Simon Wiesenthal-Preise erstmals verliehen  

In einer bewegenden Zeremonie in der Hofburg wurden Mittwoch Abend erstmals die vom Nationalrat vergebenen Simon Wiesenthal-Preise verliehen. In drei Kategorien langten insgesamt 284 Bewerbungen aus 31 verschiedenen Ländern ein. Die Entscheidung traf eine Jury unter dem Vorsitz der Antisemitismusbeauftragten der Europäischen Kommission, Katharina von Schnurbein. Den mit 15.000 Euro dotierten Hauptpreis erhielten alle vier dafür nominierten Zeitzeugen Lily Ebert Zwi Nigal, Karl Pfeifer und Liliana Segre. Der mit 7.500 Euro dotierte Preis für zivilgesellschaftliches Engagement gegen Antisemitismus ging an das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus in Deutschland. Der Preis für zivilgesellschaftliches Engagement für Aufklärung über den Holocaust (ebenfalls mit 7.500 Euro dotiert) wurde der Zentralen österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz zuerkannt. (Fotos: © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner)

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Simon Wiesenthal Preis Verleihung

Es war ein Abend ganz im Gedenken an, aber auch im Sinn von Simon Wiesenthal (1908-2005). Der Holocaust-Überlebende, gerade noch rechtzeitig zu Kriegsende im KZ Mauthausen befreit, woran der Zeithistoriker Gerhard Botz in seiner Würdigung Wiesenthals erinnerte, ging danach nicht in seinen eigentlichen Beruf (er war Architekt), sondern begann Zeitzeugen zu befragen und Namen von Tätern zu ermitteln, um diese einem Gerichtsverfahren und einer gerechten Strafe zuzuführen. „Das sah er als eine Berufung, bis zu seinem Lebensende“, so Botz. Als Jäger von Adolf Eichmann sollte er schließlich internationale Bekanntheit erlangen.

Von links: Generalsekretärin des Nationalfonds und des Allgemeinen Entschädigungsfonds Hannah Lessing,Moderation Rebekka Salzer, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Oskar Deutsch

 

IKG-Präsident Oskar Deutsch, der ebenfalls der Jury angehörte, betonte, was ihn am meisten an Wiesenthal beeindruckt habe, sei, dass er eben seit der Befreiung aus dem KZ sein ganzes Leben dem Aufspüren und vors Gericht Bringen der Nazi-Schergen gewidmet habe. Deutsch erinnerte aber auch daran, dass Wiesenthal von 1996 bis 1983 dem Kultusvorstand der IKG angehörte. „Ihm war es wichtig, dass es jüdisches Lebens in Österreich, in Wien geben soll. Das war damals noch nicht so klar. Und wir sehen heute, dass sein Wunsch erfüllt wurde und das macht mich sehr stolz.“

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka, auf dessen Initiative der Wiesenthal-Preis nun zum ersten Mal ausgelobt wurde, betonte, dass Juden und Jüdinnen über Jahrhunderte das Leben in Österreich mitgestaltet und bereichert hätten und dies heute noch tun würden, sowohl in Kultur, Wirtschaft als auch Wissenschaft. In der NS-Zeit seien sie ausgegrenzt worden, der Verfolgung, dem Spott und Hohn und schließlich der gewaltsamen Todesmaschinerie ausgesetzt gewesen. „Und nach 1945 hat man sie nicht zurückgerufen.“ Es müsse daher nun Aufgabe sein, das jüdische Leben wieder in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Gleichzeitig sei man weltweit mit Antisemitismus konfrontiert und dieser komme, das müsse man ins Bewusstsein rufen, seit Jahrhunderten aus der Mitte der Gesellschaft und sei dort tief verwurzelt.

Antisemitismus sei zutiefst undemokratisch, betonte der Nationalratspräsident weiter. Wenn das Parlament für Demokratie einstehe müsse es alle antidemokratischen Tendenzen bekämpfen und damit eben auch Antisemitismus. Es gebe ein strenges Wiederbetätigungsgesetz und auch das Symbolgesetz sei verschärft worden. Was es dringend brauche, sei, dass jeder und jede gegen Antisemitismus auftrete – es liege eben an der Zivilgesellschaft, den Kampf gegen die Judenfeindlichkeit zu führen. Der Simon Wiesenthal-Preis wolle genau zu diesem zivilgesellschaftlichen Engagement ermuntern. Gleichzeitig werde damit auch Wiesenthals Arbeit und seine Person geehrt. Zu lange habe Österreich vom Opfermythos gelebt. Doch es sei nie zu spät. „Es ist nicht die Aufgabe der jüdischen Gemeinde, es ist unsere Aufgabe als Mehrheitsgesellschaft eine klare Position zu zeigen.“ Erst wenn es gelinge, dass jüdisches Leben wieder sichtbar sei, dann sei die österreichische Gesellschaft besser geworden „und auf dieses besser müssen wir hinarbeiten“.

Preisträger:in der Kategorie ‚Aufklärung über den Holocaust‘: Zentrale österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz vertreten durch Claudia Kuretsidis-Haider

 

In der Kategorie „Aufklärung über den Holocaust“ waren neben der schließlich ausgezeichneten „Zentrale österreichische Forschungsstelle Nachkriegsjustiz“, die Akten der österreichischen Justiz zum Umgang mit den NS-Verbrechen erfasst, auch das Projekt „RE.F.U.G.I.U.S“, das die Todesmärsche ungarischer Jüdinnen und Juden sichtbar macht und die Initiative „Zikaron BaSalon“, die dazu animiert, im eigenen Wohnzimmer und dennoch gemeinsam des Holocausts zu gedenken und diesen zu thematisieren. Im Namen der vor 25 Jahren gegründeten Forschungsstelle Nachkriegsjustiz nahm Claudia Kuretsidis-Haider den Preis entgegen. Sie erinnerte an die Skandalurteile in den 1960er und 1970er Jahre und regte an, wie inzwischen in Deutschland passiert, Urteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen online zugänglich zu machen.

In der Kategorie „Aufklärung über Antisemitismus“ waren neben der Preisträgerin „Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus“, das antisemitische Vorfälle monitort und Bildungs- sowie Öffentlichkeitsarbeit leistet, auch das Swedish Committee against Antisemitism, das vor allem mit Schüler und Schülerinnen arbeitet, sowie Andreas Kahrs und Daniel Lörcher für ihre Erinnerungsarbeit beim Fußballclub Borussia Dortmund nominiert. Für das Jüdische Forum nahm Levi Salomon die Auszeichnung entgegen, der betonte, das wichtigste sei, junge Menschen zu erreichen.

Preisträger der Kategorie ‚Kampf gegen Antisemitismus‘: Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus vertreten durch Levi Salomon

 

Karl Pfeifer nahm schließlich im Namen aller vier nominierten und auch ausgezeichneten Zeitzeugen und Zeitzeuginnen den Hauptpreis entgegen. Lily ebert wurde 1923 in Ungarn geboren und überlebte das KZ Auschwitz. Mit ihrem Urenkel betreibt sie heute einen TikTok-Account mit über 1,6 Millionen Followern und Followerinnen. Zwi Nigal, der ebenfalls 1923, allerdings in Wien zu Welt kam, kämpfte in der britischen Armee gegen Nazi-Deutschland. Er hält bis heute Vorträge an Schulen und Universitäten. Liliana Segre stammt aus Mailand und wurde 1944 mit 13 Jahren nach Auschwitz deportiert. Sie ist als Zeitzeugin in Schulen, Theatern, im Fernsehen und im italienischen Parlament aktiv. Karl Pfeifer wurde 1928 in Baden geboren und flüchtete vor den Nationalsozialisten zunächst nach Ungarn, dann nach Palästina. Als Journalist setzte er sich über Jahrzehnte gegen Antisemitismus ein.

Für die Preisträger:innen der Kategorie ‚Hauptpreis‘ Dankesworte von Karl Pfeifer

 

In seiner Dankesrede erinnerte er sich an seine Rückkehr nach Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Heimkehrer seien diejenigen gewesen, die in der Wehrmacht oder Waffen-SS gewesen seien. Er aber war nur ein Rückkehrer und habe daher keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung gehabt. So fand er sich zunächst in einem Schlafsaal mit 49 anderen Männern in der Meldemannstraße wieder. „Die wenigen zurückgekehrten Juden mussten erkennen, dass der tief verwurzelte Judenhass nicht verschwunden war.“ Heute begreife man, dass Judenhass ein Problem der ganzen Gesellschaft sei. Dass er nun hier stehe und diesen Preis erhalte, zeige, dass sich seit seiner Rückkehr vor 71 Jahren viel getan habe.

 

Organisiert wird die Ausschreibung im Auftrag des Nationalrats durch den Nationalfonds der Republik Österreich. Dessen Generalsekretärin Hannah Lessing betonte, auch wenn der Antisemitismus weiter Thema sei, denke sie schon, dass man aus der Geschichte gelernt habe, nur sei das „kein abgeschlossener Prozess“. „Das ist ein lebendiger Prozess, dafür braucht es Geduld, einen langen Atem, Beharrlichkeit.“ Und auch da könne Simon Wiesenthal ein Vorbild sein.

Von links: Vertreter Borussia Dortmund, Oskar Deutsch, Hannah Lessing, Vertreter Borussia Dortmund, Claudia Kuretsidis-Haider, Katharina von Schnurbein, Karl Pfeifer, Barbara Stelzl-Marx, Gerhard Botz, Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP), Ariel Muzikant, Levi Salomon, Nikoline Hansen

 

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