„Wer sind wir und was“

Auserzählt erscheint das Leben Barbara Honigmanns, wenn man ihr Werk seit Jahrzehnten lesend verfolgt. Mit Mischka hat die vielfach ausgezeichnete deutsch-jüdische Autorin ihren größtenteils autofiktionalen Romanen nun ein dreiteiliges Generationenbuch hinzugefügt.

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Foto: Anita Pollak

Ihrer schillernden Mutter, der Wiener Jüdin Lizzy Friedmann, in erster Ehe mit dem legendären Doppelagenten Kim Philby verheiratet, galt Ein Kapitel aus meinem Leben, deren zweitem Mann, dem Journalisten Georg Honigmann, ihr Vaterbuch Georg. Im englischen Exil, in das beide als Juden geflüchtet waren, hatten sich die Eltern kennengelernt und waren nach dem Krieg als überzeugte Kommunisten nach Ostberlin zurückgekehrt, wo die 1949 geborene Barbara in den Kreisen des hohen Parteiadels sehr privilegiert aufwuchs. Großeltern und andere Verwandte waren umgekommen, und so ersetzte dieser ideologisch gleichgeschaltete „Kosmos“, dem sein Judentum ebenso selbstverständlich wie unwichtig war, dem heranwachsenden Mädchen die Familie.

Immer wieder und in verschiedenen Zusammenhängen beschreibt Honigmann dieses sie prägende menschliche „Universum“. Aus ihren bürgerlichen Elternhäusern in Deutschland oder Wien schon vor dem Krieg revolutionär ausgebrochen, als Juden und Kommunisten doppelt bedroht und verfolgt, waren sie alle mehrfach Opfer geworden.

In Mischka porträtiert Honigmann nun eine Figur aus diesem Kreis und ergänzt ihren Band mit zwei kürzeren, Freunden gewidmeten Kapiteln.

„Moskauer Mutter“ 1905 in eine wohlhabende jüdische Familie in Riga geboren und 2005 in Köln gestorben, hat die zärtlich „Mischka“ genannte Wilhelmine ihr Jahrhundert wahrhaft durchlitten. Geschunden in sowjetischen Gulags, überlebt sie die Kriegsjahre. Danach, obwohl „rehabilitiert“, noch ein weiteres Jahrzehnt in einem Dorf quasi gefangen, gehört sie in den frühen 1970er-Jahren in Moskau der politisch verfolgten Dissidentenszene an.

In ihrer kleinen Zweizimmerwohnung bot sie als „Moskauer Mutter“ ihrer „Dotschenka“, dem „Töchterchen“ Barbara, bei deren Moskauer Studienaufenthalten liebevoll Kost und Quartier und in ihrer immer bevölkerten Küche reichlich Gelegenheit für Begegnungen mit prominenten Intellektuellen wie Jewgenjia Ginsburg und Lew Kopelew. Letzterer traf bei Mischka auch Heinrich Böll, in dessen Kölner Haus sie 1975 dann ihren ersten, von ihr tot geglaubten Mann, den mehrfach inhaftierten hochrangigen deutschen Kommunisten Kurt Müller, nach 44 Jahren wieder treffen sollte.

Im empathisch nachgezeichneten Lebenslauf der geliebten Wahlverwandten spiegelt Honigmann, wie sie es fast immer tut, persönlich erlebte Zeit – und Gesellschaftsgeschichte. Mischka präsentiert vor allem die der kommunistisch bewegten jüdischen Genossen zwischen Hitler und Stalin, die nach dem Verlust ihrer Verwandten und all ihrer Illusionen nur schwer zurück in eine Art Normalität fanden, ein Schicksal, das Honigmann aus dem elterlichen Umfeld in verschiedenen Varianten wohl vertraut war.

Mischka präsentiert die kommunistisch
bewegten jüdischen Genossen
zwischen Hitler und Stalin.

„Zwischengeneration“ Einem alten Paar, Max und Yvette, das die Autorin nach ihrer Übersiedlung in den 80er-Jahren in Strasbourg kennenlernt, ist ein zweiter Abschnitt gewidmet. Einer „Zwischengeneration“ zwischen ihr und ihren Eltern gehören die beiden an und auch einer jüdischen Welt, in die Honigmann entschlossen einwandert, um ihr „defizitäres Judentum“ in Berlin hinter sich zu lassen. Als „Kulturschock“ erlebt sie dabei in Strasbourg die Begegnung mit den verschiedenen jüdischen Milieus von Sepharden, alteingesessenen aschkenasischen Elsässern und verschiedentlich „angespülten“ Juden aus Osteuropa, zu denen auch Max und Yvette zählen. Von den Gräueln der französischen Lager, vom Verstecken und Flüchten, von wundersamen Rettungen, dem Schwur ihrer Mutter, zeitlebens an einem Tag der Woche zu fasten, sollte sie überleben, erzählt Yvette bei ihren Einladungen zum Schabbes, dessen Highlight immer der originale Gefilte Fisch ist, den sie noch als 90-Jährige kunstvoll zubereitet.

„Zweite Generation“ Wege ihrer eigenen, der so genannten „Zweiten Generation“ betrachtet die 77-jährige Autorin im abschließenden Text Peter Thomas Klaus Wolfgang. Unauffällige Namen, von den im Nachkriegsdeutschland um Assimilation bemühten Eltern für ihre Söhne gewählt, die dann trotzdem, jeder auf seine Art, mit Identitätsproblemen zu kämpfen haben.

Barbara Honigmann: Mischka. Drei Porträts.
Hanser 2026, 112 S., € 22.70

„Wer sind wir und was“, wie definieren wir uns abseits der Tatsache, Juden nach der Schoa, Kinder von irgendwo, irgendwie Überlebenden zu sein, ist dieser Generation ganz ohne Fragezeichen eingeschrieben. Von den schweigenden Eltern waren keine Antworten zu erwarten, „Kulturjuden“, wie die aus dem Exil zurückgekehrten Honigmanns waren eher mit dem Aufbau des Sozialismus beschäftigt und ihre Kinder damit, es ihnen rechtzumachen.

Nicht alle Nachkommen überstehen so etwas ohne Beschädigung, und jeder von uns kennt tragische Beispiele solch später Opfer.

Bewusst unidentifiziert und damit exemplarisch belässt Honigmann die Protagonisten aus ihrem Umfeld von Schreibenden. Wie ein Lehrbeispiel für das generationsübergreifende Trauma aus der NS-Zeit wirkt der nur Th. genannte Sohn einer schwer traumatisierten jüdischen Mutter, der den Großvater, ein prominenter ostdeutscher Publizist, bei dem er aufwächst, vergöttert und letztlich an seinem Erbe zerbricht.

Im Selbstmord oder frühen Tod enden viele der erwähnten Söhne nach einem Leben im langen Schatten der Schoa. Töchter erscheinen da oft resilienter. Barbara Honigmann, eine von ihnen, hat mit diesem Freundesbuch wiederum ein Kapitel aus ihrem Leben erzählt.

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