„Wenn ich an etwas glaube, dann bleibe ich dabei“

Dort, wo angeblich einmal der junge Mozart musizierte, am ehemaligen Sitz der Freimaurerloge im Herzen von Wien, residiert seit nunmehr fast 30 Jahren Miryam Charim als Chefin ihrer Galerie Charim. Gut bekannt und gut vernetzt, ist die prominente Galeristin mittlerweile ein Fixstern in der heimischen Kunstszene.

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© Peter M. Mayr

Auf der Suche nach einer Schule mit einer „linken Direktorin” war ihr Vater auf das Mädchengymnasium in der Albertgasse gestoßen. Frau Dr. Büge war Kommunistin und Hofrätin dazu und führte ein strenges Regiment, doch die Schule war eine gute Wahl, was ich als Miryams Klassenkollegin bezeugen kann. Dass man etwa im Kunstgeschichteunterricht gemeinsam Ausstellungen zeitgenössischer Maler besuchte, war in den 60er-Jahren noch eine Ausnahme, und vielleicht wurde Miryams erstes Interesse ja bereits da geweckt. An der Wiege wurde es ihr jedenfalls nicht gesungen, dass sie später einmal Expertin moderner Kunst werden würde. „Verkäuferin bin ich allerdings keine gute, denn ich kann niemandem etwas einreden, aber gerade das finden die meisten sympathisch. 90 Prozent der Besucher kommen nur zum Schauen in die Galerie, und wer etwas kaufen will, meldet sich schon.”

Und doch ist die gelungene Mischung aus ökonomischem Verstand und künstlerischem Gespür offenbar ihr Erfolgsrezept, eine Kombination, die sich bereits in ihrem Karriereweg abzeichnete. Obwohl vom liberalen Elternhaus keineswegs eingeschränkt, wollte Miryam nach der Matura „unbedingt weg”, und so ging sie vorerst nach Paris und dann nach Genf, bevor sie in Wien Volkswirtschaft studierte und einen Lehrgang für Kulturmanagement anschloss. Über Schulfreundinnen hatte sie früh einige Aktionisten der Mühl-Kommune kennengelernt, „die waren damals noch etwas zahmer”, meint sie rückblickend, und begeisterte sich zunehmend für die Avantgarde. Mit dem ehemaligen Mühl-Kommunarden Hubert Klocker, der das künstlerische Erbe der Kommune verwaltete und vermarktete, wird sie später ihre Galerie gründen und einen Teil der Sammlung ankaufen. Vor allem ihrer wirtschaftlichen Fähigkeiten wegen hatte sie Direktor Peter Noever Mitte der 80er-Jahre ins MAK geholt, „doch mich haben die Ausstellungen dort mehr interessiert”, und so landete sie schließlich als Mitarbeiterin beim Maler Christian Ludwig Attersee, arbeitete verschiedentlich auch kuratorisch, bevor sie 1990 mit der Gründung der Galerie Charim ihre berufliche Erfüllung fand.

Jüdischer Background. Da war sie bereits mit dem Anwalt Daniel Charim verheiratet und hatte zwei kleine Söhne. Alexander, der Ältere, folgt als Regisseur eher der künstlerisch ambitionierten Mutter nach, auch sie hatte sich einmal kurz als Regieassistentin versucht, während Jakob als Jurist dem Vater in die Kanzlei gefolgt ist. Dass beide Söhne in der Jugendbewegung Hashomer Hatzair ihre späteren Ehefrauen kennengelernt haben, hat sich, so die zufriedene Schwiegermutter, „als günstig erwiesen”. Der jüdische Background spielt bei den Charims allerdings eher eine traditionell-familiäre denn eine religiöse Rolle, aber man feiert die Feste, wie es Miryam auch im Elternhaus kennengelernt hatte, womit wir wieder an den Anfang zurückkehren.

»Ich kann niemandem etwas einreden,
aber gerade das finden die meisten sympathisch.«
Miryam Charim

„Mein Vater hat immer sofort zu weinen begonnen, er konnte über die Vergangenheit nicht reden, es war offenbar ein schweres Trauma.” Erst nach dessen Tod haben Miryam und ihr Bruder René Segal erfahren, dass ihr Vater aus einer Warschauer Rabbinerdynastie stammte. Dass er, der den Krieg in Russland überlebte, nicht Medizin studieren konnte, betrachtete er lebenslang als Unglück, obwohl er als Geschäftsmann höchst erfolgreich war. „Ich durfte nie ins Geschäft, er wollte unbedingt, dass ich studiere.” Auch dass die Mutter, die aus der Tschechoslowakei kam, schon einmal verheiratet gewesen war, sollten die Kinder nicht wissen. „Es wurde einfach nicht geredet” – eine Erfahrung, die viele Angehörige der zweiten Generation gemacht haben. Wie die meisten dieser Kinder wurde auch sie von den ängstlichen Eltern vielleicht sogar überbehütet, doch letztlich haben sie Miryam von der Leine und freie Bahn gelassen.

„Standbein-Spielbein-Konzept”. Dafür ist sie ihnen überaus dankbar, denn nur so konnte sie letztlich werden, was sie heute ist, eine geerdete Galeristin mit internationalen Netzwerken. Auf bis zu zehn Messen jährlich war sie früher präsent, nun hat sie dieses zeit-, spesen- und arbeitsintensive Engagement auf vier bis fünf Messen reduziert. „Aber ohne internationale Anerkennung funktioniert nichts, denn Wien ist als Markt zu klein.” Schließlich fühlt sie sich auch ihren Künstlern verpflichtet, die sie oft jahrzehntelang betreut und aufgebaut hat. „Da haben sich auch Freundschaften ergeben, ohne aber die professionelle Ebene zu verlassen.”

Auf einem „Standbein-Spielbein-Konzept” – d. h. einerseits große Maler, wie Hubert Scheibl, Valie Export oder Erwin Bohatsch, die sich gut verkaufen, andererseits jüngere, riskantere Nachwuchskünstler – ruht die sichere Basis der Galerie. „Wenn ich an etwas glaube, dann bleibe ich dabei, es kann aber ewig dauern”, bis diese Geduld Früchte trägt. „Persönlich interessiert mich Kunst von Frauen und Menschen, die sich in ihren Arbeiten mit politischen Themen auseinandersetzen”, definiert Charim ihren Kunstgeschmack, der sich natürlich in den Ankäufen der Sammlerin, die sie nicht zuletzt ist, widerspiegelt. „Wenn ich auf einer Messe gut verkaufe, dann kaufe ich dort auch ein, dafür kaufe ich mir keinen Schmuck”, sagt sie lächelnd und zeigt auf ihre unberingten Finger.

Zwei große Lager füllt ihre Sammlung mittlerweile. Darin finden sich auch Arbeiten aus Israel, dessen Kunstszene sie von ihren regelmäßigen Aufenthalten dort recht gut kennt. Einmal hat sie sogar in Wien eine Ausstellung israelischer Künstler gewagt, doch sind diese, so ihre Erfahrung, „hier überhaupt nicht zu verkaufen und international bis auf wenige Ausnahmen unter der Aufmerksamkeitsschwelle. Aber in Israel selbst ist die Szene lebendig und aufregend, es gibt international gut vernetzte Galerien, reiche jüdische Sammler auch aus dem Ausland und höchst aktive Museumsvereine. Die interessanten Arbeiten sind allerdings kaum mehr zweidimensional, eher Videokunst und Performances.” Ja, aber wer kauft schon eine Performance, ist meine Frage, die Miryam mit einem Lachen quittiert. Doch, ja, auch solche Leute gäbe es.

Wie sie ihre Zukunft als Galeristin sieht, ist eine andere Frage, die offenbar einen „wunden Punkt” berührt. „Ich würde gerne einen Nachfolger aufbauen und etwa ein bis zwei Jahre begleiten, aber ich finde niemanden.” Enthusiasmus, Neugierde, Risikofreude und Unternehmungslust seien die Voraussetzungen. „Man muss sich gern mit Menschen umgeben, aber auch Distanz wahren können, sonst wird man zur Mama oder zum Psychiater. Und etwas Kapital muss man schon mitbringen, um schlechtere Zeiten wirtschaftlich überleben zu können.”

Ihre eigene wirtschaftliche Expertise bringt die Galeristin in den Aufsichtsrat des benachbarten Jüdischen Museums ein, dem sie seit Langem angehört.

Sohn Alexander ist gerade von Berlin nach Wien übersiedelt und mit ihm natürlich auch die Enkel der Charims, was die leidenschaftlichen Großeltern besonders freut. Fad wird Miryam also kaum werden, sollte doch einmal jemand anderer in die wunderbaren Räume in der Dorotheergasse einziehen. Das dürfte aber noch lange nicht der Fall sein.

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