WER IST MAX SPITZKOPF?

In den USA wird ein vergessener jüdisch-wiener Groschenroman- Detektiv publizistisch wiederbelebt.

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1908 zuerst in Krakau erschienen, folgten auf die jiddische Erstausgabe insgesamt 15 Fälle in „Groschenheften“, von denen heute kaum noch Exemplare erhalten sind. © instagram.com/yiddish_book_center/

Galizien um 1908. Unter dem Titel Maks Shpitskopf – der Kenig fun die Detektivs erscheint eine Serie von 15 kompakten Kriminalgeschichten im Groschenroman-Format. Der Titelheld dieser „Heftln“ ist Meisterdetektiv und Jude. Sein Büro hat er im kaiserlich-königlichen Wien. Sein Wirkungskreis ist ganz Europa. Scharfsinnig und tatkräftig ist er immer zur Stelle, wenn Jüdinnen und Juden in Not geraten. Gleich mehrere Umstände sind es, die die illustrierten „Max Spitzkopf“-Heftchen so besonders machen: Sie sind in Jiddisch verfasst. Die Episoden verhandeln „große“ jüdische Themen in „kleinem“ Format. Und schließlich garantieren die „Groschenpreise“ ein Massenpublikum, wie es sonst nur noch die Stummfilmclips in den damals so populären „Penny Arcades“ verzeichnen. Wie also konnten die Geschichten rund um diesen jüdischen „Superhelden“ in Vergessenheit geraten?

Das Yiddish Book Center in Amherst,
MA, USA, widmet sich seit 1980 der Rettung und Erneuerung jiddischer Literatur. yiddishbookcenter.org © yiddishbookcenter.org

Abenteuer im Abfall. „Bücher stellt man ins Regal, Pulp Fiction (Schundromane; Anm. Red.) schmeißt man weg!“, erklärt US-Autor, Theaterschauspieler und Regisseur Mikhl Yashinsky, der die jiddischen Groschenromane ins Englische übersetzt hat, das Verschwinden von Max Spitzkopf. Und weiter: „Selbst die niveauvollen Spitzkopf- Krimis behielten die Leser nicht, gaben sie allenfalls weiter. Das Billigpapier zerfledderte, die Illustrationen vergilbten. Früher oder später landeten die Spitzkopf-Abenteuer im Abfall.“

Nur zwei Komplettausgaben sind erhalten. Was Mikhl Yashinsky nicht sagt: Mit der Vernichtung des polnischen Judentums, seiner Kultur, seiner Sprache, löschten die Nazis auch die Erinnerung an Max Spitzkopf aus. So gibt es laut Yashinsky weltweit nur noch zwei erhaltene Kompendien mit allen 15 originalen Krimi-Abenteuern: gelagert im Elfenbeinturm, fernab der öffentlichen Wahrnehmung, an der Yale University und in der Bibliothek der MEDEM in Paris. Dass Mikhl Yashinsky Spitzkopf (wieder)entdecken konnte, war also dem Zufall geschuldet. Der gelernte Literaturhistoriker mit Harvard-Abschluss, der jiddischen Literatur seit jeher verbunden, war zur Stelle, als im Yiddish Book Center (Hampshire College in Amherst, Massachusetts) ein arg zerzauster Band mit den ersten fünf Spitzkopf-Abenteuern auftauchte.

Mikhl Yashinsky bezeichnet sich selbst als Dramatiker, Schauspieler, Regisseur, Lyriker und „Yiddishist“, yashinsky.com.

Max Spitzkopf reloaded. Fasziniert von diesem Fund, macht sich Yashinsky an die Übersetzung, ergänzt die fehlenden Episoden und verpasst dem Detektiv ein leicht aufgefrischtes Klappentext-Image als „jiddischer Sherlock Holmes“. Und tatsächlich, wie der pfeifenrauchende Londoner Detektiv- Doyen besitzt auch der „jiddische Sherlock Holmes“ aus Wien einen messerscharfen Verstand und beschäftigt einen treuen Assistenten. Aber anders als die Roman-Detektive Holmes und Poirot oder (eh klar!) Hobby-Ermittlerin „Oma“ Miss Marple scheut Detektiv Spitzkopf in den actiongetriebenen Heftchen-Plots weder Körpereinsatz noch Waffengebrauch. Und Fuchs („Fuks“), Max Spitzkopfs Dr. Watson, hat der Erfinder und Autor der Geschichten als ziemlichen Tollpatsch gezeichnet: Quasi als Running Gag gerät Assistent Fuchs regelmäßig in Kalamitäten, aus denen ihn sein Chef herausholen muss. Wer aber war der Schöpfer dieser Kriminalgeschichten?

Der Mann hinter „dem kenig fun di detektivs“. Als die ersten Spitzkopf-Heftchen erscheinen, bleibt der Autor zunächst ungenannt. Schon bald aber wird ein gewisser Jonas Kreppel als Erfinder des Superdetektivs identifiziert. Jonas „Joine“ Kreppel ist im Polen vor dem Ersten Weltkrieg kein Unbekannter: Der 1874 geborene Spross einer chassidischen Mittelklassefamilie aus dem galizischen Drohobycz, dem einst in der Talmud-Tora-Schule eine brillante Karriere als Rabbiner vorausgesagt worden war, hat sich längst als Journalist, Essayist und Herausgeber jüdisch-galizischer Zeitschriften einen Namen gemacht. Quasi „nebenbei“ erfindet Kreppel die Figur Max Spitzkopf. Kreppel ist traditioneller Jude, überzeugter Zionist und ein Homo Politicus. Also stattet er seinen streitbaren Detektiv mit einer Mission aus – dem Kampf gegen Antisemitismus. Im Klappentext der jiddischen Originale von 1908 las sich das so: „Max Spitzkopf ist Jude. Er nimmt jede Gelegenheit wahr, für Jüdinnen und Juden einzutreten. Wann und wo immer jüdische Menschen Ungerechtigkeit erfahren und Spitzkopf um Hilfe bitten, werden sie nicht enttäuscht!“

Zwischen Eskapismus und Erwachen? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind die europäischen Juden mit einer Welle des Antisemitismus konfrontiert (klingelt da was?). Die Dreyfus-Affäre erschüttert Frankreich. Der prononciert antisemitische Karl Lueger sitzt im Wiener Rathaus. In halb Europa „erfinden“ nationalistische Parteien den politischen Antisemitismus. Pogrome suchen die Juden Russlands und Polens heim. Da trifft Jonas Kreppel mit Max Spitzkopf den „jüdischen Zeitgeist“: Die Sehnsucht nach einem „Superhelden“, nach einer jüdischen Identifikationsfigur, selbstbewusst und selbstbestimmt, ist groß – und Max Spitzkopf zur Stelle.

„Max Spitzkopf ist Jude.
Er nimmt jede Gelegenheit war, für Jüdinnen
und Juden einzutreten. Wann und wo immer
jüdische Menschen Ungerechtigkeit
erfahren und Spitzkopf um Hilfe
bitten, werden sie nicht enttäuscht!“

 

Die Opfer sind jüdisch – der Held auch. Mord, Entführung, Menschenhandel, Erpressung. Auch Kreppel setzt auf die „üblichen Verbrechen“ des Krimi-Genres, aber er erweitert seine Plots um eine „speziell jüdische“ Komponente. So etwa verschwindet die 17-jährige Khane in der ersten Spitzkopf- Episode mit dem jiddischen Originaltitel Geroibt zu der Schmad eines Nachts spurlos aus ihrem galizischen Elternhaus. Der aus Wien herbeigeholte Max Spitzkopf kombiniert: keine „gewöhnliche“ Entführung, sondern organisierte Zwangskonversion – ein jüdisches Trauma der ersten Stunde! In einer anderen Episode wird ein Unschuldiger fälschlich der Spionage bezichtigt. Der einzige Grund dafür: Der Mann ist Jude! Und im Spitzkopf-Fall The Flesh Peddler (dt. Der Fleischhändler), so der Episodentitel der aktuellen amerikanischen Ausgabe, spürt der Superdetektiv einen Heiratsschwindler und Mädchenhändler auf. In letzter Sekunde rettet er die mit dem Schurken frisch vermählte Rivke aus einem Bordell in Konstantinopel.

 

Jonas Kreppel: Adventures of Max Spitzkopf. The Yiddish Sherlock Holmes. Übers. v. Mikhl Yashinsky, White Goat Press 2025, 575 S., 22,99 €

Mit diesen Kriminalgeschichten begeistert Jonas „Joine“ Kreppel Tausende und Abertausende in ganz Polen. Einer dieser Spitzkopf-Fans wird Jahrzehnte später den Nobelpreis für Literatur erhalten:

Geheimnisse und Einsichten für Herrn Singer. „Der kleine Zeitungskiosk war vollgeräumt mit Groschenromanen, Bilderbüchern, Comics. Auf mich als lesebesessenes

Kind hatten diese Heftchen voller Geheimnisse und Einsichten eine geradezu magnetische Anziehungskraft“, erzählt Isaac Bashevis Singer in seiner Autobiografie In My Father’s Court (dt. Mein Vater, der Rabbi, 1966) aus seiner Warschauer Kindheit. „Diese Detektivgeschichten kamen mir wie Meisterwerke vor. Ein Satz ist mir dabei besonders in Erinnerung geblieben, eigentlich der Subtext zu einer Illustration: Sie zeigte Max Spitzkopf und seinen Assistenten, Fuchs, die einen Räuber auf frischer Tat ertappen. Mit gezückter Waffe herrscht Spitzkopf den überraschten Gangster an: ,Hände hoch, du Lump. Wir haben dich umstellt!‘ Diese schlichten Worte haben sich mir wie ein Ohrwurm eingebrannt!“

Die anerkennenden Worte seines wohl berühmtesten Lesers haben Jonas Kreppel nie erreicht. Der schillernde Vielseitige, der 1914 nach Wien übersiedelt, wird – wie die meisten jüdischen Journalisten, Publizisten und Autoren – gleich nach dem „Anschluss“ verhaftet. Er wird nach Dachau deportiert und 1940 in Buchenwald ermordet (siehe Kurzbiografie links). Eine Grabstelle am 4. Tor des Wiener Zentralfriedhofs erinnert an ihn.

 


Jonas Kreppel – Leben, Wirken, Sterben

Klaus Kreppel: Jonas Kreppel – glaubenstreu und vaterländisch.
Biografische Skizze über
einen österreichischjüdischen
Schriftsteller. Mandelbaum 2017, 308 S., 24,90 €

Jonas „Joine“ Kreppel wird am 25. Dezember 1874 als Kind einer chassidischen Kaufmannsfamilie in Drohobycz, Galizien, geboren und wächst mit sechs Geschwistern mehrsprachig auf (Deutsch, Jiddisch, Polnisch und Iwrit) – diese Mehrsprachigkeit wird seine spätere publizistische Laufbahn befördern.

Im Cheder wird dem Halbwüchsigen eine große Zukunft als Rabbiner attestiert. Der Bücherwurm (an sich kein Widerspruch!) „Joine“ entschließt sich aber für eine Buchdruckerlehre. Nach seiner Ausbildung wird Jonas Kreppel zunächst Redakteur der deutschsprachigen, jedoch in hebräischen (!) Buchstaben gedruckten Drohobyczer Zeitung. Dieses Kuriosum ist wohl Ausdruck der „Kaisertreue“ der galizischen Juden – eine Einstellung, die Kreppel leidenschaftlich teilt.

Kreppel heiratet die Tochter des prominenten Krakauer Verlegers Josef Fischer, der einige Jahre später die Spitzkopf- Episoden unter dem Titel Maks Shpitskopf – der kenig fun di detektivs herausbringen wird. Kreppel schreibt in den Folgejahren unter anderem für Zeitschriften wie Zijon (Literatur, Iwrit), die deutschsprachige Jerusalem und ihre Iwrit- Schwester Jeruschalajim (beide in Krakau) und redigiert die Tageszeitung HaJom in Lemberg (Iwrit).

1914 wird Kreppel dank guter persönlicher Kontakte nach Wien in das Pressesekretariat des k. u. k. Außenministeriums berufen. Ein Jahr später wird er zum Pressereferenten ernannt. 1924 wechselt Jonas Kreppel in den staatlichen Pressedienst des Bundeskanzleramts. Obwohl Autodidakt und Nichtakademiker, macht er Karriere im höheren Beamtendienst der Republik (Ministerialsekretär, Regierungsrat).

Neben seinen Anstellungen im Außenministerium und später im Bundeskanzleramt arbeitet Kreppel in Wien von Beginn an als politischer Publizist. Aus tiefer Überzeugung positioniert er sich kaisertreu, konservativ und antirussisch. Nach dem Zusammenbruch der k. u. k. Monarchie verteidigt er den von vielen als nicht überlebensfähig erachteten Nachfolgestaat Deutschösterreich. Vehement schreibt er insbesondere ab den 1930ern gegen Anschlussfantasien an Deutschland an. Über viele Jahre ist Kreppel auch Herausgeber der Jüdischen Korrespondenz mit einem Naheverhältnis zur Agudath Israel.

Jonas Kreppel wird kurz nach dem „Anschluss“ verhaftet und zunächst nach Dachau deportiert. Er stirbt am 21. Juli 1940 im Konzentrationslager Buchenwald. Eine Grabstelle am 4. Tor des Wiener Zentralfriedhofs erinnert an ihn.

Als Kreppels publizistisches Hauptwerk gilt Juden und Judentum von heute (1925), ein statistisches Handbuch, das noch heute Verwendung in Historikerkreisen erfährt.

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