DIE TIERISCHE MACHTVERTEILUNG IM MODERNEN JÜDISCHEN HAUSHALT
Während Tora und Talmud Hunden nur wenig Schmeichelhaftes zuschreiben – sie werden mit Unreinheit und Aggression assoziiert –, haben viele heutige Jüdinnen und Juden offenbar einen ganz anderen Zugang gefunden: einen, der von Bauchkraulen und sabbernden Küssen ihrer vierbeinigen Gefährten geprägt ist. In rabbinischen Texten finden sich keine klaren Hinweise für ein eindeutiges Verbot der Hundehaltung. Entsprechend stehen viele zeitgenössische jüdische Gemeinden, darunter auch manche orthodoxe, dem Zusammenleben mit Hunden offen gegenüber, auch wenn vereinzelt Vorbehalte bestehen. Vor allem für Jüdinnen und Juden in Europa hat die Skepsis gegenüber Hunden oft eine tiefere historische Wurzel: In der Zeit des Nationalsozialismus waren sie untrennbar mit den Wachmannschaften in den Konzentrationslagern verbunden. Diese Aufladung spiegelt sich auch in der kulturellen Verarbeitung wider: In Art Spiegelmans preisgekröntem Comic Maus erscheinen Juden als Mäuse, Deutsche als Katzen, während Hunde die nichtjüdischen Amerikaner verkörpern.
Schon vor über 10.000 Jahren gab es in der Levante enge Berührungspunkte zwischen Juden und Hunden. In der Nähe der israelischen Stadt Aschkelon machten Archäologen vor einigen Jahren einen außergewöhnlichen Fund: 700 Skelette von Kanaanhunden, die auf einen großen Hundefriedhof hindeuten. Offenbar verehrten die Menschen dieser Zeit die Tiere als loyale Wächter, bevor sie schließlich vertrieben und der Wildnis überlassen wurden.
Der Fortbestand dieser Rasse ist Jahrhunderte später der Arbeit von Rudolphina Menzel zu verdanken, einer international renommierten Expertin für Tierverhalten. Kurz nach ihrer Ankunft in Palästina im Jahr 1930 begann sie, Tiere in der Umgebung von Haifa zu beobachten. Dabei stieß sie auf zwei große Hunde, die sie zunächst für Wölfe hielt. Ihr markantes Erscheinungsbild weckte jedoch Menzels Neugier.
Eines Tages fing Dr. Menzel einen Wurf Welpen, nahm sie mit nach Hause und zog sie als Haustiere auf. Ihre Loyalität und ihr Verhalten beeindruckten sie so sehr, dass sie in ihnen die wilden Pariahunde erkannte, die einst in den Wüsten Israels lebten. Auf Wunsch der Haganah begann sie 1936 mit der Zucht und gab der Rasse den Namen Kelev K’naani – Kanaanhund (re).

1948, kurz nach der Gründung des Staates, bat die israelische Armee (Tzahal) Dr. Menzel, möglichst viele dieser Hunde bereitzustellen. Sie wurden als Wachund Patrouillenhunde sowie für die Minensuche eingesetzt – und erfüllten ihre Aufgaben mit großem Erfolg. 1953 erklärte Israel den Kanaanhund schließlich zur offiziellen Nationalrasse, international gilt der Kanaanhund als reinrassig.
Eine weitere interessante Hunderasse ist der Jewdle, auch als Speyerer Judenhund bekannt. Er wurde bereits im 12. Jahrhundert in den jüdischen Gemeinden des Rheintals gezüchtet. Besonders beliebt sind zwei Größen: Die größere Variante, heute als „großer amerikanischer Jewdle“ bekannt, und der mittelgroße „Minijewdle“. Auf der Suche nach neuen Zuchtlinien begannen einige Hundezüchter, den Jewdle mit anderen Rassen zu kreuzen – so entstanden der Labrajewdle, der Bernejewdle und der Cockajewdle.
Die enge Beziehung vieler Jüdinnen und Juden zu Hunden zeigt sich auch bei prominenten Persönlichkeiten – oft mit einem Augenzwinkern. ADAM SANDLER ist bekennender Fan englischer Bulldoggen. Seine verstorbene Bulldogge Meatball trug zu seiner Hochzeit Smoking und Kippa und brachte feierlich die Ringe.
Auch SIGMUND FREUD gehörte zu den berühmten Hundeliebhabern: Seine Chow-Chow-Hündin Jofi begleitete ihn regelmäßig zu Therapiesitzungen. Freud erkannte früh den heilsamen Einfluss von Hunden auf die menschliche Psyche und formulierte pointiert: „Hunde lieben ihre Freunde und beißen ihre Feinde – ganz anders als Menschen, die zu reiner Liebe unfähig sind und in ihren Beziehungen stets Liebe und Hass vermischen.“
ALBERT EINSTEIN besaß neben einer Katze auch einen Foxterrier namens Chico Marx. Über ihn scherzte er einmal: „Mein Hund hat Mitleid mit mir, weil ich so viel Post bekomme – deshalb versucht er, den Postboten zu beißen.“

NATALIE PORTMANS erster Yorkshire Terrier, Whiz, sowie ihre beiden weiteren Hunde, Penny und Sunday, sind ihre ständigen Begleiter – oft reisen sie bequem in ihrer Handtasche mit.
BARBRA STREISAND ließ nach dem Tod ihrer Cotonde- Tuléar-Hündin (Baumwollhund) Samantha zwei Klone anfertigen, die sie Miss Violet und Miss Scarlett nannte. Dazu gesellte sich Miss Fanny, eine entfernte Verwandte von Samantha. Auch unter Rabbinern finden sich begeisterte Hundeliebhaber Einer von ihnen ist RABBI JONATHAN WITTENBERG von der Synagogue of North London, der mit seinem Buch Things My Dog Has Taught Me (Hodder & Stoughton 2018) internationale Bekanntheit erlangte. In der britischen jüdischen Zeitung The Jewish Chronicle veröffentlichte er einen bewegenden Nachruf auf seinen Hund Mitzpah. Darin erzählte er, wie sehr Mitzpah es liebte, die Synagoge zu besuchen – er brauchte morgens nur „Schacharit“ (Morgengebet) zu rufen, und schon kam der Hund freudig angerannt. Bei seinen menschlichen Gemeindemitgliedern, so gab der Rabbi augenzwinkernd zu, funktionierte diese Methode deutlich weniger zuverlässig.
„Hunde lieben ihre Freunde und beißen ihre Feinde – ganz anders als Menschen, die zu reiner Liebe unfähig sind und in ihren Beziehungen stets Liebe und Hass vermischen.“
Sigmund Freud
1972 feierte der Film Azit des Regisseurs BOAZ DAVIDSON in Israel Premiere. Darin zeigt die loyale und clevere Hündin eines israelischen Armeeleutnants bei einem Raubüberfall großen Mut und wird später offiziell in die Fallschirmjägerdivision ihres Besitzers aufgenommen.
In der TV-Serie Shtisel wird der Protagonist, ein junger jüdischer Student, sogar von seiner Jeschiwa verwiesen – weil er einen streunenden Hund versteckt hatte.
2015 veröffentlichte der israelische Schriftsteller ASHER KRAVITZ das berührende Buch HaKelev HaYehudi – Der jüdische Hund (Penlight Publications). Darin erzählt er sensibel und eindrucksvoll das jüdische Leben in einer europäischen Stadt während und nach dem Holocaust – aus der Perspektive eines Hundes. Dieser erinnert sich an Schabbat und Feiertage, an fröhliche Familientreffen, aber auch an Schmerz und Grausamkeiten unter der Nazi-Herrschaft – bis hin zur Rettung im Alter.
Obwohl es viele Veröffentlichungen über „jüdische“ Hunde gibt, sind es die Katzen, die im jüdischen Leben die wahren Stars sind. Hunde brauchen viel Aufmerksamkeit, regelmäßige Spaziergänge und ständige Anerkennung. Katzen hingegen lehren uns die Kunst der wohlüberlegten, verzögerten Dankbarkeit. Das Judentum bietet vielfältige Perspektiven auf diese eigenwilligen, oft distanzierten Begleiter: Im Talmud werden Katzen nicht als verwöhnte Haustiere beschrieben, sondern als wertvolle Hausangestellte. Schon in der Antike hielten jüdische Haushalte Katzen als hochqualifizierte Schädlingsbekämpfer, um Schlangen, Nagetiere und anderes Ungeziefer fernzuhalten.
Wer in Tel Aviv oder Jerusalem spazieren geht, wird auf Müllcontainern und jedem sonnigen Fensterbrett eine pelzige Beobachterin sehen. Die israelischen Katzen sind ein Erbe der britischen Mandatszeit, als Soldaten Katzen nach Palästina brachten, um die Rattenpopulation zu reduzieren. Heute leben in Israel schätzungsweise über zwei Millionen Katzen, von denen viele ein freies Leben führen, unterstützt von großzügigen Israelis, die einen Napf mit Trockenfutter aufstellen.
„Mein Hund hat Mitleid mit mir, weil ich so viel Post bekomme – deshalb versucht er, den Postboten zu beißen.“
Albert Einstein
Die wohl bekannteste jüdische Katze der letzten Jahre stammt aus dem Comic Die Katze des Rabbiners (Originaltitel: Le Chat du Rabbin, Dargaud 2002) von Autor und Zeichner JOANN SFAR. Die Geschichten drehen sich um eine Katze, die durch den Verzehr eines Papageis sprechen lernt und daraufhin witzige theologische Debatten mit ihrem Besitzer führt. Mit scharfsinniger Klarheit nutzt der Comic die Perspektive der Katze, um die Feinheiten des Judentums brillant zu beleuchten. Er erinnert uns eindringlich daran, dass die größten spirituellen Fragen manchmal am besten mit einem Wesen diskutiert werden, das großen Wert auf die pünktliche Befüllung seines Futternapfs legt. Bis Mitte 2006 wurden in Frankreich bereits 450.000 Exemplare verkauft, und 2011 entstand ein gleichnamiger Animationsfilm.
Die tiefe Zuneigung zwischen bekannten jüdischen Persönlichkeiten und Katzen ist gut dokumentiert. ALBERT EINSTEIN hatte neben seinem Hund Chico Marx auch eine Katze namens Tiger, deren Gesellschaft ihm Freude und Entspannung brachte. Seine Katze diente ihm sogar als Inspiration für sein berühmtes Gedankenexperiment „Schrödingers Katze“ des Physikers Erwin Schrödinger, das grundlegende Erkenntnisse der Quantenmechanik veranschaulicht.
Selbst ROSA LUXEMBURG, die kompromisslose Kämpferin gegen den Nationalismus in der Arbeiterbewegung, war ihrer „hypernervösen kleinen Prinzessin“, der Katze Mimi, vollkommen ergeben. Als sie im Herbst 1904 in Zwickau (Deutschland) wegen „Majestätsbeleidigung“ zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde, vertraute sie Mimi ihrer Sekretärin an und schrieb einen Brief, der ihre tiefe, mütterliche Sorge um das seelische Wohl der Katze eindrucksvoll zum Ausdruck brachte.
HEINRICH HEINE hat sich in seinen Werken mehrfach mit dem Motiv der Katze beschäftigt und sie häufig als Symbol für Freiheit, Sinnlichkeit und sogar als Ausdruck spezifischer Merkmale oder Stimmungen eingesetzt. Ein bekanntes Beispiel ist das Gedicht Mimi, in dem eine Katze als Verkörperung einer freien, unabhängigen und sinnlichen Natur erscheint. In seinem Gedicht Rote Pantoffeln verführt eine Katze ein kleines Mäuschen, das rote Pantoffeln trägt.
ERICH KÄSTNER lebte in München mit vier Katzen. Seine enge Bindung zu ihnen spiegelte sich sowohl in seinem Leben als auch in seinen Werken wider. Diese liebevolle Verbindung inspirierte ihn zu seinem Buch Meine Katzen: von Pola, Lollo, Butschi und Anna (Atrium Verlag 2013).
Im „Wettbewerb“ zwischen Hunden und Katzen im jüdischen Alltag scheinen die Katzen die Nase vorn zu haben: Klug, unabhängig und ein wenig frech schleichen sie sich in die Herzen der Menschen – und beweisen, dass wahre Herrschaft oft leise und elegant auftritt.

























