Wenn nicht die Qualität von Forschung entscheidet

Das Center for Israel Studies veranstaltete diesen Sommer einen Abend, der dem Thema Akademische Kooperation in Krisenzeiten – Der Fall Israel aus globaler Sicht gewidmet war. Auch Eric Zimmerman, ehemals geschäftsführender Direktor der Deutsch-Israelischen Stiftung für Wissenschaftliche Forschung und Entwicklung (GIF) war dabei. Mit WINA sprach er vor allem über das Phänomen des stillen Boykotts israelischer Universitäten und deren Forschern und Forscherinnen.

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Eric Zimmerman, Experte für Forschungsmanagement, internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit und Wissenschaftsdiplomatie, zeichnet ein düsteres Bild. Ja, als israelischer Forscher sei man hier und dort auch schon in der Vergangenheit mit Diskriminierung oder Ausschluss konfrontiert gewesen. Er selbst erinnert sich an eine Bewerbung für ein Executive Program, also ein Weiterbildungsprogramm, an einer britischen Universität vor vielen Jahren. Er sei damals vom Leiter des Programms schriftlich davon informiert worden, wegen seiner israelischen Staatsbürgerschaft nicht zugelassen zu werden. Heute würden sich solche Fälle aber häufen. Und gleichzeitig würden Absagen nicht so klar formuliert.

„Silent boycott“, also stillen Boykott nennt Zimmerman dieses Phänomen. Da hätten zum Beispiel zwei seiner Kollegen als Redner in europäischen Institutionen auftreten sollen. Doch dann habe man sie wieder ausgeladen. Der Grund: Sicherheitsbedenken. Zu anderen Events werden israelische Wissenschafter erst gar nicht eingeladen. Im Gefolge des 7. Oktober 2023 sei hier ein Rückgang von Anfragen spürbar, ohne dass man den Grund dafür wirklich belegen könne. Schon allein den Rückgang an Einladungen anzuprangern, falle schwer. Es sei nur etwas, das spürbar sei – ebenso wie eine gewisse Feindseligkeit, von der israelische, aber auch jüdische Studierende sowie Lehrende in Europa und den USA berichten würden.

Bei Forschungskooperationen wiederum gebe es oft Absagen überhaupt ohne Angabe von Gründen. Hinter vorgehaltener Hand würde die Zurückhaltung, wenn es um die Zusammenarbeit mit israelischen Wissenschaftseinrichtungen und Forschern gehe, dann so erklärt: Es gehe nicht um Antisemitismus. Es gehe vielmehr darum, sich nicht den Weg zu ohnehin knappen Mitteln potenziell zu verbauen. Schade solch eine Kooperation vielleicht der Reputation? Oder halte sie andere mögliche Partner ab, in ein Konsortium einzusteigen?

All das hat massive Auswirkungen auf den Forschungsbetrieb, betont Zimmerman. „Es entscheidet nicht mehr nur die Qualität von Forschung. Es wird vor allem alles aus dem Weg geräumt, was ein Projekt verzögern oder verkomplizieren könnte.“ Heute betreffe das Forscher und Forscherinnen aus Israel, aber nicht nur. Zuletzt seien etwa auch Wissenschafter aus Ungarn von solchen Überlegungen betroffen gewesen. „Wir sehen: Entscheidungen über Kooperationen sind zunehmend von Erwägungen hinsichtlich der institutionellen Risiken und der politischen Kosten geprägt.“ Auf der Strecke bleibe dabei die wissenschaftliche Exzellenz.

„Beteiligung erfolgt nicht mehr ausschließlich auf der Grundlage von Leistung. Zunehmend wird sie durch den Kontext gefiltert. Und sobald dies geschieht, verändert sich etwas Grundlegendes innerhalb des akademischen Umfelds. Ein starker Partner kann dann gemieden werden – nicht weil es ihm an wissenschaftlicher Exzellenz mangelt, sondern weil er ein wahrgenommenes Reputations- oder politisches Risiko mit sich bringt“, so Zimmerman. Wiederhole sich das über verschiedene Institutionen hinweg, werde daraus eine systemische Logik. Systeme würden sich nicht durch Erklärungen etwa von Uni-Leitungen verändern. „Sie verändern sich durch die Summe vieler einzelner Handlungen.“ 

Universitäten sollen sich wieder auf die Trennung der Bewertung von Forschungsleistung und politischen Haltungen rückbesinnen.

Die Fragen, die sich daraus ergäben: Unter welchen Bedingungen sind künftig akademische Kooperationen erwünscht? Und wer entscheidet über diese Bedingungen? Gerade Unis seien bisher Orte gewesen, an denen unterschiedliche Thesen am Ende zu produktiven Ergebnissen geführt hätten. Es seien die Problemlösung und das Überwinden von Hürden, für die wissenschaftliche Arbeit stehe. Politische Divergenzen sollten dabei in den Hintergrund treten. Und manchmal ergebe sich hier aus der Forschungskooperation sogar eine Brücke über politische Gräben.

Wenn aber nun Selbstzensur und eine Art vorauseilender Gehorsam um sich greife, die dazu führen, dass israelische Forschungseinrichtungen und Wissenschafter – oder auch Forscher aus anderen Ländern – gemieden würden, werde das irgendwann zum Vertrauensverlust in akademische Institutionen führen. Es verändere aber auch die Forschungslandschaft insgesamt. 

Wofür Zimmerman daher plädiert: Universitäten sollen sich wieder auf die Trennung der Bewertung von Forschungsleistung und politischen Haltungen rückbesinnen. Gleichzeitig wäre es gut, wenn akademische Institutionen nicht nur auf dezidierte Boykotte verzichten, sondern auch darauf schauen, dass es nicht zu den weniger klar ausgeschilderten Ausschlüssen kommt. Und schließlich sollte der Wissenschaftsbetrieb insgesamt Offenheit als zentralen Wert schützen.

Das eine sind Forderungen, das andere die Realität – das ist auch Zimmerman klar. Aus israelischer Perspektive plädiert der Experte, der seine akademische Laufbahn dem Wissenschaftsmanagement und der Wissenschaftsdiplomatie widmete, sich nach Partnern auch anderswo umzusehen. Europa bleibe wichtig, ebenso wie die USA. „Wir müssen aber realistisch sein, in welchen Ländern wir auch willkommene Partner sind und in welchen eher nicht oder nicht mehr. Und dann müssen wir mehr mit jenen Ländern mit exzellenten Wissenschaftern zusammenarbeiten, die auch gerne mit uns zusammenarbeiten. Wenn das Japan ist, ist es Japan, wenn es Südkorea ist, ist es Südkorea, oder Indien oder Argentinien. Wo wissenschaftliche Exzellenz, echtes Interesse an Kooperation und geeignete Fördermöglichkeiten zusammentreffen, sollten wir bereit sein, neue strategische Schwerpunkte zu setzen.“

Er wolle damit jedoch nicht sagen, dass auf Ausgrenzung mit Ausgrenzung reagiert werden sollte: „Vielmehr sollten wir bestehende Partnerschaften weiterpflegen und zugleich unser internationales Netzwerk gezielt erweitern.“ Worum es immer gehen müsse, das ist „die Zusammenarbeit mit den Besten“. 

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