Wiener Dramaturgie

Herbert-von-Karajan-Platz ja, Bruno-Walter-Platz nein. Der Musiker Michael Fritthum kämpft gegen Windmühlen und für Gerechtigkeit.

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Bruno Walter stand mehr als 850 Mal am Dirigentenpult der Wiener Oper, bevor er vertrieben wurde. ©Reinhard Engel

Der Wiener Dialekt klang harmonisch und wohltuend an mein Ohr und ich fühlte, ich gehöre nach Wien – denn der Seele nach war ich Wiener“, schrieb der am 15. September 1876 in Berlin als Bruno Schlesinger geborene bedeutende Musiker und Dirigent Bruno Walter, als er 1947 Europa zum ersten Mal wieder besuchte. Er war über 60 Jahre alt, als er wie viele andere jüdische Künstler 1933 Deutschland und 1938 Österreich fluchtartig verlassen musste, um sich und seiner Familie das Überleben zu ermöglichen.

Nicht wenige der vertriebenen jüdischen Künstler verklärten und überhöhten ihr Wien-Bild nach der Schoah, um in der ehemals vertrauten Heimat wieder aktiv werden zu können. „Letztlich blendete Bruno Walter seine traumatischen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus in Deutschland und Österreich aus und kehrte zu seinem alten Österreich-Bild zurück, ohne im Innersten zu vergessen“, schreibt der Historiker Oliver Rathkolb im Ausstellungskatalog der Wiener Staatsoper zum 50. Todestag des Dirigenten.

Bruno Walters Vater machte als Buchhalter in einer Seidenfabrik Karriere, seine Mutter beeinflusste ihn seit frühester Kindheit mit ihrer eigenen musikalischen Begabung als Absolventin des Sternschen Konservatoriums. Mit acht Jahren besuchte Bruno bereits dieses Berliner Musikinstitut und gab ein Jahr später seinen ersten öffentlichen Auftritt als Pianist. 1890 beschloss er unter dem Einfluss von Hans von Bülow, Dirigent zu werden, und bereits 1893 dirigierte er an der Kölner Oper. Nur ein Jahr später folgte die Anstellung als Assistent von Gustav Mahler an der Hamburger Oper. Mahler wurde zu Walters künstlerisch prägendem Vorbild, er betrachtete sich als seinen Schüler, auch wenn er sich zunächst Mahlers Bitte verweigerte, ihm an die Wiener Hofoper zu folgen. Erst nach einer Saison in Hamburg und Stationen in Breslau, Preßburg, Riga und Berlin kam er 1901 als Kapellmeister an die Wiener Hofoper. „Es war atemberaubend, das edel prunkvolle Innere der Hofoper zu betreten, die vornehmen Räume Mahlers, sein Direktionsbüro und den Probensaal zu sehen, die etwa vierzig Jahre später, 1936 bis 1938 die meinen sein sollten“, erinnerte er sich in seinen Memoiren. Von Wien aus begann seine internationale Karriere mit Gastdirigaten in London und Rom. 1911 dirigierte er die Uraufführungen zweier bedeutender Spätwerke Mahlers: Das Lied von der Erde in München und die 9. Sinfonie in Wien.

Im selben Jahr wurde Walter österreichischer Staatsbürger und strich „Schlesinger“ offiziell aus seinem Namen. Bis 1912 stand er mehr als 850 Mal am Dirigentenpult der Wiener Hofoper. Im Wagner- Jahr 1913 verließ er Wien und wurde Generalmusikdirektor der königlichen Hofoper in München, wo er bis 1922 blieb. Dort erlebte Walter 1916 die ersten antisemitischen Angriffe, als es hieß „diesem Dirigenten fehlt zu Wagners Musik die stilistische Sicherheit.“ Als einziger verteidigte ihn damals Thomas Mann öffentlich. Unbeirrt erneuerte Walter das Repertoire in München und galt als fortschrittlich, nachdem er 1917 die Uraufführung von Hans Pfitzners Oper Palestrina dirigierte.

 

»Von der versöhnenden Geste des Humanisten
Bruno Walter und der verbindenden Kraft der
Kunst in Gestalt des Wiener Opernhauses ist zu
meinem großen Bedauern nichts übrig geblieben.«
Michael Fritthum

 

In den USA trat der geniale Musiker im Jahr 1923 auf, ein Jahr später begann er seine langjährige Tätigkeit bei den Salzburger Festspielen. 1929 wechselte er von Berlin nach Leipzig, wo er Nachfolger von Wilhelm Furtwängler als Leiter des Gewandhausorchesters wurde. „Doch schon vier Jahre später holte ihn endgültig die rassistische Politik ein. Zwar kehrte er 1933 noch einmal nach einer USA-Tournee mit seiner Frau nach Deutschland zurück, doch schon bei der Landung in Hamburg war ihm klar, dass nun ein totalitäres Regime am Ruder war“, fasst Rathkolb die damalige Situation zusammen. Als Walter sein viertes Konzert mit den Berliner Philharmonikern geben wollte, drohten die neuen Machthaber, sie würden im Saal alles kurz und klein schlagen lassen, falls Walter das Podium betreten sollte. Er rettete sich nach Österreich, wo er die Wiener Philharmoniker und zahlreiche Aufführungen an der Wiener Staatsoper sowie bei den Salzburger Festspielen leitete. Noch im Jahr 1936 unterschrieb er einen Vertrag als künstlerischer Berater mit umfassenden Kompetenzen an der Wiener Staatsoper.

Nach dem „Anschluss“ 1938 – die Nachricht vom Einmarsch der Wehrmacht erreichte ihn als Gastdirigent des Concertgebouworkest Amsterdam – blieb er mit seiner Frau dort und wartete auf seine Tochter, die in Wien inhaftiert war. Nach ihrer Freilassung machten die drei noch einige Stationen in Europa durch, gingen aber im November 1939 schließlich in die USA, wo der prominente Dirigent vom Los Angeles Philharmonic Orchestra sofort eingesetzt und 1946 eingebürgert wurde. Eine Londoner Zeitung reagierte auf Walters Vertreibung und seinen Erfolg in den USA so: „Deutschland hat seinen größten Dirigenten dem Rest der Welt geschenkt.“ Bruno Walter ließ sich in Kalifornien nieder und war von 1941 bis 1945 Dirigent am Metropolitan Opera House in New York, wo er mit Unterbrechungen bis 1957 wirkte. Zwei Jahre war er zudem Direktor des New York Philharmonic Orchestra.

»Während Bruno Walter ab 1938 im unfreiwilligen Exil war,
machte
das NSDAP-Parteimitglied Herbert
von Karajan unter der Nazi-Diktatur Karriere.«
Michael Fritthum

Schönen Worten folgten keine Taten. Wenn man sich die Lebensdaten dieses großen Musikers ansieht – geboren 1876 in Berlin, gestorben 1962 in Beverly Hills –, findet sich aktuell kein rundes Jubiläum, das zu begehen wäre. Dennoch gibt es einen sehr triftigen Grund, um jetzt über sein Schicksal zu berichten und seine Leistungen festzuhalten: Seit 25 Jahren bemüht sich der Theater- und Musikwissenschafter Michael Fritthum vergeblich darum, dass die Wiener Staatsoper gemeinsam mit der Stadt Wien den kleinen Platz an der Seitenfront zur Operngasse nach Bruno Walter benennt. „Während Bruno Walter ab 1938 im unfreiwilligen Exil war, machte das NSDAP Parteimitglied Herbert von Karajan unter der Nazi-Diktatur Karriere“, erklärt Fritthum. „Er starb 1989, und bereits im September 1996 wurde der Platz zwischen Kärntner Straße und Opernhaus nach ihm benannt.“

Doch warum kämpft der 1953 in Kanada geborene Österreicher so lange und unermüdlich um ein würdiges Andenken ausgerechnet für diesen jüdischen Dirigenten? „Bruno Walter entdeckte ich indirekt bereits in meiner Kindheit in Toronto: Ich habe mit großer Begeisterung Leonard Bernsteins legendäre Young Peoples Concerts live im Fernsehen erlebt und wusste, welche einschneidende Rolle Walter in Bernsteins Karriere gespielt hat“, erzählt das langjährige Mitglied der Wiener Staatsoper. „Als Bruno Walter 1943 wegen einer Grippe ein Konzert der New Yorker Philharmoniker, das über Radio im ganzen Land übertragen werden sollte, nicht dirigieren konnte, überließ er dem damals 25-jährigen Bernstein das Dirigat, und so begann dessen Weltkarriere.“ Fritthum glaubt bis heute nicht, dass Walter wirklich krank war, er habe eher die Grandezza gehabt, dem jungen Kollegen eine Chance zu geben.

Fritthum, der ab 1972 als Bratschist in diversen Orchestern spielte und von 1984 bis 1991 im Chor der Volksoper sang, wurde von Eberhard Waechter in die Direktion der Volksoper geholt. Nach dessen plötzlichem Tod 1992 wechselte er zu Direktor Ioan Holender an die Wiener Staatsoper. Hier war er sieben Jahre lang sowohl für die Leitung sämtlicher Gastspiele der Staatsoper verantwortlich wie auch für die gesamte Gedenkdramaturgie des Hauses. Im Rahmen dieser anspruchsvollen und umfangreichen Aufgaben konzipierte und organisierte der Musikfachmann ab 1995 mehr als zwanzig Ausstellungen, unter
anderen über Bruckner, Mahler, Strauss, Donizetti und Gottfried von Einem. Historische Jubiläen der Staatsoper gehörten ebenso dazu wie zahlreiche Dirigenten- Würdigungen etwa von Josef Krips, Leonard Bernstein und Herbert von Karajan sowie Jubiläumsausstellungen für große Sänger und Sängerinnen des Hauses am Ring, unter anderem für Helge Rosvaenge, Paul Schöffler, Hans Hotter, Beniamino Gigli und Leonie Rysanek.

„Bruno Walter hatte ein großes Herz, er reichte Karajan zwar nach 1947 versöhnlich die Hand im Wissen, dass er ein profitierender Mitläufer war“, so Fritthum. Bei Wilhelm Furtwängler war Walter strenger. Ihm schrieb er aus der Emigration: „Bitte bedenken Sie doch, dass Ihre Kunst Jahre hindurch als ein äußerst wirksames Mittel der Auslandspropaganda für das Regime der Teufel verwendet wurde, dass Sie durch Ihre bedeutende Persönlichkeit und Ihr großes Talent diesem Regime wertvolle Dienste leisteten und dass Anwesenheit und Tätigkeit eines Künstlers Ihres Ranges auch in Deutschland selbst jenen furchtbaren Verbrechern zu kulturellem und moralischem Kredit verhalf oder mindestens ihm beträchtlich zu Hilfe kam […] Was bedeutet dagegen Ihr hilfreiches Verhalten in einzelnen Fällen jüdischer Not?“*

Auch den Nachfolgern von Direktor Holender, Dominique Meyer und Bogdan Roši, brachte Fritthum in zahlreichen Briefen und Dokumenten sein Anliegen zur Benennung eines bescheidenen Bruno-Walter- Platzes vor – auch als Gegengewicht zum prominenten Karajan-Platz auf der stärker frequentierten Seite der Oper. Es kamen freundlich-unterstützende Zusagen, sich für das Projekt zu verwenden – nur geschehen ist bis heute nichts. Warum wandte sich Fritthum nicht direkt an die zuständige Kulturabteilung der Stadt Wien? „Ich habe aus Loyalität zu den Operndirektoren nie etwas hinter ihrem Rücken gemacht“, erklärt der engagierte und bescheidene Wissenschafter.

Sowohl in Salzburg wie auch in Berlin und München wurden Straßen nach Walter benannt, ebenso der Asteroid (16590) Brunowalter. Im Vorjahr wurde vor dem Haus für Mozart ein Stolperstein für ihn verlegt. Das geschah alles außerhalb von Wien.

„Von der versöhnenden Geste des Humanisten Bruno Walter und der verbindenden Kraft der Kunst in Gestalt des Wiener Opernhauses ist zu meinem großen Bedauern nichts übrig geblieben“, betont Fritthum und fügt hinzu: „Eine Wiener Dramaturgie, wie sie im Buche steht!“

* Rathkolb, Oliver: Führertreu und gottbegnadet. Künstlereliten im Dritten
Reich. Wien: ÖBV 1991, S. 266f.

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