Für Generationen von Israelis gehörte dieser Ruf ebenso zum Sommer wie das Mittelmeer, Sonnenschirme und das Rauschen der Wellen. Kaum ein anderes Lebensmittel ist so eng mit Kindheitserinnerungen verbunden wie das legendäre Artic-Eis.
Israel zählt seit Jahrzehnten zu den Ländern mit dem weltweit höchsten Pro- Kopf-Verbrauch von Speiseeis. Diese Begeisterung für Eis hat historische Wurzeln. Mit den jüdischen Einwanderern aus Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten kamen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreiche kulinarische Traditionen ins Land. Jede Gruppe brachte ihre eigenen Desserts und Geschmackserlebnisse mit. Daraus entwickelte sich bereits in den 1930er-Jahren eine kleine, aber lebendige Eisindustrie.

Den entscheidenden Durchbruch erlebte die israelische Eisbranche jedoch erst nach der Staatsgründung. Ein Produkt, das ursprünglich gar nicht aus Israel stammte, wurde zum Sinnbild dieser Entwicklung: das Eis am Stiel.
Die Geschichte des „Eis am Stiel“. Im Winter des Jahres 1905 ließ der elfjährige Frank Epperson im kalifornischen San Francisco über Nacht ein Glas mit Limonadenpulver, Wasser und einem Holzrührstab im Freien stehen. Am nächsten Morgen war die Flüssigkeit gefroren. Der Junge zog die gefrorene Masse am Holzstab heraus und hielt somit das erste Eis am Stiel in der Hand. Aus seinem „Epsicle“ entwickelte sich später das bekannte „Popsicle“, das Epperson 1924 patentieren ließ und das bald weltweit Nachahmer fand.
Israelische
Eismanufakturen:
Anita Gelato, Tel Aviv
Arte Glideria, Tel Aviv
Buza
Eissalon, Haifa
Endomela , Acco
Gelato Delicato, Haifa
Glida Machane Yehuda, Jerusalem
Golda Flavor Boutique
Iceberg
Leggenda, Kibbuz Yotvata Park
Mousseline, Jerusalem
Tamara Yogurt, Tel Aviv
Dazu zählte auch die belgische Marke Artic. Anfang der 1950er- Jahre kam das erfolgreiche Produkt nach Israel. 1951 erwarben israelische Unternehmer mit staatlicher Unterstützung die Rechte, die Maschinen und das Fachwissen der belgischen Firma und gründeten in Bat Yam eine moderne Eisfabrik.
Das erste Artic-Eis aus Israel war ein cremiger Block aus Vanille an einem Holzstiel, überzogen mit einer feinen Schokoladenschicht. Verpackt wurde das Eis in silberblauer Aluminiumfolie mit kleinen Eisbären als Markenzeichen.
Das Unternehmen baute ein landesweites Vertriebsnetz auf. Berühmt wurden vor allem die mobilen Strandverkäufer, die mit schweren Kühltaschen kilometerweit durch den heißen Sand liefen. Ihr Ruf „Artic!“ wurde zur akustischen Untermalung israelischer Sommerferien.
Der Erfolg war maßgeblich auf die Innovationsfreude der Firma zurückzuführen. Während andere Hersteller überwiegend Geschmacksrichtungen wie Vanille, Schokolade oder Erdbeere anboten, experimentierte Artic bereits früh mit lokalen Zutaten und orientalischen Aromen. Halva, Datteln oder Safran wurden ebenso in das Eis integriert wie raffinierte Kombinationen mit Pistazien oder traditionelle Süßspeisen des Nahen Ostens. Das Sortiment spiegelte die kulturelle Vielfalt Israels wider.
Nach einer Fusion Ende der 1950er- Jahre mit dem Konkurrenten Kartiv aus Petach Tikwa kam ein weiterer Klassiker auf den Markt: die Cassata. Das mehrschichtige Eiscremesandwich entwickelte sich schnell zum Kultprodukt. An Israels Stränden war von nun an nicht nur „Artic“ zu hören, sondern: „Artic, Kartiv, Cassata!“

Der wirtschaftliche Erfolg war jedoch nicht ohne Rückschläge. 1961 erschütterte ein großer Steuerhinterziehungsskandal das Unternehmen. Polizei und Finanzbehörden durchsuchten Produktionsstätten und Geschäftsräume von Artic- Kartiv und deckten den damals größten Steuerbetrugsfall der israelischen Wirtschaft auf. Dennoch hatte dies kaum negative Auswirkungen auf die Beliebtheit des Eises, das weiterhin ein Symbol für die Kindheit und die junge Nation war.
Von Artic zu Anita – Israels kreative Eisrevolution. Heute kombinieren israelische Eishersteller die italienischen Gelato-Traditionen mit Geschmacksrichtungen aus dem Mittelmeerraum und der Levante, um außergewöhnliche Eissorten zu kreieren.
Während andere Hersteller überwiegend Geschmäcker
wie Vanille, Schokolade oder Erdbeere anboten,
experimentierte Artic bereits früh mit lokalen Zutaten
und orientalischen Aromen.
So verwandeln Eismacher den würzigen Frischkäse Labane, das Kräutergewürz Zaatar oder sogar frisch gebackene Pita in cremiges Gelato. Andere mischen süße Wassermelone mit salzigem Bulgarit- Käse oder verfeinern ihr Eis mit bestem Olivenöl und karamellisierten Kirschtomaten. Selbst Kombinationen wie Basilikum mit Mozzarella, Orange mit Olivenöl und schwarzem Salz oder Kurkuma finden ihren Platz in der Eiskreation. Auch traditionelle Süßigkeiten dienen als Inspiration.
Halva aus Sesam, Rugelach, Alfajores oder kandierte Pekannüsse werden in cremige Nachspeisen verwandelt. Außerdem gibt es neuartige Varianten wie schwarzen Sesam, grünen Tee, Wasabi oder Arabica-Kaffee. Andere Hersteller setzen auf fruchtige Sorbets aus Ananas, Mango oder der in Israel weit verbreiteten Kaktusfeige, der „Sabra“.
Besonderes Geschmackserlebnis. Besonders charakteristisch sind Geschmacksrichtungen, die man außerhalb Israels kaum findet. Dazu zählt Bamba-Eis, benannt nach den bekannten Erdnussflips, sowie Arak-Eis, das den Geschmack des anisbetonten Nationalgetränks in ein erfrischendes Dessert verwandelt. Gesalzene Cashewkerne, Datteln, Pistazien und Safran repräsentieren die Vielfalt regionaler Zutaten und verdeutlichen, wie eng die israelische Küche mit der Herstellung von Eiscreme verbunden ist.

Viele dieser Kreationen entstehen in kleinen Eismanufakturen. In Haifa experimentieren italienische Gelatiere mit mediterranen Zutaten, in Jerusalem verbinden Eiskonditoren französische und italienische Traditionen mit Produkten regionaler Bauernhöfe, während Tel Aviv als Ort für immer neue Geschmacksexperimente gilt. Die israelische Speiseeisszene versteht sich dabei nicht nur als Handwerk, sondern als kulinarische Kreativwerkstatt.
Den internationalen Erfolg schaffte jedoch ein Familienunternehmen aus Tel Aviv. Anita Gelato entstand aus der Leidenschaft für Eis von Anita Avital und ihren Söhnen Nir und Adi. Bereits in den 1990er-Jahren experimentierten Mutter und Sohn in ihrer Küche in Netanja mit eigenen Rezepturen. Was als Hobby begann, führte im Jahr 2002 zur Eröffnung des ersten Geschäfts im Tel Aviver Stadtteil Neve Tzedek und in der Folge zu einem Unternehmen, das heute zu den erfolgreichsten israelischen Lebensmittelmarken gehört.
Anita Gelato expandierte nach Australien, Spanien, Zypern, Puerto Rico, Großbritannien und in die Vereinigten Staaten. Heute betreibt Anita mehr als 160 Filialen weltweit und bietet über 170 Eissorten an.
Kreative Gelatieri. Doch Eis steht in Israel nicht nur für Genuss, sondern gelegentlich auch für gesellschaftliches Engagement. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist Buza – arabisch für „Eis“. Das Unternehmen wurde vom Kibbuznik Adam Ziv und dem arabisch-israelischen Restaurantbesitzer Alaa Sweitat gegründet. Beide wollten zeigen, dass Zusammenarbeit zwischen Israelis und Arabern nicht nur möglich, sondern erfolgreich sein kann.
Besonders charakteristisch
sind Geschmacksrichtungen,
die man außerhalb Israels kaum
findet. Dazu zählt Bamba- Eis.
2012 eröffneten sie ihre erste gemeinsame Eisdiele in der Stadt Ma’alot-Tarshiha. Bis heute werden frische, regionale Zutaten verwendet. In den Filialen arbeiten Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen, und die Speisekarten erscheinen selbstverständlich auf Hebräisch und Arabisch. 2017 erhielt Buza für dieses außergewöhnliche Konzept den United Nations Flourish Prize for Coexistence. Für die Gründer bedeutet Eis mehr als ein Nahrungsmittel – es steht für die Idee, dass gemeinsames Arbeiten Brücken schlagen kann.
Diese Verbindung von Tradition und Innovation verleiht der israelischen Eiskultur einen besonderen Charakter. Sie verbindet die Nostalgie des einfachen Artic- Eises am Strand mit den kreativen Gelato- Kreationen einer neuen Generation. Aus dem klassischen Vanilleeis am Stiel der 1950er-Jahre ist eine kulinarische Eislandschaft entstanden, die internationale Trends aufgreift und gleichzeitig ihre eigenen lokalen Ursprünge bewahrt.
Wer im Sommer durch Tel Aviv, Jerusalem, Haifa oder Akko spaziert, entdeckt weit mehr als nur ein typisches Eiscafé. Hinter jeder Theke verbirgt sich ein Stück israelischer Geschichte – von den Einwanderern, die ihre Familienrezepte mitbrachten, über die legendären Artic- Verkäufer am Mittelmeer bis zu jungen Gelatieri, die aus Olivenöl, Zaatar oder Bamba überraschendes Eis kreieren.





















