trafen einander israelische und oberösterreichische Jugendliche Anfang der 1990er-Jahre zu einem Fußballspiel in Israel. Damals knüpfte Winklbauer auch zum ersten Mal Kontakte zum Moses-Elternheim in Jerusalem, und später kamen noch andere Heime dazu, die sie regelmäßig besucht: „Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich schon in Israel war, aber es sind sicher über 50 Mal. Diese Arbeit und der Kontakt mit den Überlebenden liegt mir sehr am Herzen.“ Seit über zwanzig Jahren verbrachte sie, gemeinsam mit anderen Volontärinnen und Volontären, beinahe alle Ferien von ihrer Arbeit im Familienbetrieb damit, die Bewohnerinnen und Bewohner der Seniorenheime in Israel zu besuchen, mit den Menschen zu plaudern, ihnen wenn nötig beim Essen zu helfen oder sie im Rollstuhl spazieren zu führen. Dabei gingen sie und ihre Kolleg*innen aus Oberösterreich auch dem Personal zur Hand und schlossen viele persönliche Freundschaften. Im Zweiten Libanonkrieg und auch im Gazakrieg kamen sie mit ihren Familien, inklusive der Kinder, malten älteren Menschen die Wohnungen aus und gaben Konzerte mit ihrem Chor: „Wir haben geholfen, die Leute in den Bunker zu führen, und sind mit ihnen dort gesessen, als es Raketen auf Israel gehagelt hat“, erzählt Winklbauer. Auf die Frage, ob sie denn keine Angst gehabt hätte, meinte sie schon damals in einem ORF-Interview: „Wenn Ihr hier sein könnt, können wir es auch.“ Und sie erinnert sich auch, dass damals alle Eltern ihren Kindern trotz der Kriegssituation im Land die Erlaubnis gaben mitzufahren.

Kein Mensch hat in der Schule davon gesprochen. Aber ich habe immer viel gelesen, und irgendwann habe ich begonnen, Fragen zu stellen.
Maria Winklbauer

Die Kosten für diese Israel-Aufenthalte trugen die freiwilligen Helfer, viele von ihnen sind Lehrer, immer selbst, und bei keiner dieser Reisen durfte der Koffer voll von Wiener Kaffee, Mozartkugeln und anderen kleinen Aufmerksamkeiten fehlen, auch wenn er Übergewicht bedeutete. Wichtig war und ist dabei immer der persönliche Kontakt zu den Menschen, der jetzt in Corona-Zeiten leider viel schwieriger aufrechtzuerhalten ist: „Maria und ihre Gruppe sind wirklich außergewöhnlich, sie sind alle offen und warmherzig und so geduldig. Sie fehlen uns sehr dieses Jahr!“, bestätigt Alisa Zalel, eine Bewohnerin des Moses-Seniorenheims, die die guten Geister aus Österreich schon seit zehn Jahren kennt und schätzt: „Es ist unglaublich, sie alle opfern jedes Jahr ihren schwerverdienten Urlaub, um hierher zu kommen.“

„Wie war es denn so in Theresienstadt?“

Dass aber der Aufenthalt in Israel kein Urlaub ist, betont Maria Winklbauer schon bei den Vorgesprächen mit allen, die sich bei ihr für die Mitreise anmelden. Und sie achtet darauf, dass die Menschen in ihrem Team die nötige Sensibilität im Umgang mit den Holocaust-Überlebenden aufbringen. Zu diesem Zweck coacht sie jährlich oft über dreißig Freiwillige aus verschiedenen österreichischen Bundesländern, die gerne ins Heilige Land mitfahren möchten, und weist darauf hin, dass sie sich angemessen kleiden und bei der Unterhaltung mit den Senioren Einfühlsamkeit zeigen sollen: „Einmal hat eine Mitarbeiterin eine Überlebende gefragt: ,Wie war es denn so in Theresienstadt?‘ – so etwas geht natürlich gar nicht!“, entrüstet sie sich.
Vor zwei Jahren gründete die Oberösterreicherin die Hilfsorganisation „Ambassadors of Peace“, um für ihre Hilfsprojekte auch Gelder von Sponsor*innen annehmen zu können. Ihr Traum ist es, eine Suppenküche oder einen Treffpunkt, an dem auch warme Mahlzeiten ausgegeben werden, für Überlebende wie auch für andere Bedürftige in Israel zu eröffnen. Sie und die anderen Volontäre wollen dabei auch abwechselnd selbst vor Ort tätig sein. Doch weil Reisen im Moment kaum möglich sind, möchte sie dieses Jahr in ihrer Gemeinde Spenden für die israelische Hilfsorganisation AMCHA sammeln, die Clubs, Programme und psychologische Unterstützung für Holocaust-Überlebende anbietet: „Es kann keine Wiedergutmachung geben, aber es geht uns darum, ein Zeichen zu setzen und den Menschen in Israel zu zeigen, dass sie uns wichtig sind und dass wir hinter ihnen stehen. Und bei der ersten Möglichkeit sitze ich wieder im Flieger und helfe wieder selbst mit!“

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