Wenn der Staat schießt

Minneapolis ist nicht nur für seine reizvolle Seenlandschaft und die „Mall of America“, eines der größten Einkaufszentren des Landes, bekannt. In den letzten Jahren ist die bevölkerungsreichste Stadt im US-Bundesstaat Minnesota auch durch gravierende Gewalttaten und politische Auseinandersetzungen in die Schlagzeilen gekommen. In dieser Situation übt Bürgermeister Jacob Frey die Kunst, Haltung zu zeigen.

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Demokratin Elissa Slotkin ist seit 2025 Senatorin in Michigan. © Wikipedia / US-Senat

Bis zum 7. Januar 2026 galt Minneapolis am Mississippi im USBundesstaat Minnesota für viele Nicht-Amerikaner als eher unscheinbare Stadt im Mittleren Westen der USA. Höchstens die folgenschwere Festnahme mit tödlichem Ausgang von George Floyd im Jahr 2020 ist international im Gedächtnis geblieben und brachte weltweit Proteste gegen Polizeigewalt mit sich. Nun jedoch steht Minneapolis erneut im Zentrum düsterer Schlagzeilen.

Ein Beamter der Einwanderungsbehörde ICE schoss ohne rechtliche Grundlage der 37-jährigen dreifachen Mutter Renée Good ins Gesicht. Nur kurze Zeit später wurde ein Venezolaner an einer Tankstelle durch Schüsse eines ICE-Beamten am Bein verletzt. Weitere Vorfälle erschütterten die Stadt und riefen laute Proteste der Zivilbevölkerung hervor.

Zehn Tage später allerdings, aber zu spät für Renée Good, stellte ein Gericht in Minneapolis in einer 83-seitigen Verfügung klar, dass friedliche Demonstranten sowie Autofahrer weder festgenommen noch mit Pfefferspray vertrieben werden dürfen. Das Gericht gab dem Heimatschutzministerium eine Frist von 72 Stunden, um die Anordnung umzusetzen.

Die tödlichen Schüsse auf Renée Good fielen in eine Phase erhöhter Spannungen, nachdem die Trump-Administration angekündigt hatte, rund 2.000 zusätzliche Bundesbeamte in die Region von Minneapolis zu schicken. Dieser Schritt wurde durch ein verschärftes Vorgehen gegen illegale Einwanderer und mutmaßliche Betrugsfälle gerechtfertigt. Für Minneapolis bedeutete dies eine weitere Eskalation einer ohnehin aufgeheizten Stimmung.

Für Bürgermeister Jacob Frey stellt eine derartige Lage sowohl politisch als auch persönlich eine enorme Belastungsprobe dar. In den Tagen nach den Vorfällen gingen Gegner wie auch Befürworter der ICE-Präsenz täglich auf die Straße. Die Fronten verhärteten sich, aggressive Konfrontationen blieben nicht aus.

Jacob Frey, der seit 2018 Bürgermeister von Minneapolis ist, trat nur wenige Stunden nach der Ermordung von Renée Good vor die Presse. Sichtlich erschüttert, mit Tränen in den Augen fand er drastische Worte. Seine Fassungslosigkeit gipfelte in einem Satz, der landesweit und international Schlagzeilen machte: „Get the f–k out of Minneapolis.“ Er formulierte klare Worte im Namen der Bürger gegen ICE, deren Präsenz er in der Stadt nicht länger haben wollte.

Mit 44 Jahren wurde Frey bereits zum dritten Mal zum Bürgermeister gewählt. Seitdem nutzt er jede mögliche öffentliche Plattform – von Fernsehinterviews über Printmedien bis zu sozialen Netzwerken –, um das brutale Vorgehen der von der Trump-Regierung eingesetzten ICETruppen scharf zu verurteilen.

Frey sah sich seit dem Beginn seiner Amtszeit mit mehreren Tragödien konfrontiert. Der Mord an George Floyd im Mai 2020 stellte die Stadt und ihren Bürgermeister vor eine historische Bewährungsprobe. Im Juni 2025 wurde die demokratische Abgeordnete Melissa Hortman zusammen mit ihrem Mann in ihrem Haus in einem Vorort von Minneapolis ermordet. Wenige Wochen später wurden bei einer Schießerei in der Annunciation Catholic School zwei Kinder getötet, während 15 weitere Kinder und drei Erwachsene verletzt wurden.

„Wir brauchen eine neue Generation
von Politikern, die anders denken,
härter arbeiten und nie vergessen,
dass sie in erster Linie für die Bürger da sind.“

Elissa Slotkin

Gerade der Fall George Floyd brachte Frey an die Grenzen politischer Krisenbewältigung. Er stand zwischen dem Ruf nach radikaler Polizeireform, nationalem Druck und der Pflicht, den sozialen Zusammenhalt in seiner Stadt zu gewährleisten.

Jacob Frey stammt aus einer russischjüdischen Familie und wuchs in Oakton, einem Vorort von Washington, D.C., auf. Er studierte Rechtswissenschaften und schloss sein Studium 2009 cum laude ab. Anschließend zog er nach Minneapolis und arbeitete in einer Anwaltskanzlei. Vor seiner politischen Karriere war Frey auch Leistungssportler im Langstreckenlauf. Im Jahr 2007 vertrat er die USA bei den Panamerikanischen Spielen in Rio de Janeiro und erreichte im Marathon mit einer persönlichen Bestzeit den vierten Platz.

2013 wurde Frey in den Stadtrat von Minneapolis gewählt. Dort setzte er Schwerpunkte in der Arbeits-, Umweltund Wohnungspolitik. Durch seine Initiative wurde 2016 eine Verordnung verabschiedet, die Umweltverschmutzer verpflichtet, Gebühren entsprechend ihrer Emissionen zu zahlen. Diese Einnahmen fließen in Projekte für nachhaltige Verbesserungen von Unternehmen. In der Folge gingen die Emissionen in der Stadt deutlich zurück, was Minneapolis 2018 eine Auszeichnung auf der US-Bürgermeisterkonferenz einbrachte. Außerdem war Frey im Jahr 2017 maßgeblich an der Einführung einer städtischen Mindestlohnverordnung beteiligt. Im selben Jahr kündigte er seine Kandidatur für das Bürgermeisteramt von Minneapolis an, siegte bei den Wahlen und wurde 2018 in seinem neuen Amt vereidigt. Bei seiner Amtseinführung war Jacob Frey mit 36 Jahren der zweitjüngste Bürgermeister in der Geschichte der Stadt.

Während des Gazakrieges legte Jacob Frey im Februar 2024 ein Veto gegen einen Stadtratsbeschluss ein, der einen Waffenstillstand forderte. Er bezeichnete die Resolution als „einen einseitigen Beschluss“ und warnte vor einer weiteren gesellschaftlichen Spaltung in einer ohnehin schon angespannten Situation. Obwohl Frey persönlich einen Waffenstillstand befürwortete, kritisierte er die Waffenstillstandsresolution als eine Aufwertung der Geschichte der Palästinenser ohne Rücksicht auf die der israelischen Juden.

Jüdische Politikerinnen und Politiker. Juden machen etwa zwei Prozent der US-Bevölkerung aus. Im US-Kongress, der aus 535 Abgeordneten besteht, liegt ihr Anteil mit 6,5 Prozent deutlich höher; im Senat, der 100 Mitglieder hat, sind zehn Prozent der Mitglieder jüdisch. Auch auf kommunaler Ebene wächst der Anteil jüdischer Politiker, obwohl es keine genaue Zahl darüber gibt. Während im Januar 2026 mit Zoran Mamdani erstmals ein muslimischer Bürgermeister in New York City vereidigt wurde, sind zeitgleich in mehreren Städten orthodox-jüdische Bürgermeister und Bürgermeisterinnen gewählt worden. Zu den aktuellen Beispielen zählen Michele Weiss in University Heights, Ohio, und Justin Brasch in White Plains, New York. Auch in Bal Harbour, Florida, wurde im November mit Seth Salver ein orthodoxjüdischer Bürgermeister vereidigt.

Jacob Frey. Der 44-jährige ist bereits in der dritten Amtsperiode Bürgermeister von Minneapolis. © Wikipedia/ Jacob Frey; US-Senat

Auch auf bundespolitischer Ebene gewinnen jüdische Politikerinnen mit sicherheits- und außenpolitischem Hintergrund an Bedeutung in den USA. Eine von ihnen ist die 50-jährige Elissa Slotkin. Die Demokratin ist seit Januar 2025 Junior-Senatorin der Vereinigten Staaten für den Bundesstaat Michigan.

Slotkin bringt einen ungewöhnlichen Werdegang in die Politik mit. Bevor sie in den Kongress eintrat, war sie als Analystin bei der CIA tätig und arbeitete danach im US-Verteidigungsministerium. Dort hatte sie zuletzt die Position der amtierenden stellvertretenden Verteidigungsministerin für internationale Sicherheitsfragen inne, was sie zu einer profilierten Expertin für nationale Sicherheit und Außenpolitik machte. Ihr Motto, das sie in ihrem Wahlkampf häufig betonte: „Wir brauchen eine neue Generation von Politikern, die anders denken, härter arbeiten und nie vergessen, dass sie in erster Linie für die Bürger da sind.“

Vor diesem politischen und gesellschaftlichen Hintergrund steht Jacob Frey als Bürgermeister von Minneapolis sinnbildlich für eine Generation kommunaler Führungskräfte, die zwischen moralischer Haltung, politischem Druck und immer neuen Krisen navigieren müssen. Frey stellt sich dieser Herausforderung in einer Stadt, die längst zum Spiegelbild der tiefen Brüche in der amerikanischen Gesellschaft geworden ist.

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