„Wie es kommt, so ist es gut“

0
192

Einen beträchtlichen Teil seiner Zeit verbrachte er bis vor Kurzem in der Luft, im Flieger von Kongress zu Kongress eilend, um in verschiedenen Erdteilen Vorträge zu halten. Wie ist es ihm ergangen, während all das coronabedingt unmöglich war? „Blendend, ich hab’ in diesen Wochen zwei Bibliografien fertiggestellt!“ Aus jeder Situation das Beste zu machen, ist eine der Qualitäten des Arztes und Wissenschaftlers Josef Smolen, den alle Freunde nur „den Joschi“ nennen. „Wie es kommt, so ist es gut“, ist seine feste Überzeugung, mit der er in seinem Leben viel erreicht hat.

Von Haifa nach Wien. Seine Eltern, die den Krieg in Polen überlebt hatten, waren knapp vor seiner Geburt mit ihrem älteren Sohn zu Verwandten nach Israel ausgewandert, wo Joschi 1950 in Haifa zur Welt kam. Als er sechs Jahre alt war, verließ die Familie das Land wieder und wurde in Wien sesshaft. Als „alte Monarchisten“ waren beide Eltern, die in Polen deutschsprachige Schulen besucht hatten, von Jugend an nach Wien ausgerichtet gewesen. Ihre Familienangehörigen waren fast alle in der Schoah umgekommen, doch in Wien warteten gute Freunde auf sie. Joschis Vater, ein Textilingenieur, der bereits vor dem Krieg eine Fabrik in Bielitz, Polen, gehabt hatte, blieb auch hier als Unternehmer seiner Branche treu. Traditionell jüdisch, aber nicht religiös, wurden die beiden Söhne erzogen, man feierte die Feste, aber „das war’s“.
Nach seiner Gymnasialzeit in der Stubenbastei studierte Joschi Medizin und übernahm, umtriebig wie er war, auf Anregung des damaligen Präsidenten der Jüdischen Hochschülerschaft, Norbert Gleicher, die Chefredaktion der studentischen Zeitung Schofar. „An den Redaktionssitzungen nahmen sicher etwa 20 bis 30 Leute teil. Wir haben wunderbare Geschichten und Interviews gemacht. Einer meiner ersten Artikel war über den Prager Kreis, ein Gebiet, das mich bis heute literarisch fasziniert. Wir waren ziemlich israelkritisch, weil wir schon damals, in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren, die Meinung vertraten, dass die Palästinenser einen eigenen Staat haben sollten. In der jüdischen Öffentlichkeit waren wir natürlich als die Linken verschrien, obwohl wir lediglich eine liberale Linie abseits des Establishments vertraten. Proisraelische Positionen haben wir aber immer eingenommen, wenn Israel unfair angegriffen wurde, und der linke Antizionismus war schon damals eher antisemitisch geprägt. Da haben wir in Diskussionsrunden geschlossen unsere Standpunkte vertreten. Ja, innerhalb der Gemeinde haben wir manchmal ein bisschen herumgerührt, aber gleichzeitig den Bal paré organisiert. Wir haben uns halt den Mund nicht verbieten lassen.“

»Auch eine medizinische Diagnose entspringt einer Neugierde, man will ja wissen,
was
einem Patienten fehlt.«

Josef Smolen

Medizin und Literatur. Als fertiger Arzt wandte sich Joschi zunächst der Immunologie und danach an der Universitätsklinik der Rheumatologie zu, für die sich damals „noch kaum jemand interessierte“. Es blieb sein Spezialgebiet, in dem er seit Jahrzehnten als anerkannter und vielfach ausgezeichneter Wissenschaftler an der Weltspitze steht.
Weil Joschi jedoch mit einem Gebiet nie ausgelastet war und ist, hat er neben seiner doppelten medizinischen Leitungsfunktion als Professor am AKH und gleichzeitig als Primarius im Lainzer Krankenhaus sein Hobby, die Literatur und das Suchen nach Büchern, seltenen Ausgaben und bibliophilen Kostbarkeiten nie vergessen.
„Ich habe natürlich im Zuge der medizinischen Tätigkeit die Bücher nicht alle lesen können, aber mein Interesse war immer gewaltig. Dahinter stand auch meine Überlegung, wohin sich diese absolut epochale, revolutionäre Literatur aus dem deutschsprachigen Raum der Zwischenkriegszeit entwickelt hätte ohne die vielen Millionen Opfer des Krieges, nicht nur der Juden.“

Faszinierende Verleger. Im Laufe der Jahre hat sich sein Interesse allerdings von den Autoren zu den Verlegern bewegt, „weil ja ein Autor ohne Verleger nicht gelesen werden kann“.
Vor allem Verleger, die mit unbekannten jungen Dichtern Risiken eingingen und deren Engagement und Instinkt die Weltliteratur die Entdeckung großer Schriftsteller verdankt, faszinieren ihn. Beispielsweise Kurt Wolff, der unerschütterlich an den jungen Franz Kafka glaubte. Wolffs Bücherreihe „Der Jüngste Tag“ widmete Smolen schließlich 2003 seine erste publizierte Bibliografie, die sogar in Fachkreisen Aufsehen erregte. Als work in progress entstand dann nach neuen Erkenntnissen eine zweite, verbesserte Auflage. „Einem ganz tollen Verleger“ der Zwischenkriegszeit, Franz Pfemfert, und seiner expressionistischen Buchreihe „Der Rote Hahn“, die unter anderem Illustrationen von Schmidt-Rottluff und Egon Schiele aufweist, hat Smolen dann im Vorjahr eine weitere Bibliografie gewidmet. „Pfemfert, der als Kommunist in der Emigration in Mexiko landete, ist dort beinahe verhungert.“
Neugierde und eine Art detektivischer Reiz, Leerstellen und Fehlern nachzuspüren, diese zu korrigieren und systematisch zu ergänzen, sind Ausgangspunkt aller seiner Recherchen.
„Auch eine medizinische Diagnose entspringt einer Neugierde, man will ja wissen, was einem Patienten fehlt. Und Krankheiten lesen keine Lehrbücher, d. h., was in diesen steht, ist im Einzelfall nicht immer anwendbar.“ Es gehe im Prinzip immer um das Hinterfragen und darum, nicht alles einfach zu glauben und hinzunehmen. Ein produktives Zweifeln ist also sein Movens in allen Gebieten.
Entscheidende Hinweise für seine Recherchen findet Smolen in Verlagsprospekten und Anzeigen in den Büchern seiner eigenen Bibliothek, die seit Jahrzehnten ununterbrochen anschwillt und mittlerweile mehrere Räume der großen Altbauwohnung vom Boden bis zur Decke füllt. „Man muss die Bücher eben zur Hand haben und genau studieren können.“ Dazu hatte er, in seiner Reisetätigkeit unfreiwillig eingebremst, nun zusätzliche Zeit, in der er zwei weitere Projekte, die Bibliografie zur Reihe „Das neuste Gedicht“ und das Verzeichnis zur Reihe „Lyrische Flugblätter“ aus dem Alfred Richard Meyer Verlag beenden konnte. „Die ersten Gedichte Gottfried Benns und auch die Hebräischen Balladen von Else Lasker-Schüler sind bei Meyer erschienen. Verleger wie dieser, der einem Dichter ein kleines Flugblatt gewährt und damit eine literarische Entdeckung macht“, derartige Persönlichkeiten sind die Initialzündung für Smolens Grabungen in Büchern, Katalogen und Antiquariaten. Und wenn er dann eine Lücke, die nur ihm aufgefallen ist, nach langer Suche mit einem überraschenden Fund in einer deutschen Bibliothek schließen kann, freut er sich „wie ein Schneekönig“.
Und wann hatte der Herr Professor während seiner überaus aktiven Berufslaufbahn die Zeit für ein derartiges wissenschaftliches „Hobby“ gefunden?
„Vor allem im Urlaub. Ich bin Frühaufsteher, meine Frau Langschläferin, und ich habe in den zwei, drei Stunden, bevor sie aufgewacht ist, an diesen Dingen gearbeitet.“
Wer Joschi kennt, weiß, dass seine Frau Ala, eine höchst eigenständige Analytikerin, seine drei Kinder und die vier Enkel das eigentliche Zentrum seines Lebens sind, um das er besonders nach seiner offiziellen Emeritierung, die keineswegs ein „Ruhestand“ ist, zunehmend lustvoll kreist.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here