Who the fuck is Herzl?

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Eine abenteuerliche Zugreise in die israelische Psyche von Jung und Alt. Der schmale Grat zwischen Hashtag und Trashbag und was Armin Wolf damit zu tun hat. Und die alles entscheidende Frage: Ist der Zug schon abgefahren? Von Iris Lanchiano.

Kurz vor der Station Akko kam der Zug zum Stehen. Man konnte die nächste Station zwar schon sehen, aber bis zur Einfahrt hat es der Zug nicht mehr geschafft. Es vergingen ein paar Minuten, bis mich der Soldat gegenüber mit fragenden Blicken anschaute. Es kam noch keine Durchsage, also zuckte ich mit den Achseln.

Neben mir saß ein junges Mädchen, geschätzte 16. Die ganze Zugfahrt durfte ich mithören, wie sie mit ihrer Freundin am Telefon den Instagram-Account, oder wie es in Israel oft liebevoll heißt „Instusch“, eines Mitschülers analysierten. Die Foto- und Video-Applikation für Smartphones ist hier der Renner. Mit so genannten Hashtags, Schlagwörter gekennzeichnet durch das Doppelkreuz (#), werden Fotos beschrieben, untergeordnet und gegenwärtige Stimmung ausgedrückt. Fortgeschrittene wissen sofort, was gemeint ist, wenn von Food Porn und Selfie-Wahn gesprochen wird. Ich hörte ein Gespräch mit, das ich lieber nicht mitgehört hätte.

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fuckherzl„Walla, ich hab’ so viel Hausübung bis morgen und noch dazu soll ich irgendwas lesen von Theodor Herzl. Wen interessiert das? Ja, ja, genau dieser Kongress oder sowas. Ich hab doch keine Ahnung, wie das Buch heißt, das er geschrieben hat. Meine Lehrerin redet und redet, und ich denke mir nur: Who the fuck is Herzl?

Nein, nein dachte ich mir, ich habe nicht richtig gehört. Ich wollte mir die Ohren zuhalten, und dann musste ich an Armin Wolf denken. Er sprach im Rahmen der Theodor-Herzl-Dozentur für Poetik des Journalismus an der Universität Wien über die Zukunft traditioneller Medien. Traditionelle Inhalte und moderne Technologien würden Herzl in der heutigen Zeit zu einem Blogger machen.

Mit welchen Hashtags könnte man das junge Mädchen für Theodor Herzl begeistern?

Mit einem #Selfie?-Herzl beim Selbstporträt am Balkon des Hotels „Drei Könige“ in Basel mit gespitzten Lippen. Nickname: HipsterHerzl? Einer Vor-Ort-Berichterstattung? Check – in: Paris #DreyfusProzess #EsmusseinenJudenstaatgeben #YOLO-WennihrwolltisteskeinMärchen?

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Die Instamania hat sich bis zu den offiziellen Stellen des israelischen Militärs durchgekämpft, wo man sich Ins­tagram-Tagebücher der Soldaten online anschauen kann. Kein Witz.

Durch die Lautsprecher kam dann die bereits vermutete Durchsage. „Der Zug wird eingezogen, bitte alle den Zug Richtung Norden verlassen.“ Alle Fahrgäste bewegten sich in Richtung Ausgang. Parallel wartete ein zweiter Zug, um uns zwischen den Stationen auf den Bahngleisen abzufangen. Alte Menschen, Schwangere, Kinderwagen, Koffer, Soldaten. Alle mussten über externe Leitern in den Zug umsteigen. Eine ältere Dame hinter mir sprach ihre erste Assoziation laut aus: „Das ist ja wie Auschwitz“! Und ich sah, dass sie das aussprach, was sich viele dachten.Während das überfreundliche Zugpersonal uns half, die Gleise zu passieren, hörte ich das Wort „Auschwitz“ von allen Seiten. Und natürlich die fleißigen Instagram-Fotografen, die ohne mit der Wimper zu zucken draufhalten mit der Kamera, wo die Action passiert.

Nach einer Stunde ging es dann weiter. Ich war schon spät dran und musste es noch zu den Öffnungszeiten des Ministeriums schaffen. Dort angekommen, holte ich erstmal tief Luft. Die Beamtin fragte mich, warum ich so außer Atem sei, und ich erklärte ihr, dass die Station geschlossen worden war und wir alle umsteigen mussten. „Der Zug konnte wegen eines verdächtigen Gegenstandes nicht in der nächste Station einfahren.“ Sie schaute mich an, während sie mit ihren langen Kunstfingernägeln meine Daten in den Computer eingab, und sagte trostlos zu mir: „Motek, gewöhn’ dich dran.“

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