Wiener Dreieck

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70 Jahre nach seinem Tod taucht ein unbekannter Roman David Vogels auf. Von Alexander Kluy

Die Geschichte klingt abenteuerlich. Da ist 2010 Lilach Netanel, die über den hebräisch schreibenden Schriftsteller David Vogel (1891–1944) promovierte, im Archiv Genazim in Tel Aviv wieder einmal über den dort gelagerten Nachlass dieses Dichters gebeugt. Fängt an, fünfzehn eng beschriebene Papierbögen anzulesen. Und stößt auf ein bis dato unbekanntes, unveröffentlichtes Prosawerk. Versehen mit ihrem Nachwort ist Vogels literarisches Erstlingswerk nun unter dem Titel Eine Wiener Romanze erschienen.

Dass der Aufbau-Verlag schon auf dem Umschlag mit Namen wie Schnitzler, Werfel oder Joseph Roth wirbt, erscheint angesichts der Zeit, in der die amouröse Dreiecksgeschichte des jungen Michael Rost angesiedelt ist, so naheliegend wie ideenfrei: Wien vor 1914. Im Wien vor dem Ersten Weltkrieg kommt der 20-jährige Rost überraschend zu Geld, steigt aus bitterarmen, teils pittoresken jüdischen Kreisen zum mondänen Kavalier auf und unterhält eine Affäre mit seiner verheirateten Zimmervermieterin wie mit deren 16-jähriger Tochter, bevor er beide sitzen lässt.

In Satanov in Podolien, West-Ukraine, geboren, kam Vogel, früh vaterlos, über Wilna 1912 nach Wien ...

David Vogel:  Eine Wiener Romanze. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Aufbau Verlag 2013, 320 S.,  22,30 (D)/22,90 (A)
David Vogel:
Eine Wiener Romanze. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Aufbau Verlag 2013,
320 S.,
22,90 EUR

Eine Ehe in Wien. In Satanov in Podolien in der West-Ukraine geboren, kam Vogel, früh vaterlos, über Wilna 1912 nach Wien, wo er bis 1925 lebte, sich als Hebräisch-Lehrer durchschlug, dann nach Paris weiterzog. Den Aufenthalt in Palästina brach er nach Kurzem ab, weil er sich für geregelte Arbeit nicht eignete, zog nach Berlin, floh 1933, lebte in Paris, wurde von den Nazis verhaftet, ins Sammellager Drancy verschleppt und von dort, wie ein Historiker jüngst herausfand, 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Vor zwanzig Jahren erschienen Vogels großer Roman Eine Ehe in Wien, der Novellenband Im Sanatorium. An der See sowie ein Band mit Tagebuch- und anderen Aufzeichnungen, schon damals von Ruth Achlama gut übersetzt. Heute sind davon nur die beiden Novellen als e-book lieferbar, die zwei anderen Bände seit fünfzehn Jahren vergriffen und selbst antiquarisch nur schwer zu finden. Dabei pries Maxim Biller Eine Ehe in Wien als Jahrhundertroman – zu Recht.

Dramaturgische Raffinesse, psychologische Subtilität wie Lebendigkeit der Sprache und Charaktere findet man bereits in der autobiografisch gefärbten „Romanze“, die Vogel offensichtlich in den 1910er-Jahren schrieb, dann wohl mehr als 15 Jahre liegen ließ und schließlich einen in Paris angesiedelten staunenswerten Epilog beifügte. Was auch erklärt, dass nicht jede Passage dieses lesenswerten Fundstücks gleichermaßen bis ins Kleinste ausgefeilt ist.

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