
WINA: Der 7. Oktober 2023 hat durch den massiven Anstieg des Antisemitismus auch die täglichen Herausforderungen für die Meldestelle verändert. Wie sieht heute der Alltag aus – was gilt es alles zu leisten?
Johannan Edelman: Die Meldestelle wurde 2019 gegründet, kurz darauf begann die COVID-Pandemie. Schon damals waren wir mit Herausforderungen konfrontiert: Da war zum einen der Anstieg von Antisemitismus, Stichwort Verschwörungstheorien. Da konnten wir zum anderen phasenweise nicht im Büro arbeiten, das war in Bezug auf Daten- und Vertrauensschutz eine sehr große Herausforderung.
Mit dem 7. Oktober 2023 wurden die Herausforderungen aber nochmals auf eine andere Ebene gehoben – von der Quantität der gemeldeten Fälle, von der Qualität der Vorfälle, aber auch, weil wir als Mitarbeiter der Meldestelle selbst durch das, was passiert ist, betroffen waren. Wir sind ein kleines Team von drei Mitarbeitern, zusammengerechnet aber mit weit weniger als drei Vollzeitstellen, und wir haben es mit einer Verdoppelung der Fälle zu tun, sowohl von der Zahl her als auch von der Schwere der Vorfälle. Die psychische Belastung vieler Meldenden hat außerdem spürbar zugenommen.
Johannan Edelman, geb. 1978 in Wien, Studium der Handelswissenschaften. Seit mehr als 25 Jahren in der Antisemitismusarbeit tätig, unter anderem als Leiter des früheren Forums gegen Antisemitismus. 2019 Mitwirkung an der Gründung der Antisemitismus-Meldestelle, seit 2025 deren Leiter.
Jeder Vorfall, der gemeldet wird, wird von euch auf Basis der IHRA-Definition geprüft. Wie hoch ist das Meldeaufkommen insgesamt – und wie viel Prozent finden dann Eingang in die Statistik beziehungsweise den Bericht?
I Wir führen dazu keine eigene Statistik, aber es waren sicher mehr als 2.000 Meldungen – 1.532 davon wurden von uns als klar antisemitisch eingestuft.
Auch wenn Statements oder Vorfälle laut IHRA-Definition nicht antisemitisch sind, haben sie bei jenen, die sie melden, etwas ausgelöst und können belastend sein. Wie unterstützen Sie dann dennoch?
I Wir versuchen dann, die Betroffenen, die ja tatsächlich etwas Verstörendes erfahren haben, dahingehend zu beraten, an wen sie sich mit diesem konkreten Problem wenden können. Meistens wissen die meldenden Personen nicht, welche Möglichkeiten es hier gibt. Wir verweisen also an Organisationen und Stellen, die im jeweiligen Fall helfen können und wo wir überzeugt sind, dass die Personen Unterstützung bekommen.
„[…] mit dem massiven Anstieg an Antisemitismus
ist ein gewisser Gewöhnungs-
und Abstumpfungseffekt dazugekommen.“
In dem heurigen Bericht wird einmal mehr auf die potenziell hohe Dunkelziffer antisemitischer Vorfälle hingewiesen – das hängt auch mit einem Gewöhnungseffekt zusammen. Warum ist es wichtig, dass Juden und Jüdinnen, aber auch alle anderen Menschen, denen Antisemitismus widerfährt oder unterkommt, das melden?
I Das Dunkelfeld ist im Bereich Meldung von antisemitischen Vorfällen immer schon ein Problem gewesen. Seit ich in diesem Bereich tätig bin, und das sind mehr als 25 Jahre, zerbrechen wir uns den Kopf darüber, wie man die Dunkelziffer senken kann. Das Problem konnte bisher leider weltweit nicht gelöst werden. Nach dem 7. Oktober 2023 mit diesem massiven Anstieg an Antisemitismus ist ein gewisser Gewöhnungs- und Abstumpfungseffekt dazugekommen. Wir merken, wenn Menschen über Vorfälle sprechen, dass Dinge, die noch vor ein paar Jahren verstörend angekommen wären, heute fast schon als Normalität empfunden werden.
Dennoch ist es wichtig, jeden antisemitischen Vorfall zu melden. Einerseits können wir Betroffene nur unterstützen, wenn sie sich an uns wenden. Andererseits geht es aber auch darum, dass die unterschiedlichen Stakeholder von Politik bis Justiz und Exekutive sehen, wie die Situation ist. Nur dann können auch entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Was ich hier auch unterstreichen möchte: Nach einem gemeldeten Vorfall mit einem Uber-Fahrer konnten wir im Gespräch mit der Uber-Leitung erreichen, dass sich das Unternehmen überlegt, wie es dagegen arbeitet. Das ist eines von vielen Beispielen, das zeigt, dass eine Meldung etwas bewirken kann.
Nach der Veröffentlichung des Berichts für 2025 fiel wieder einmal auf: Medien berichten darüber – und dann sind die Foren darunter, aber auch die Social-Media-Seiten wieder überflutet mit antisemitischen Kommentaren. Wie geht eine Meldestelle damit um?
I Natürlich bekommen wir als Meldestelle mit, was dann da und dort gepostet wird. Das wird uns auch jedes Mal umgehend gemeldet. Wozu wir dann raten, ist, die jeweilige Redaktion darauf aufmerksam zu machen beziehungsweise das auf der jeweiligen Plattform zu melden. Wir melden selbst auch, und wir leiten strafrechtlich relevante Inhalte an die zuständigen Behörden weiter.
Wenn Medien, vor allem reichweitenstarke Medien, antisemitische Inhalte stehen lassen, ist das jedenfalls sehr problematisch. Ich denke da vor allem auch an jüdische Jugendliche, die zum Beispiel ihren Nachrichtenkonsum über die Social-Media-Accounts der Zeit im Bild-Redaktion abdecken und dann nicht nur feindselige, sondern grotesk antisemitische Kommentare lesen müssen. Was macht das mit jungen Menschen? Medienunternehmen wären wirklich in der Pflicht, hier etwas dagegen zu unternehmen. Da darf man die Verantwortung nicht nur auf die Plattform-Betreiber schieben.
Neuer Höchststand
Die Antisemitismus-Meldestelle der IKG Wien registrierte 2025 1.532 antisemitische Vorfälle. Der Wert liegt leicht über den Zahlen für 2024 und bildet damit einen neuen Höchststand an Vorfällen ab, die gemeldet und auf Basis der Antisemitismus- Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) auch als antisemitisch eingestuft wurden.
Konkret handelte es sich um 19 physische Angriffe, 27 Bedrohungen, 205 Sachbeschädigungen, 439 Massenzuschriften und 842 Fälle von verletzendem Verhalten. Im Jahresdurchschnitt waren es 4,2 Fälle (2024: 2,13 Fälle, Zeitraum vom 7. Oktober 2023 bis Ende 2023: 8,13, 2023 vor dem 7. Oktober: 1,55). Sieht man sich die Erscheinungsformen an, war Israel-bezogener Antisemitismus mit 1.186 Fällen am häufigsten. Shoah-Relativierung und -Leugnung lag in 625 Fällen vor, antisemitisches Othering in 750, wobei jeder Vorfall in mehrere Kategorien fallen kann.
Antisemitismus zieht sich zudem durch alle ideologischen und weltanschaulichen Milieus. 28 Prozent der zuordenbaren Fälle waren im linken Milieu zu verorten, 20 Prozent im rechten, 24 Prozent im muslimischen. Der Rest konnte ideologisch nicht zugeordnet werden.
„Der antisemitische Tsunami nach dem 7. Oktober hat sich in eine anhaltende Überflutung verwandelt“,
sagte IKG-Präsident Oskar Deutsch bei der Präsentation des Berichts. Gleichzeitig merkte IKG-Generalsekretär Benjamin Nägele aber auch an: Man stehe im internationalen Vergleich etwas besser da, weil in Österreich Enormes geleistet werden, um jüdisches Leben zu schützen. Ohne diesen Schutz sei jüdisches Leben im Alltag aber nicht mehr möglich. Das sei „ein unerträglicher Zustand, ein Ausnahmezustand, an den wir uns nicht gewöhnen wollen“.
























