Wina Editorial

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Der Sommer ist da, die Hitze drückt ein wenig auf das kreative Gemüt, die ständigen vielen negativen Nachrichten machen wenig Mut. Die Ausgabe ist fertig, wartet nur noch auf einleitende Worte und kann danach in den Druck gehen. Die nötige Inspiration lässt noch auf sich warten, also werden Zeitschriften durchgeblättert, vor Tagen und Wochen angezeichnete Artikel endlich gelesen. Und da springen mir plötzlich diese Zeilen entgegen: „ ‚Wie würden Sie Ihr Leben in drei Worten zusammenfassen?‘, will ein Mädchen wissen. Marko Feingold verschickt sein bestes Maurice-Chevalier-Lächeln und sagt: ‚Ich bin da.‘ “ So endet die berührende Reportage von Angelika Hager für das Magazin profil (Nr. 19, Mai 2017), die den ältesten Zeitzeugen Österreichs und 600 Schüler auf deren Gedenkreise nach Auschwitz im Rahmen des MoRaH-Programms begleitet hatte.

Marco Feingold wurde nun, einige Wochen später, 104 Jahre alt. Er überlebte mehrere Konzentrationslager und wurde schließlich in Auschwitz befreit. Er kehrte nach Österreich zurück, um seine Familie zu finden, und fand keinen mehr. Half tausenden Schoahüberlebenden, die im Sommer 1947 über den Krimmler Tauernpass nach Italien und von dort weiter nach Palästina wollten, auf deren Flucht (S. 16), gründete 1948 eine neue Existenz und ist seit 69 Jahren Präsident der jüdischen Gemeinde in Salzburg.

Er ist unermüdlich in seinem Kampf gegen das Vergessen und unbeirrbar in seiner politischen Haltung: alles tun, um den Rechtsruck in Österreich, in Europa zu verhindern. Er ist da, er ist bescheiden, manchmal müde und nachdenklich, aber stets mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen – und er ist einer der letzten Überlebenden, der noch Zeugnis ablegen kann, uns lehren kann. Lehren nicht nur darüber, was Menschen Menschen antun können, wie Schmerz, Entbehrung, Angst und der bloße Kampf ums Überleben sich anfühlen. Nein, er kann uns auch lehren, dass positives Denken, Engagement, Aufgaben und der Glaube an etwas Höheres jeden, egal, wie traumatisch der Weg auch war, glücklich werden lassen kann – glücklich und vielleicht auch 104 Jahre alt.

Er sei einmal gefragt worden, ob sein hohes Alter genetisch bedingt sei, worauf er antwortete: Da keiner aus meiner Familie die Nazis überlebt hat, weiß ich nicht, wie alt sie geworden wären.

Mit diesen bescheidenen Zeilen wünsche ich Marco Feingold mazl tow bis hundert und zwanzig in Liebe und Gesundheit und uns, dass sein wunderbares Lächeln uns noch lange entgegen strahlt.

von Julia Kaldori


Bild © Daniel Shaked

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