Eine neu gegründete Initiative will zeigen, dass sich Juden und Jüdinnen in Österreich nicht alleine fühlen müssen. Für kommenden Mittwoch (17. Juni 2026) ruft das „Netzwerk gegen Antisemitismus“ zu einer Kundgebung unter dem Motto „Wien gegen Antisemitismus“ auf. Beginn ist um 17.30 Uhr, Ort: Platz der Menschenrechte. WINA sprach mit drei der Organisatoren und Organisatorinnen.
Als die Autorin Evelyn Steinthaler sich während der Song Contest-Woche mit einer jüdischen Freundin aus Berlin unterhielt, erzählte ihr diese von antisemitischen Übergriffen. „Dann meinte sie, sie wüsste nicht, ob sie mit anderen darüber reden soll und ich antwortete, du musst es ja nicht auf Social Media posten, aber bitte berichte davon. Am Ende des Gesprächs hat sie sich bei mir bedankt und dieses Bedanken hat mich beschämt. Ich dachte mir, dass kann nicht sein, dass sich eine Freundin bei der anderen dafür bedankt, dass sie zuhört.“
Gleichzeitig hätten ihr in Wien lebende Israelis erzählt, dass sie auf der Straße inzwischen Englisch und nicht Hebräisch miteinander sprechen, „weil sie Angst haben, dass ihnen etwas passiert“.
Evelyn Steinthaler, Autorin
Das war für Steinthaler der Moment, an dem sie sich dachte: Das darf alles nicht sein. Und sie wolle etwas tun. „Ja, Wien ist nicht Golder’s Green und nicht Berlin. Aber unter Juden und Jüdinnen ist Angst da. Und ich will nicht, dass sich Menschen fürchten müssen und glauben, sie sind alleine.“
Auf Social Media regte sie an, eine Kundgebung gegen Antisemitismus zu organisieren. Das Echo war ermutigend. Zehn Personen sind inzwischen im neu gegründeten „Netzwerk gegen Antisemitismus“ aktiv dabei, die erste Kundgebung, die kommenden Mittwoch unter dem Slogan „Wien gegen Antisemitismus“ stattfindet, zu organisieren.
Die Zahl jener, die an dieser Initiative Interesse zeigen und auch schon ihr Kommen zugesagt haben, sei aber weit höher, auch außerhalb Wiens. „Oft sind die Lautesten ja nicht die Mehrheit – aber wenn die eigentliche Mehrheit schweigt, ist das schlecht. Uns geht es darum, diesem Schweigen, aber auch der Gleichgültigkeit etwas entgegen zu setzen“, sagt Steinthaler. „Diese Haltung, nichts zu tun, so lange man nicht selbst bedroht ist, halte ich auch für ein großes Problem. Wenn eine Gruppe innerhalb einer demokratischen Gesellschaft bedroht wird, ist am Ende die ganze Gesellschaft in Gefahr.“

Unter jenen, die sich sehr rasch bei Steinthaler gemeldet haben, waren Petra Paul und Martin Fuks. Paul ist queerfeministische Künstlerin und versteht schon lange nicht mehr, was in ihrer eigenen Szene seit dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel los ist. „Was da passiert, ist mehr als bedenklich. ‚Queers for Palestine‘ sind Menschen, die wenig Ahnung von Geschichte und den gegenwärtigen Lebensbedingungen im Nahen Osten haben. Wenn sie sich für Menschen in Gaza einsetzen, muss ihnen bewusst sein, dass dort Queerness verboten ist und mit dem Tod bestraft wird. Gerade queere Menschen aus Gaza und der Westbank fliehen nach Israel, dem einen Land im Nahen Osten, wo Queerness gelebt werden kann.“
In der Rosa Lila Villa sei bald nach dem 7. Oktober eine Palästinenserflagge angebracht gewesen. Daraufhin schrieb sie mit einer Freundin „Lesben gegen jeden Antisemitismus“ und „Queers against Antisemitism“ auf zwei Transparente und die beiden fotografierten sich mit den Bannern vor der Villa. Inzwischen gehen sie auch auf Queer-Kundgebungen mit diesen Sujets.
„Dann hören wir von Leuten mit Pali-Schal, wir seien so islamophob.“
Petra Paul
Wenn sie solche Verdrehungen hört, kann Petra Paul nur mehr den Kopf schütteln.
Ähnlich geht es Fuks. Er ist Absolvent eines naturwissenschaftlichen Studiums und arbeitet heute in der Verwaltung. Seit vielen Jahren ist er im Bund Sozialdemokratischer AkademikerInnen aktiv – und verzweifelt auch in diesem Kontext an so manchen Genossen und Genossinnen. „Ich verstehe die anti-zionistischen Stimmen nicht und kann auch diesen geschichtsvergessenen Genozid-Vorwurf gegen Israel nicht mehr hören.“ Seitens der Parteiführung enttäusche ihn, dass diese Stimmen de facto mitgetragen würden. Er sagt aber auch: „Es gibt innerhalb der Sozialdemokratie eine Initiative, die dagegen ankämpft.“ Hier gehört eben auch er dazu.

Politik bedeute oft: um etwas verändern zu können, müsse man auch dafür sorgen, an der Macht zu bleiben. Das heißt also: Es geht immer auch um Stimmen. Und ja, gerade in Großstädten wie Wien gebe es eine wachsende muslimische Wählerschaft. „Ich sehe hier aber ein grundsätzliches Missverständnis: Die Sozialdemokratie darf ja nicht die eigene Position verraten. So gräbt man sich doch das eigene Grab. Neue Wähler und Wählerinnen kann man auch gewinnen, indem man progressiv ist, indem man nicht die patriarchalen Männer anspricht, sondern die Frauen und Jugendlichen, die vielleicht anders denken, die genau unter dieser Unterdrückung leiden.“ Wobei, Stichwort Sozialistische Jugend: Hier sei leider auch einiges in die falsche Richtung gelaufen. „Leider wird Bildung nicht mehr großgeschrieben.“ So viele, auch Junge, haben keine Ahnung von der eigenen Ideologie. Sie haben nicht einmal das Manifest von Engels und Marx gelesen und verstehen nicht, dass ihr Antikapitalismus ein reaktionärer ist, der zurück in undemokratische, feudale und sklavenwirtschaftliche Verhältnisse führt.“
Das neue „Netzwerk gegen Antisemitismus“ versteht sich jedenfalls als überparteilich und auch überkonfessionell. Die Motivation, sich – abseits seines Engagements innerhalb der Sozialdemokratie – auch in diesem Netzwerk einzubringen, beschreibt Fuks so:
„Weil Antisemitismus uns alle etwas angeht“.
Martin Fuks
Rund zehn Redner und Rednerinnen werden am kommenden Mittwoch zu hören sein, kündigt Steinthaler an – sie kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Sie selbst wird die Kundgebung moderieren. Die Organisatoren der Demo „Wien gegen Antisemitismus“ freuen sich dabei auch über jene Gruppen, die ihrerseits angeboten haben, den Aufruf mitzutragen: das sind die „Artists Against Antisemitism“ ebenso wie die Österreichisch-Israelische Gesellschaft, Asyl in Not, Christen an der Seite Israels Österreich sowie der Republikanische Club – Neues Österreich.
Anders als Petra Paul und Martin Fuks sieht Steinthaler übrigens in ihrem beruflichen Umfeld als Autorin eine etwas andere Stimmung. „Vor allem in der Literaturbranche ist es schon ein bisschen anders.“ Es gebe sehr wohl Ausreißer, die aber zu einem Großteil auch schon vor dem 7. Oktober klar gemacht hätten, wo sie stehen, aber sie habe in der Buchbranche nicht den Eindruck, „dass das insgesamt in die falsche Richtung geht“. Wenn sie sich aber in der Kunst- und Kulturszene insgesamt umsehe, sei ihr zuletzt das, „was etwa von den Wiener Festwochen, der aktuellen Biennale in Venedig oder gerade auch vom Filmfestival in Marseilles zu hören war und ist, doch mehr als bedenklich aufgestoßen“.
Umso mehr freuen sich Steinthaler, Paul und Fuks über die vielen positiven Rückmeldungen auf den Demo-Aufruf für den 17. Juni. „Es haben sich viele gemeldet, die meinten, es ist ihnen wichtig, da dabei zu sein“, sagt Paul. „Mir wurde klar, dass es vielen Leuten nach dem 7. Oktober so ging wie mir. Sie haben gemerkt, da läuft etwas falsch, aber sich damit alleine gefühlt“, meint Fuks. Dazu beitragen würde auch die Berichterstattung und das Framing in vielen Medien, aber auch die Statements von NGOs wie „Amnesty International“ oder den „Ärzten ohne Grenzen“. Nun sehe man aber, da gebe es noch viele andere, die ähnlich dächten.
In diese Kerbe schlägt auch Steinthaler. Sie hat zunehmend gemerkt, dass einerseits jene, die eher schweigen, denen aber der steigende Antisemitismus Sorgen macht, erleichtert seien zu sehen, dass es Gleichgesinnte gebe. Und andererseits sei es für jüdische und vor allem israelische Freunde, die vielfach seit dem 7. Oktober einfach nur mehr erschöpft seien, wichtig zu sehen, dass es da eben auch die anderen Stimmen gibt.
Diese Stimmen sollen eben auch bei der Kundgebung am 17. Juni zu Wort kommen. Laut solle diese werden. Und sie soll ein Anfang sein. Etwa alle drei Monate werde es künftig solche Demonstrationen geben – die nächste ist für September geplant. Schön fänden die Initiatoren und Initiatorinnen, wenn sich von Mal zu Mal mehr Menschen ihrem Anliegen anschließen, weil: Antisemitismus und der Kampf dagegen gehe alle an.
(Kontaktinformation: Auf Facebook und Instagram ist das Netzwerk unter Wien gegen Antisemitismus zu finden.)

























