Die Schilderungen Murrays im ersten Teil des Buches: schwer verdaulich. Er besuchte die Orte der Verbrechen, er sprach mit Augenzeugen und Überlebenden, er sah sich die Videos an, die die Terroristen an diesem denkwürdigen Oktoberwochenende selbst angefertigt und teils sogar auf die Social- Media-Kanäle der eben von ihnen Ermordeten gepostet hatten, sodass deren Familien und Freunde ansehen mussten, was ihren Lieben angetan worden war. Man könnte auch sagen: Psychoterror deluxe.
Murray fokussiert aber auch stark auf die Reaktionen der Welt: wie da noch am selben Wochenende in London, aber auch den USA auf die Straße gegangen wurde. Gegen Israel. Wie das Morden der Hamas- Schergen dabei bejubelt wurde. Wie sich auf US-Universitäten eine massiv antijüdische Stimmung breitmachte. Wie bereits ehe Israel mit Bodentruppen in Gaza kämpfte über das Thema der „Verhältnismäßigkeit“ der Antwort Israels auf das massivste Pogrom nach der Shoah diskutiert wurde.
„Wie könnte irgendjemand eine Bewegung – ein Volk –
besiegen, das den Tod willkommen heißt,
sich am Tod erfreut, den Tod verehrt?“
Douglas Murray
Die Stärke des Buches liegt aber auch im Aufzeigen anderer Unverhältnismäßigkeiten. Da ist zum einen der Angriff auf das Nova-Festival. Da waren zum anderen die Attentate auf das Bataclan in Paris oder ein Ariana-Grande-Konzert in Manchester. Im Bataclan traten die Eagles of Death Metal auf, als drei bewaffnete Attentäter den Veranstaltungsort stürmten und auch Geiseln nahmen. Schließlich starben dort 90 Menschen. In Manchester sprengte sich 2017 ein Selbstmordattentäter nach Konzertende im Foyer in die Luft, es gab insgesamt 22 Tote. Auch wenn bei den beiden Anschlägen in Europa die Anzahl der Opfer niedriger war als beim Nova-Festival in Israel: Da wie dort wurden vorwiegend junge Menschen bei Musik- Events von Islamisten ermordet. Die Reaktion: Entsetzen und Mitgefühl. Niemand wäre auf die Idee gekommen, hier die jeweiligen Staaten zur Verantwortung zu ziehen. Insgesamt gibt es nach solchen Ereignissen Übereinstimmung darin, dass Islamismus keinen Platz hat. Bei der Hamas ist das dagegen anders.
Und auf noch etwas weist Murray hin: „Iron Dome“, das Raketenabwehrsystem, das seit 2011 in Israel im Einsatz ist, hat viele Menschenleben gerettet. War es aber eine gute Idee, den Raketenbeschuss de facto zu akzeptieren? Welcher andere Staat ließe so mit sich umgehen? Würde hier nicht jede Regierung sofort einschreiten? Hätte Israel also nicht schon viel früher viel härtere Schritte setzen müssen? Unverhältnismäßigkeit also the other way round?
Murrays Befund ist jedenfalls ein klarer: „,Wir lieben den Tod mehr, als ihr das Leben liebt.‘ Ich hatte es von al-Qaida gehört, von der Hamas, vom IS. Von Europa bis Afghanistan hatten mehrere meiner Freunde und Kollegen solche Kriegsschreie in ihren letzten Momenten gehört. Und es war mir stets nicht nur wie eine nekrophile Äußerung erschienen, sondern auch wie eine, der kaum etwas entgegenzusetzen war. Wie könnte irgendjemand eine Bewegung – ein Volk – besiegen, das den Tod willkommen heißt, sich am Tod erfreut, den Tod verehrt? Ist es nicht unvermeidlich, dass gegen eine solche Kraft ein schwacher und wohlstandsverwöhnter Westen unmöglich gewinnen kann?“
Nach der Lektüre wird klar: Genau das ist die Frage, die sich westliche Demokratien stellen müssen. Aber auch, warum sie bei den einen Islamisten klare Grenzen ziehen, bei der Hamas aber nicht. Und warum sie übersehen, dass der Krieg in Gaza von Islamisten zunehmend dafür genutzt wird, diese Empathiewelle für Palästinenser sowie die Stimmung gegen Israel zu nutzen, um ihre Narrative in Europa, den USA, in Kanada und elsewhere zum Mainstream zu machen. Die Hamas und hinter ihr das Mullah-Regime im Iran haben es am Ende nicht geschafft, Israel auszuradieren. Was aber gelungen ist, ist ganz viel islamistisches Mindset weltweit ein Stück weit akzeptabel zu machen – und gleichzeitig wieder einmal „den Juden“ zum Sündenbock.























