Wina Editorial

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Am 5. Mai 1945 wurden die Gefangenen von Mauthausen aus der Hölle befreit. Unter ihnen ein 22-jähriger Mann mit schneeweißem Haar und kaum 40 Kilo. Nach einer ausgestandenen Typhuserkrankung, die er im Unterwäschelager seiner Peiniger verbrachte, hatte er nur noch einen Wunsch: nach Hause zu kommen und seinen Vater wiederzusehen. Dieser lebte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr – wie auch so viele andere Väter, Mütter, Geschwister und Freunde.

Dies aber erfuhr er erst Wochen später, als er in Budapest eintraf. Dort begriff er das Ausmaß der Vernichtung, wusch sich und kämmte sich die schneeweißen Haare – und versuchte weiterzuleben. Er heiratete, gründete eine Familie und lebte sein Leben. Manchmal zuckte er noch zusammen, verbarg sein Gesicht in den Händen, verlor jedoch nie wieder ein Wort über den Krieg. Dieser junge Mann war mein Großvater.

Derselbe Mann stand Jahrzehnte später fassungslos vor mir, als ich ihm erklärte, dass ich Alija machen und mein Leben in Israel weiterleben wolle. Er schaute mich mit seinen tiefschwarzen Augen an, seine schneeweißen Haare waren bereits etwas schütter, und er fragte nur warum. Warum? Weil ich kurz zuvor an einer Gedenkreise nach Polen teilgenommen hatte. Weil ich unendlich lange Schienen gesehen hatte, unzählige Krematorien, Koffer und Schuhe, zu Bergen aufgetürmt. Weil ich ein verrostetes Stück Blech auf dem Gelände von Auschwitz gefunden hatte. Weil ich nicht wusste, wie ich das alles verkraften sollte. Und weil ich nicht in einem Land leben wollte, in dem jeder, der nicht Opfer war, in meinen sechzehnjährigen Augen ein Täter hätte sein können. Ich tat also das, was sich für mich richtig anfühlte: Ich ging nach Israel.

Seither ist viel geschehen, der alte weise Mann ist von mir gegangen und ich bin wieder in Wien. Die große Frage, die sich mir seither stellt, ist, wie das Gedenken an die Schoa, das ein so bestimmender Teil unserer jüdischer Identität geworden ist, in einen Katalysator für positive jüdische Identität in Gegenwart und Zukunft verwandelt werden kann. Vor allem am Vorabend des Gedenkens an die Opfer des Nationalismus am 5. Mai und Yom Haazmaut (Unabhängigkeitstag Israels) am 6. Mai stellt sich die Frage, wie wir nicht nur ein „niemals vergessen“ einmahnen, sondern wie wir einer jungen Generation auch all das Positive, das jüdisches Leben vor der Schoa, währenddessen und danach hervorgebracht hat, vermitteln. Und wie wir mit der zionistischen Idee, mit dem jüdischen Staat, mit unserer Liebe zu diesem Land, aber auch mit unserer Kritik an ihm, umgehen. Wie wir aus all diesen Mosaikteilchen für uns selbst, für unsere Kinder, für unsere Gemeinden eine jüdische Identität erschaffen können, die unsere Vergangenheit bewahrt und gleichzeitig eine Antwort ist auf die Fragen des 21. Jahrhunderts.

Julia Kaldori, CR

1 COMMENT

  1. Gänsehaut, Trauer, Liebe zum Leben…
    Danke für diesen berührenden und aufrüttelnden Artikel

    Lyn

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