Wenn die Sprache auf Urlaub geht

Eine neue, kompakte Biografie beschreibt Ludwig Wittgenstein als ruhelosen, konfrontativen, aber auch selbstzweiflerischen Menschen.

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Auch wenn sein auf Fragen aufgebautes Philosophieren tief in jüdischer Tradition wurzelte, Ludwig Wittgenstein sah sich nicht als Jude, oder vielmehr verbarg er lange Jahre seine jüdische Herkunft. Erst spät im Leben ließ er etwas Licht in dieses abgedunkelte Zimmer zu. An einen engen Freund, den er im Krieg kennengelernt hatte, schrieb er: „Ich habe Euch und einige andere angelogen […], als ich sagte, ich stammte ein Viertel von Juden ab und drei Viertel von Ariern, obwohl es genau umgekehrt ist.“

Der Engländer Anthony Gottlieb hat in der Reihe Jewish Lives im Verlag Yale University Press eine neue, kompakte Biografie des großen österreichisch-englischen Philosophen vorgelegt: Ludwig Wittgenstein. Philosophy in the Age of Airplanes. Gottlieb ist Autor mehrerer umfassender philosophischer Werke und war jahrelang als Journalist in der Führungsetage des renommierten Wochenmagazins The Economist tätig.

Ludwig Wittgenstein wurde 1889 als jüngstes von neun Kindern in eine der reichsten Familien der Monarchie hineingeboren. Sein Vater Karl war Industrieller mit zahlreichen Unternehmensbeteiligungen, später Mäzen. Die Familie lebte in einem üppig ausgestatteten Palais im vierten Wiener Bezirk, voller Bilder und Kunstgegenstände. Musik war eines der beherrschenden Themen, und man hatte Beziehungen zu einigen der besten Komponisten und Interpreten der damaligen Zeit. Die Vorfahren des assimilierten Vaters Wittgenstein stammten aus Deutschland und waren ebenso wie die Prager Familie seiner Mutter Juden.

Ludwig Wittgenstein im Jahr
seiner Rückkehr nach Cambridge, wo er von 1930 bis 1936 Fellow am Trinity College war. © Wikimedia/ Moriz Nähr/OENB

Ludwig, bereits getauft, wurde zunächst in die Schule nach Linz geschickt (in der damals übrigens auch Adolf Hitler unterrichtet wurde, über ein Treffen ist allerdings nichts überliefert). Anschließend erhielt er eine technische Ausbildung als Maschinenbauingenieur in Berlin und beschäftigte sich unter anderem mit Flugmotoren und Propellern. Für kurze Zeit ging er auch nach Manchester, um in derselben Branche zu arbeiten, hatte jedoch nie die Absicht, seinem Vater als Unternehmer oder Manager nachzufolgen.

1911 wechselte er das Fach und begann in Cambridge am Trinity College Philosophie zu studieren. Dort lernte er Bertrand Russell kennen, der es zuerst für Zeitverschwendung hielt, sich mit dem „Ingenieur“ und „Narren“ abzugeben. Doch schon wenige Wochen später bezeichnete er den jungen Österreicher als „wirklich intelligent“. Wittgenstein seinerseits bewunderte Russell, das hielt ihn aber nicht davon ab, sich mehrmals mit ihm zu zerstreiten. Es kam auch nicht zu einer akademischen Abschlussarbeit, weil Wittgenstein sich nicht mit solchen Kleinigkeiten wie einer korrekten Fußnotendokumentation abgeben wollte.

Schon früh hatte sich Ludwigs eigenständiger Charakter und scharfer Intellekt gezeigt. Von seinem Bruder Paul, der später als einhändiger Pianist internationale Erfolge feiern sollte, ist ein Zitat überliefert, dass er angeblich nicht anständig üben konnte, weil er den Skeptizismus Ludwigs aus dem Nebenzimmer so stark spürte.

„Gott in Cambridge“ Eigentlich wäre Ludwig wegen eines doppelseitigen Leistenbruchs vom Militärdienst befreit gewesen. Dennoch meldete er sich 1915 freiwillig, kam als Artillerist zunächst an die russische Front in Galizien und wurde – obwohl er sich selbst als feige bezeichnete – mehrmals für Tapferkeit belobigt. Die drögen, lähmenden Wartezeiten zwischen den Kämpfen nutzte er, um sein philosophisches Meisterwerk zu schreiben, den Tractatus logico-philosophicus. Dabei konzentrierte er sich auf die Sprache, wandte sich strikt gegen moralisierende und spekulative Philosophie und glaubte, mit seiner Ablehnung des „Unsinnigen“, grundlegende philosophische Probleme für immer gelöst zu haben. (Später sollte er das freilich relativieren und sein Denken viel breiter gestalten.) Trotz gewisser Einwände schrieb Russell ein Vorwort für die Publikation des Tractatus, der 1922 erschien.

1919 war Ludwig aus der italienischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Jetzt befreite er sich zunächst einmal von seinem persönlichen Reichtum, gab großzügig Spenden und teilte schließlich seinen Anteil am Erbe auf seine Geschwister auf. Von der Philosophie verabschiedete er sich ebenfalls, machte eine Ausbildung als Lehrer und unterrichtete in mehreren Volksschulen im südlichen Niederösterreich. Es hielt ihn allerdings nie lange an einem Ort, bald wechselte er wieder. Er galt zwar als begeisternder Lehrer, führte seine Schüler auch in Museen und auf Exkursionen, konnte aber auch gelegentlich sein Temperament nicht zügeln und wurde sogar physisch übergriffig. Wenn er sich wieder abgekühlt hatte, entschuldigte er sich zwar, langfristig ließ sich seine Art jedoch nicht rechtfertigen.

„Gott ist angekommen.
Er hat die Absicht,
dauerhaft in Cambridge zu bleiben.“

John Maynard Keynes über Ludwig Wittgenstein

In den späten 1920er-Jahren wandte er sich kurzfristig dem Design und der Architektur zu. Gemeinsam mit Paul Engelmann, einem Schüler von Adolf Loos, entwarf und baute er eine moderne Villa für seine Schwester Margarethe, „Gretl“, im dritten Wiener Bezirk. Er ging ganz in dieser Arbeit auf, vertiefte sich in Details von Fenstern, Türklinken und Heizkörpern.

1929 zog es ihn dann doch wieder nach Cambridge. Russell war zwar jetzt nicht am Campus, aber Wittgenstein hatte auch eine akademische Freundschaft mit John Maynard Keynes entwickelt, selbst wenn dieser wusste, wie schwierig der Österreicher sein konnte. „Bin ich stark genug?“, schrieb Keynes in einem Brief kurz vor Wittgensteins Eintreffen. Und unmittelbar danach, in einem weiteren, ganz knapp mit englischer Ironie: „Gott ist angekommen. Er hat die Absicht, dauerhaft in Cambridge zu bleiben.“

So war es dann auch, und Wittgenstein unterrichtete mit dem Motto, philosophische Probleme entstünden, „wenn die Sprache auf Urlaub geht“. Seine Lectures fanden in seiner kargen Wohnung in der Universität statt, ein paar Stühle in einem beinahe leeren Zimmer, im anschließenden hatte er ein einfaches Bett und eine Badewanne. Seine Studenten faszinierte er, manche imitierten sogar seine Kleidung: weißes offenes Hemd und grobes Tweed-Sakko.

Bis 1938 war Wittgenstein regelmäßig nach Wien zum Familienbesuch gereist. Nach dem „Anschluss“ wurde ihm klar gemacht, dass nun der Name nichts mehr zählte, die Wittgensteins waren in den Augen der Nazis Juden. Er blieb im sicheren England, sein Bruder Paul war ebenfalls emigriert, für die Schwestern in Wien wurde mit viel Geld ein Deal ausgehandelt, der sie vor dem KZ bewahrte.

Die akademische Welt in Cambridge bewahrte Wittgenstein nicht vor seinen Selbstzweifeln und seiner inneren Unruhe. So schrieb er in sein Tagebuch, er habe oftmals bei seiner Arbeit gelogen, vorgegeben, etwas zu verstehen, auch wenn er es nicht tat. Einmal wollte er Psychiater werden; dann hatte er wieder Pläne, als Kolchosen-Landarbeiter in die Sowjetunion zu übersiedeln. Man bot ihm dort eine Stelle als Philosoph an, doch gerade das wollte er nicht. Mit seinen Studenten – und auch mit sich selbst – ging er immer wieder hart ins Gericht: Er habe ihnen gegenüber versagt, sie nicht zu eigenem Denken begleitet, sondern bloße Imitationen ausgelöst.

Und dann war da noch sein langes Zögern, die eigene Homosexualität einzugestehen, sich und der Außenwelt. Doch über mehrere Beziehungen zu männlichen Studenten rang er sich dazu durch, notierte anfangs noch in sein Tagebuch die Scham nach dem Sex, doch später wurden seine Partnerschaften öffentlich.

1951 starb Ludwig Wittgenstein kurz nach seinem 62. Geburtstag im Haus seines Arztes, der den Todkranken bei sich aufgenommen hatte. Ehe man die engsten Freunde an sein Sterbebett rief, ließ er ihnen ausrichten: „Sagt ihnen, ich hatte ein wunderbares Leben.“

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