„Wer sich mit dieser Geschichte beschäftigt, interessiert sich für die Gegenwart“

Peter Roesslers neues Buch spannt eindrucksvoll den Bogen über fast vier Dekaden des berühmten Max Reinhardt Seminars: von der Gründungsidee des jüdischen „Theatermagiers“ Max Reinhardt für eine Wiener Schauspielschule über Konzeption und Aufbau, Lehrende und Seminarist:innen, die NS-Zerstörung des Kollegiums sowie Verfolgung und Ermordung jüdischer Lehrender und Schüler:innen bis hin zur Nachkriegszeit, in der über das Geschehene geschwiegen und der 1943 im amerikanischen Exil gestorbene Gründer ganz bewusst zum Mythos erhoben wurde. Roessler zeichnet so ein neues vielschichtiges Bild des renommierten Wiener Schauspiel- und Regieseminars von den Anfängen bis in die Mitte der 1960er-Jahre. WINA hat den namhaften Theater- und Literaturhistoriker zu seiner langen Forschungstätigkeit befragt.

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Peter Roessler: Das Max Reinhardt Seminar. Im Weltgarten des Spiels 1928–1965. Hollitzer 2025, 768 S., € 38,95

WINA: Wie kam es zur Gründung des Max Reinhardt Seminars durch dessen prominenten Namensgeber Ende der 1920er-Jahre, knapp eine Dekade nach der Gründung der Salzburger Festspiele und fünf Jahre nach der Übernahme des Theaters in der Josefstadt?
Peter Roessler: Für Max Reinhardt war die Einrichtung einer fundierten Theaterausbildung wichtig. Sie hatte umfassend zu sein, sollte Künstlerisches und Handwerkliches vereinen und auf die Bühne bezogen sein. Reinhardt hatte bereits 1905 in Berlin die Schauspielschule des Deutschen Theaters begründet. In Wien bekam er nun das Angebot, im Rahmen der neu errichteten Fachhochschule für Musik und darstellende Kunst Hochschulseminare zu leiten. Dem kam er 1925 und 1926 nach und erarbeitete Aufführungen mit Schauspielschüler:innen. Es handelte sich dabei um Szenenfolgen, die seinen eigenen großen Inszenierungen nachgebildet waren. Natürlich wollte man eine prominente Persönlichkeit, um der Institution Anerkennung und Bedeutung zu verschaffen. Reinhardt setzte diese Seminare aber nicht fort, sondern ging weiter und legte ein Konzept für ein – im Rahmen der Fachhochschule zu errichtendes – Schauspiel- und Regieseminar vor, das er schließlich auch durchsetzte. Einige Aspekte prägen diese Institution bis heute: Da ist zunächst die Tatsache, dass man hier Schauspiel und Regie studieren kann. Diese beiden Berufe gehören untrennbar zusammen, dennoch war dieser Ansatz damals neu, sowohl im deutschsprachigen Raum als auch teilweise international. Dann zeigt der Begriff des „Seminars“, der für Reinhardt von großer Bedeutung war, dass es sich hier um eine Ausbildung auf Hochschulebene handelt. Und schließlich forderte Reinhardt ein eigenes Theater für sein neues Seminar – und erhielt es auch mit dem von ihm gewünschten Schönbrunner Schlosstheater. Im Zentrum des Studiums standen die öffentlichen Aufführungen, denn Theater zu lernen, bedeutete für ihn vor allem, vor Publikum zu spielen. Damit unterschied sich das Seminar deutlich von der damaligen Gepflogenheit, meist privat, oft in kleinen Räumen und im Einzelunterricht zu üben: Am Seminar fand der Unterricht in Gruppen statt, man war nicht auf eine Lehrperson fixiert, sondern hatte mehrere Lehrende, die noch dazu ausgezeichnete Theaterleute waren. Diese wesentlichen Neuerungen konnten tatsächlich alle umgesetzt werden und prägen das Seminar bis heute.

Eine moderne Konzeption in vielerlei Hinsicht.
I Der Unterrichts- und Aufführungsbetrieb war wohl hierarchischer, als wir es heute gewohnt sind, aber dann auch wieder nicht. Es lässt sich darüber staunen, wie anders manches war und wie relevant doch viele Ideen geblieben sind. Von der Konzeption des Studiums her war es eine enorme Neuerung. Diese hat von den Zielen und Ansätzen her ihr Potenzial nicht verloren. Freilich war es schon damals eine Frage der Lehrenden. Wichtig war für Reinhardt, dass er bestimmen konnte, wer unterrichten sollte. Eine Grundbedingung war, dass Kollegen von höchstem Niveau hier lehrten, wie der Regisseur Emil Geyer, der von 1912 bis 1922 die Neue Wiener Bühne in der Wasagasse geleitet hatte und – nach Jahren in Deutschland – geschäftsführender Direktor des Theaters in der Josefstadt wurde, oder der Regisseur und Autor Paul Kalbeck, der vorher selbst bereits eine Schauspielschule gegründet hatte und ebenfalls an „der Josefstadt“ tätig war. Das waren, gemeinsam mit dem Regisseur Iwan Schmith, die ersten Schauspiel- und Regielehrer, zu denen sich dann etwa die Sprechlehrenden Zdenko Kestranek und Margit von Tolnai und der Schriftsteller, Regisseur und Jurist Ernst Lothar als Schauspiel- und Regielehrer gesellten.

 

„Leben und Arbeit der Lehrenden und Studierenden, die später vertrieben wurden, mögen kaum bekannt sein, aber obwohl es in manchem zu spät ist, lässt sich etwas von ihnen lernen, ohne dabei in Verklärung zu verfallen. Die Gespenster der Vergangenheit wiederum lassen sich verleugnen, doch nicht abschütteln, sie halten dieses Institut ebenso in Bann, wie das in anderen Institutionen der Fall ist.“
Peter Roessler

Bereits vor 1938 und der Vertreibung nahezu des gesamten Lehrkörpers gab es eine eminente Krise und stand die Schule schon kurz vor dem Aus, was war damals?
I Mit der Auflösung der Fachhochschule sollte 1931 auch das Schauspiel- und Regieseminar aufgelöst werden; begründet wurde das damit, dass es ja an der Akademie sowieso eine Schauspielklasse gab, und natürlich war dabei kulturpolitisches Kalkül im Spiel. Max Reinhardt entschloss sich jedoch, das Seminar als Privat-
institut weiterzuführen, und übernahm die wirtschaftliche Verantwortung. Das Schlosstheater konnte als Sitz beibehalten werden, das Institut selbst musste sich von da an eigenständig über das Schulgeld erhalten – die Lehrenden arbeiteten damals, neben ihrer Theaterarbeit, oft ehrenamtlich.

Paul Kalbeck mit Studierenden bei einer Probe, um 1930. © Max Reinhardt Seminar

1938 wurde auch das Reinhardt-Seminar „arisiert“. Neben dem Gründer Max Reinhardt, der zu diesem Zeitpunkt bereits in Amerika war, waren nahezu alle Lehrenden jüdischer Herkunft, einige, wie Emil Lind oder Carl Meinhard, kamen auch erst ab der Machtergreifung Hitlers in Deutschland nach Wien. Wie kann man sich das damalige Vorgehen vorstellen, wie konnte das Seminar überhaupt weiterbestehen?
I Im Grunde konnte man durchaus annehmen, dass es nun zu Ende sei. 12 Lehrende mussten das Seminar verlassen. Doch Hans Niederführ, der am Reinhardt-Seminar Regie studiert hatte, dann dort als Seminarwart, später als Sekretär tätig gewesen war und 1937 den Titel eines Stellvertreters des Direktors erlangt hatte, erklärte sich 1938 selbst zum kommissarischen Leiter. Er war es auch, der die Entlassungen durchführte. Gegenüber den NS-Instanzen verwies er auf seine langjährige Erfahrung und seine seit 1933 bestehende Mitgliedschaft bei der NSDAP – und er rühmte sich, die jüdischen Dozierenden „entfernt“ zu haben sowie bereits vor dem „Anschluss“ die Anzahl der jüdischen Studierenden herabgesetzt zu haben.

Ein Seminar ohne Juden, das aber sonst von der Konzeption und Struktur her einfach weitergeführt werden sollte – das war die Vision von Hans Niederführ. Er hatte jedoch Schwierigkeiten, Lehrende zu finden. Mit Josef Gielen holte er für einige Zeit einen renommierten Regisseur und Regielehrer, ehe auch dieser – antinazistisch eingestellt und mit Rose Gielen (geb. Steuermann) verheiratet, die Jüdin war – ins argentinische Exil ging. Später unterrichteten zahlreiche Personen, die apologetisch gegenüber dem Regime waren, manche waren NSDAP-Mitglied, manche nicht, wie etwa Adolf Rott, der NS-Propaganda-Stücke inszenierte. Im September 1938 wurde das Seminar in die Staatsakademie, die spätere Reichshochschule für Musik und darstellende Kunst, eingegliedert und mit den dortigen Schauspielklassen zusammengelegt. Praktisch blieb das Schauspiel- und Regieseminar aber bestehen. Es war weiterhin im Schönbrunner Schlosstheater situiert – und Hans Niederführ wurde zum Leiter ernannt.

 

Emil Geyer mit Studierenden vor dem Schönbrunner Schlosstheater, um 1930. © Max Reinhardt Seminar

 

Denkt man heute an das Max Reinhardt Seminar, so kommt einem meist sofort das gediegene Ambiente des Palais Cumberland mit seinem wunderschönen englischen Garten und nur wenige Gehminuten von Schönbrunn entfernt in den Sinn. Anlage und Gebäude waren damals wohl in keinem guten Zustand mehr und standen, wie du schreibst, sogar kurz davor, abgerissen und mit Zinshäusern bebaut zu werden. Wie gelang es Niederführ, das Palais für die Schule zu sichern?
I Mit Hilfe der Instanzen des NS-Regimes. Durch sie erhielt Niederführ 1940 nicht nur den Zuschlag für die Nutzung der Anlage und Immobilie, sondern auch die notwendigen Gelder für die Renovierung. Max Reinhardt, der im Exil in New York starb, hat dieses Haus nie betreten. Spricht man heute davon, dass im „Palais Cumberland noch der Geist Max Reinhardts“ zu spüren sei, trägt das zur Verschleierung der Geschichte bei. Wenn man überhaupt sagen kann, dass man Reinhardts Geist spürt, dann ist es in der Konzeption des Studiums.

 

„Verfolgung, Exil und Ermordung der jüdischen Lehrenden und Studierenden sind für die vorliegende Darstellung von größtem Gewicht, sie reichen in andere zeitliche Abschnitte, sind allgegenwärtig, auch wenn sie einst unsichtbar gemacht wurden. Von hier aus ist manches erst zur Gänze zu begreifen, selbst wenn nicht immer davon die Rede ist.“
Peter Roessler

Wie sah die Situation der jüdischen Seminarist:innen aus?
I Ihre Vertreibung und Verfolgung ist ein wesentlicher Schwerpunkt des Buches. Auch sie wurden vom Unterricht ausgeschlossen, konnten fliehen oder wurden deportiert und umgebracht. Einige sind heute noch bekannt, sie wurden Protagonist:innen des Exiltheaters, wie Maria Becker und Margarete Fries in der Schweiz, die auch nach dem Exil bekannte Schauspielerinnen waren. Oder Martin Esslin, der ins Exil nach Großbritannien ging, dort in führender Position bei der BBC tätig war und zu einem viel beachteten Autor wurde; sein 1964 erschienenes Buch Das Theater des Absurden ist bis heute ein Standardwerk. Manche der geflohenen Studierenden bzw. Absolvent:innen haben im Exil auch in andere Berufe gewechselt.

Mir ist es darum gegangen, möglichst viele Lebenswege und Schicksale genau darzustellen, gerade auch von Personen, die heute vergessen sind. Die Vertreibung und Verfolgung der jüdischen Studierenden ist kein Nebenthema, sondern gehört wesentlich zur Geschichte des Seminars. Es gab übrigens unter dem NS-Regime auch vereinzelt Seminaristen, die Gegner des Nationalsozialismus waren. Einer davon war Fritz Lehmann, der zuerst die Schauspielklassen der Akademie besuchte, ehe er – durch die formale Zusammenlegung – ans Seminar kam und danach ans Burgtheater engagiert wurde. Lehmann gehörte der Widerstandsgruppe um den Klosterneuburger Augustiner-Chorherrn Roman Karl Scholz an. Er wurde, so wie die anderen Mitglieder der Gruppe auch, denunziert und eingesperrt, hat jedoch überlebt und nach 1945 wieder am Burgtheater gearbeitet. Ein anderer, Robert Freitag, kam aus der Schweiz und ging nach Absolvierung des Seminars ganz bewusst an das Zürcher Schauspielhaus, das als „Juden- und Kommunisten-Theater“ gebrandmarkt wurde. Es gab aber auch junge Seminaristen wie Rudolf Prack, die in diesen Jahren ihre Karrieren begonnen haben.

 

Helene Thimig (2. v. re.) spricht mit einer Gruppe Studierender, um 1949 © Max Reinhardt Seminar

 

Emil Geyer wurde 1942 im KZ Mauthausen erschossen. Anderen gelang die Flucht, Paul Kalbeck und Margit von Tolnai gingen etwa in die Schweiz, Ernst Lothar nach Amerika. Wie sah es dann 1945 aus? Holte man Lehrende zurück, oder war man eher bedacht, nicht an die Zeit vor März 1938 zu erinnern?
I Erinnerung ist ein komplexer Begriff, er konnte mit Nicht-Erinnerung, mit Verklärung und Schweigen verbunden sein und musste nicht unbedingt zu konsequentem Handeln führen. Oscar Deléglise, selbst Absolvent des Seminars und nach 1945 zunächst unter dem damaligen Leiter Hans Thimig für die Administration zuständig sowie von 1946 bis 1948 selbst Leiter, versuchte durchaus, Lehrende zurückzuholen, weil er sie benötigte und weil er das alte Reinhardt-Seminar wiederherstellen wollte. Der Sprechlehrer Zdenko Kestranek, der das Seminar 1938 ebenfalls hatte verlassen müssen, aber in Wien überlebt hatte, war einer der ganz wenigen, die nach 1945 wieder hier unterrichtet haben. Andere konnten und wollten von sich aus nicht mehr zurück. Ihnen wurden auch nur einige Stunden Lehrauftrag angeboten, von denen sie nicht leben hätten können. Die einstigen Arbeitsmöglichkeiten der vertriebenen Kolleg:innen waren zerstört.

Wie weit wurden die während des NS-Regimes Lehrenden nach 1945 belangt?
I Im formalen Sinn als Nationalsozialisten eingestuft wurden nicht viele Personen, darunter an erster Stelle Hans Niederführ, der zunächst seines Postens enthoben wurde und auch nicht weiter unterrichten durfte. Zur Verklärung der Rolle des Theaters gehörte allgemein die retrospektive Stilisierung: Man hat ja nur gespielt! Man hat nur das Theater hochgehalten! Aber dieses Theaterspielen entsprach den Richtlinien der NS-Theaterpolitik, die auf Erbauung und Unterhaltung setzte. Am Seminar ging es nach 1945, wie gesagt, um einen Rückgriff auf Max Reinhardt, der sicher richtig war, aber auch viel verdeckte, da nun vermeintlich alles wie vorher war. Die ausgegrenzten und verfolgten jüdischen Lehrenden wurden öffentlich nicht genannt. Der zum Leiter bestellte Hans Thimig sollte eine erkennbare Verbindung zu Max Reinhardt repräsentieren: Er hatte nicht nur mit ihm gearbeitet, sondern war der jüngere Bruder der Schauspielerin Helene Thimig, der Witwe von Max Reinhardt.

 

Max Reinhardt (Mitte) bei der Eröffnung des Unterrichts am 23. April 1929. © Max Reinhardt Seminar

 

Schließlich kam Helene Thimig auch als neue Leiterin an die Schule.
I Wobei man sie nicht nach Wien geholt hatte, um das Seminar zu leiten. Ihre Rückkehr wurde unter anderen von Ernst Lothar initiiert und organisiert, der als Kulturoffizier der US-Army nach Österreich zurückgekehrt war. Es wurde großes Aufsehen erzeugt: „Helene Thimig ist zurück!“ Das hing auch mit der bald einsetzenden Reinhardt-Verehrung, ja dem Reinhardt-Kult der Nachkriegszeit zusammen, Helene Thimig sollte jetzt gleichsam die „Repräsentantin“ Reinhardts sein. Diese Rolle hat sie auch umfassend übernommen.

Hier wie auch bei den Salzburger Festspielen.
I Sie war das „Gesicht“ des Seminars, eine Art „Allegorie der Wiederkehr“, wie ich es im Buch bezeichne. Hier wie bei den Salzburger Festspielen vertrat Helene Thimig den Versuch einer Konservierung der Arbeit von Max Reinhardt. Aber sie kam zugleich aus einer anderen Welt als jene Theaterleute, die unter dem NS-Regime weitergespielt und dieses gestützt hatten. So ließ sie US-amerikanische Stücke übersetzen, um sie im Rahmen von Seminar-Inszenierungen am Schlosstheater aufführen zu lassen. Das brachte ihr antiamerikanische Angriffe in der Presse von verschiedenen politischen Seiten ein.
1949 holte Helene Thimig einen aktiven und loyalen Assistenten, Heinrich Kraus, an ihre Seite, der sie in der administrativen Arbeit am Seminar unterstützte. Kraus war später am Burgtheater und am Theater in der Josefstadt in einflussreichen Positionen tätig. 1951 wurde ihr allerdings von der Akademieleitung und dem Unterrichtsministerium ein neuer Sekretär aufgezwungen: Hans Niederführ. Thimig wehrte sich zwar intern dagegen, konnte es aber nicht verhindern. Zugleich drängte man von amtlicher Seite Heinrich Kraus aus seiner Position.

Wie konnte es geschehen, dass Niederführ als NSDAP-Mitglied und Leiter des Seminars während des gesamten NS-Regimes 1951 zurückzukehren vermochte?
I Die Rückkehr ehemaliger Nationalsozialisten auf ihre Posten ist ein häufiger Vorgang in Österreich, da finden sich viele Beispiele. Er selbst hatte gute Kontakte zur Akademieleitung und ins Ministerium und ist strategisch vorgegangen. Zuvor schon hatte er übrigens erreicht, als „Minderbelasteter“ eingestuft zu werden. Er wurde nicht nur für die Administration wiederbeschäftigt, sondern es gelang ihm auch, zum Unterricht zugelassen zu werden. Und 1954 ist Niederführ dann als Nachfolger von Helene Thimig erneut Leiter des Seminars geworden. Nun ist er in der angemaßten Rolle eines ehemaligen engen Mitarbeiters von Max Reinhardt aufgetreten, galt als „Reinhardt-Spezialist“, hat Anekdoten über Reinhardt erzählt und sich auf diesen berufen. Niederführ ist ein Paradebeispiel des vollendeten Opportunismus, der nicht nur für das Seminar typisch war und ist.

1960 kommt mit Helmut Schwarz ein damals noch blutjunger neuer Leiter an das Seminar.
I Als Dramatiker und Regisseur hat sich Schwarz, ein katholisch geprägter Anti-Nazi, durchaus mit der NS-Zeit auseinandergesetzt. Am Seminar folgte er jedoch dem unausgesprochenen Schweigegebot, was die Geschichte des Instituts unter dem NS-Regime betraf. In seinem 1973 erschienenen Buch Max Reinhardt und das Wiener Seminar ging er nur kurz, vorsichtig und zurückhaltend auf die Zeit des Nationalsozialismus ein. In den ersten Jahren seiner Amtszeit arbeiteten am Seminar sowohl zurückgekehrte Exilanten wie Hans Jaray als auch ehemalige Nationalsozialisten wie Eduard Volters – über das Geschehene wurde nicht gesprochen.

Du bist selbst seit über 20 Jahren Professor für Dramaturgie am Max Reinhardt Seminar. Deine Forschungstätigkeit zur österreichischen Theater- und Literaturgeschichte, unter anderem mit Schwerpunkten auf der Zwischenkriegszeit und jüdischen Künstler:innen reicht noch wesentlich weiter zurück. Wie kam es zu dieser intensiven Auseinandersetzung?
I Forscherische Erkundungen zu diesen und anderen Themen setzten bei mir schon in der Studienzeit ein, abseits und gegen den universitären Lehrbetrieb, in dem damals nicht so viel zu erfahren war. Da ließe sich manches darüber sagen, allein schon über die Geschichte der Theaterwissenschaft im Nationalsozialismus und das Schweigen darüber, worüber ich damals gemeinsam mit Studienkolleg:innen eine Publikation verfasst habe. Meine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus begann jedenfalls früh, hinzu kam antipodisch die Beschäftigung mit der Literatur und dem Theater des Exils. Mit dem im Buch behandelten Zeitraum habe ich mich also kontinuierlich unter verschiedenen Aspekten beschäftigt. Meine eigentliche Beschäftigung mit der Geschichte des Max Reinhardt Seminars ist eingebettet in diese Interessen und doch zugleich ein besonderer Weg, auch ein besonders langer. Er lag für mich nahe – und so fern manches scheint, ist es doch von verborgener Präsenz. In den 1960er-Jahren ist es zwar zu gesellschaftlichen Veränderungen gekommen, die sich auch am Seminar bemerkbar gemacht haben. Vieles ist allerdings unverändert geblieben, und die Wirkungen der im Buch dargestellten Geschichte sind bis heute relevant. So gesehen muss man ein Interesse an der Gegenwart haben, um sich für diese Geschichte zu interessieren. Oder umgekehrt: Wer sich mit dieser Geschichte beschäftigt, interessiert sich für die Gegenwart. Ein wichtiges Thema des Buches ist auch der Antisemitismus, der ja in unserer Zeit wieder ein ungeheures Ausmaß erreicht hat.

Du hast bereits 2004 anlässlich der damaligen 75-Jahr-Feier Exil und Vertreibung der jüdischen Lehrenden thematisiert. Wie einfach oder schwer war es damals, auf die jüdische – und eben auch auf die NS-Vergangenheit dieses Instituts von Weltrang explizit hinzuweisen?
I Von der Leitung war damals eine pompöse Feier ohne jegliche entsprechende Verweise geplant, nur Max Reinhardt wäre vorgekommen. Die Beschwörung einer triumphalen Geschichte, ohne Brüche, von der man ohnehin nichts wissen wollte, wäre dabei der Tenor gewesen. Ich habe das stark kritisiert. Durch einen unverhofften Leitungswechsel, neuer Leiter wurde Günter Einbrodt, ließ sich diese Feier dann aber doch noch umfunktionieren. Nun konnte die Thematik der Vertreibung der jüdischen Lehrenden und Studierenden ins Zentrum gestellt werden. Es gelang mir, mit ehemaligen Studierenden bzw. Absolvent:innen, die ins Exil geflüchtet waren, Kontakt aufzunehmen. So erinnerte sich etwa die Schauspielerin Maria Becker im Schlosstheater an vertriebene Lehrende wie Paul Kalbeck. Auch konnte ich erreichen, dass eine Erinnerungstafel an die 12 entlassenen und verfolgten Lehrenden im Foyer des Schlosstheaters angebracht sowie mit der Publikation Die vergessenen Jahre an sie erinnert wurde. Unterstützt wurde ich bei der Veranstaltung vom ehemaligen Burgtheater-Direktor Achim Benning, der hier Professor für Regie war, sowie von Studierenden und wenigen Mitarbeiter:innen, wie Susanne Gföller. Benning hielt die entsprechende Festrede. Was die Wirkung nach außen betrifft, kann man von einer sehr guten Resonanz sprechen. Es gab aber erhebliche Widerstände von Lehrenden, bis hin zur offen geäußerten Entrüstung, dass man dem Jubiläum geschadet habe. Eine beliebte Argumentation war auch, dass es nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft gehen müsse. Meine Forschungen habe ich durchaus lange Zeit gegen die herrschenden Tendenzen des Hauses betrieben. 2022 konnte ich gemeinsam mit Christina Kramer im Wintergarten des Seminars eine Dauerausstellung zur Thematik einrichten. Da war die Situation bereits anders, die Ausstellung fand Akzeptanz, obwohl es auch hier Stimmen gab, die diese missbilligten. Solche Schwierigkeiten gehören freilich zur Normalität in österreichischen Institutionen, was die Verweigerung einer schonungslosen Kenntnisnahme ihrer Geschichte betrifft. Da darf man sich nicht beirren lassen.


Peter Roessler, Theater- und Literaturwissenschaftler, Professor für Dramaturgie am Max Reinhardt Seminar der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, Vorsitzender der Theodor Kramer Gesellschaft – Institut für Literatur und Kultur des Exils und des Widerstands sowie Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung. Redakteur von Zeitschriften, Vorträge, Jury-Tätigkeit, Ausstellungen. Beiträge zum Theater der 1920er- und 1930er-Jahre, des Exils, der Nachkriegszeit, der 1970er- und 1980er-Jahre, zu Literatur, Film und zum zeitgenössischen Theater. Aufsätze u. a. zu Berthold Viertel, Otto Basil, Paul Kalbeck, Max Reinhardt, Arthur Schnitzler, Robert Musil, Alfred Polgar, Ferdinand Bruckner, Hans Weigel, Václav Havel, Angelika Hurwicz. Herausgeber von Theodor Kramer: Ausgewählte Gedichte (gem. mit Karl Müller, 2018), Wir lagen in Wolhynien im Morast … Und weitere Gedichte zum Ersten Weltkrieg (2023) sowie von Achim Benning: In den Spiegel greifen. Texte zum Theater 1976–2023 (2024)

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