Wina Editorial

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Ernst Meir Stern (1943–2017), Buchhändler und Chefredakteur beim WINA-Interview Der Judenbua im Sommer. © Daniel Shaked

Kluge Menschen haben mir geraten, es nicht an dieser Stelle zu schreiben – und ich weiß, sie haben Recht. Doch diesmal bin ich stur, wie Du es warst, und schreibe es trotzdem: Am 29. September ist Ernst Meir Stern s. A. von uns gegangen. Nie möchte man von Menschen Abschied nehmen, die man liebt, ehrt und die einen begleiten. Und das möchte ich nun auch nicht tun. Möchte mich nicht verabschieden, sondern die Augen schließen, den Geruch deiner Pfeife einatmen und mich an dich erinnern! 25 lange Jahre warst du mir Wegbegleiter und Freund. Davon viele gemeinsame Jahre in deiner legendären Buchhandlung Chaj: unzählige Gespräche, während wir Bücher abgestaubt und geschlichtet haben, über Politik, den Schomer und deine Jugend ‒ im Hintergrund meist Klezmer-Melodien aus einem alten Kassettenrecorder. Du warst mir Familie und väterlicher Freund – stets mit tröstenden, klugen Worten.
Nie wieder bin ich einem Menschen begegnet, der eine solche Liebe für Israel pflegte wie du. Mit dieser, deiner glühenden Liebe zu jenem kleinen Land hast du seit deiner Jugend so viele in unserer Gemeinde be- und gerührt. Und egal, welchen Weg wir alle später gewählt haben, losgelassen hat diese Begeisterung wohl keinen von uns mehr.
So rein und unbeirrbar deine Zuneigung zu Israel war, so aufrichtig und unaufhörlich dein Kampf gegen Antisemitismus, gegen den braunen Sumpf und gegen jede Art von sozialer Ungerechtigkeit. Du warst ein ewiger Mahner, ein Kämpfer für deine hohen moralischen Ansprüche. Unbeirrbar darin, auch wenn du angeeckt bist.

„zog nisht keynmol az du geyst den letsten veg …“
JiddischesPartisanen­lied,
Text: Hirsch Glik

Du warst ein Lehrer, ein geduldiger, ein enthusiastischer: Wie eine Zeitung entsteht, habe ich von dir gelernt, habe bei dir das Zeitungmachen, die Begeisterung für Schriften, Farben und Texte eingeatmet. Damals haben wir noch ausgeschnitten, geklebt, mit Linealen gezeichnet. Später durfte ich dich auf dem Weg zur Digitalisierung ein wenig unterstützen. Und dann haben wir uns in den letzten Jahren als Kollegen in der jüdischen Medienlandschaft wiedergefunden. Gegangen bist du, kurz vor Jom Kippur, erst, als deine letzte Zeitung in den Haushalten war.
Ernstl, diese Ausgabe widme ich dir, der Du auch ein Homo Politicus warst, der mich politisches Denken gelehrt hast und der mit der aktuellen gesellschaftlichen Situation so gehadert hast. Denn neben wunderbaren Künstlern, politischen Denkern und spannenden Jungunternehmern haben wir für diese Ausgabe auch Spitzenkandidaten der bevorstehenden Nationalratswahl getroffen. Nach Christian Kern (SPÖ) im Sommer, erörtern in dieser Ausgabe Ulrike Lunacek (Grüne) (S. 6) und Matthias Strolz (NEOS) (S. 7) ihre Standpunkte, nehmen Stellung auch zu relevanten jüdischen Themen und erklären, welche Regierungskonstellationen sie sich vorstellen können – und welche nicht. Nein, nicht alle haben wir getroffen. Denn mit ÖVP-Chef Sebastian Kurz kam bedauerlicherweise bis Redaktionsschluss kein Termin zustande.* Und weshalb kein Vertreter der FPÖ? Denn sie hat bislang zu viele unklare Positionen zur nationalsozialistischen Vergangenheit – und ihre Proponenten treten immer noch und immer wieder – wohl nich zufällig – in den braunen Sumpf (S. 9). Vermutlich ecke ich damit nun an, aber darin bin ich beharrlich.

* Ein Gespräch nach den Wahlen ist in Planung.

Julia Kaldori

 

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