Wettlauf mit der tickenden Uhr

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Der Nobelpreis eine „Glückskatastrophe“, die Ehrungen eine Qual, das Alter Demütigung, der Körper Leiden, das Schreiben Kampf, das Leben ein Warten auf den Tod. Imre Kertész’ Tagebuchband Letzte Einkehr wird wohl sein letztes Buch sein. Von Anita Pollak.

Ein Mensch mit Geschmack lebt in meinem Alter nicht mehr, schreibt Imre Kertész im Mai 2009 in sein Exit-Tagebuch. Seit einiger Zeit lebt der jetzt 84-Jährige wieder in Budapest, wohin er nach seinen Berliner Jahren eigentlich nie mehr zurückkehren wollte. Seine Wohnung in Buda kann er, unter Parkinson leidend, ebenso wenig verlassen wie das verhasste Land. Wenn man seine letzten Tagebücher gelesen hat, weiß man, dass das für ihn eine tragische Kapitulation sein muss.

Die Welt bereitet sich auf die Vernichtung Israels vor und bald auf die Ausrottung des übrigen Judentums.

Von außen betrachtet wäre dieses knappe Jahrzehnt von 2001 bis 2009, in dem er an der Seite einer liebenden Ehefrau zumeist in seinem geliebten Berlin leben konnte, in dem er die höchste Auszeichnung der Weltliteratur erhielt, mit Wertschätzung überhäuft wurde, sich in den schönsten Hotels aufhielt, seinen Computer bezwang und in Sternstunden immer noch schöpferisch tätig war, wahrscheinlich ein glückliches zu nennen. Als „Kertész de luxe“ sieht er sich selbst denn auch in den raren Momenten, wenn ihm diese Außensicht gelingt und er das gute Leben genießen kann, in Madeira, in Gstaad, in eleganten Lokalen am Kurfürstendamm, in Opern und Konzertsälen, wohin ihn Freunde wie Daniel Barenboim und András Schiff einladen.

Gnadenlose Sicht

Meist aber gewinnt sein Pessimismus, oder soll man sagen Realismus, jedenfalls eine gnadenlose Sicht auf sich selbst und die Verhältnisse in der Welt Oberhand. Wie es einem, der mit 15 Jahren nach Auschwitz deportiert und ein Jahr später in Buchenwald befreit wurde, der Kommunismus und Judenhass in Ungarn erlebte, wohl zugebilligt werden muss. Klarsichtig entlarvt er den als Israel-Kritik getarnten Antisemitismus und sieht tiefschwarz in die Zukunft.

Imre Kertész:  Letzte Einkehr.  Tagebücher 2001–2009. Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm. Rowohlt 2013, 464 S.,  25.70 EUR
Imre Kertész:
Letzte Einkehr.
Tagebücher 2001–2009.
Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm.
Rowohlt 2013,
464 S., 25.70 EUR

Die Welt bereitet sich auf die Vernichtung Israels vor und bald auf die Ausrottung des übrigen Judentums, notiert er im August 2006.

Seine Rolle als literarische und moralische Instanz, als Held der Erinnerungskultur und Gedenktagsredner macht ihn zunehmend „holocaustmüde“. Sogar den „Literarischen Hauptgewinn“ 2002 glaubt er nicht zuletzt dieser Rolle zu verdanken und leidet nicht nur unter den „erwürgenden Anforderungen des Ruhms“, sondern vor allem in Ungarn noch vehementer unter Neid und Missgunst: Noch nie im Leben habe ich soviel Niedertracht erfahren wie seit der Verkündung meines Nobelpreises.

Ungarn, dieses „verlorene Land“, war und ist ihm nie Heimat geworden, obwohl er gesteht, aus dieser Brühe, diesem Sumpf seinen Stoff zu schöpfen. Zur ungarischen Literatur will er aber nicht gehören, vielmehr reiht er sich ein in die jüdische Literatur Osteuropas, die von der Ausrottung der europäischen Juden erzählt. Doch auch seine jüdische Identität ist keine ganz ungebrochene, religiös ist er nie gewesen, am ehesten fühlt er sich als „Galut-Jude“, dessen starke emotionale Bindung zu Israel in vielen eindeutigen Äußerungen spürbar wird. Hoffentlich nicht prophetisch, aber klug und hellsichtig sind diese Bemerkungen wie überhaupt seine politischen und historischen Einschätzungen.

Letztlich ist dieses Diarium aber nicht nur die sehr persönliche Chronik eines kritischen Zeitgenossen, sondern auch ein literarisches Arbeitsprotokoll, in dem ein Schriftsteller bei schwindender Schaffenskraft verzweifelt um sein Werk ringt. Den Roman Liquidation kann er noch beenden, die Verfilmung seines Roman eines Schicksallosen begleiten, am Dossier K. arbeiten. Seine Parkinson-Erkrankung macht ihm jedoch das gewohnte Schreiben unmöglich, Kämpfe mit dem Computer rauben ihm wertvolle Arbeitszeit, Müdigkeit, Depressionen, Schlaflosigkeit die Lebenslust. Das Schreiben: ein Wettlauf mit der tickenden Uhr, stellt er bereits 2003 fest.

Trost, Freude, ja Glück findet Kertész in der Musik, bei Mahler, Schönberg, Bartók. Mit seinem Landsmann György Ligeti verband ihn in dessen letzten Lebensjahren ein zwiespältiges persönliches Verhältnis.

Auch nicht immer reibungslos gestaltet sich der Ehealltag mit Magda, seiner zweiten Frau und offenbar der großen Liebe seines späten Lebens. Sie zieht es nach Budapest zu Sohn und Enkelkindern, er aber kann mit Familie und „Fortpflanzung“ überhaupt nichts anfangen und verlässt Berlin, wo er sich zu hause fühlt, nur widerwilligst.

Da nur Schreiben für ihn eigentlich Leben bedeutet, alles andere empfindet er als trivial, führt ihn seine abnehmende Leistung, die er so gnadenlos registriert wie seinen körperlichen Verfall, näher an den Tod heran. Dabei wird die ständige Todeserwartung und Todesbereitschaft ein immer dominanteres Leitmotiv dieses „Todestagebuchs“, das mit dem letzten Wort „Exit“ im Sommer 2009 verstummt.

Ein erschütterndes, tief berührendes, altersweises Buch, das man nur schwer aus der Hand legen kann. Es ist gleichsam Imre Kertész’ eigener Nachruf zu Lebzeiten, der rückblickend auch sein gesamtes großes Werk vom Ende her anleuchtet.

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