Wina Editorial

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Es ist das Monat Nissan, es ist Frühling und wir feiern – wie jedes Jahr um diese Zeit – den Auszug aus Ägypten, die Befreiung der Juden aus der Sklaverei, die Freiheit des jüdischen Volkes. Doch Pessach ist ein Fest, an dem unsere persönliche Freiheit durch unzählige Bestimmungen eingeschränkt wird. Erscheint es nicht absurd, die Freiheit zu feiern, indem wir auf Brot verzichten! Sind solche Restriktionen nicht das genaue Gegenteil von Freiheit?

„Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten.“ Albert Camus

Wenn Freiheit bedeutet, dass wir tun und lassen können, was immer wir wollen, wenn wir nur dann frei sind, wenn uns niemand sagt, was wir zu tun haben, dann ist das Verbot von Chametz zu Pessach ein Eingriff in die Freiheit. Doch wenn wir diese Einschränkungen als Innehalten, als Rückzug ansehen, um uns mit uns selbst zu beschäftigen, dann ist es vielleicht auch ein Weg, um uns selbst zu finden und zu entfalten.

Die wirkliche persönliche Freiheit ist jene, in der wir uns selbst erkennen und ausdrücken können, wer wir wirklich sind, was wir wirklich wollen. Diese Freiheit wird allzu oft in unserer Seele gesperrt. Wir alle haben in unserem Leben Situationen erlebt, die Spuren in uns hinterlassen haben, die uns oft unbewusst in unserem Tun und Handeln beeinflussen und beschränken. Die Wissenschaft hat mittlerweile bewiesen, dass Traumata auch über Generationen weitergegeben werden und wir sie somit nicht persönlich erleben müssen. Aus aktuellem Anlass also, da wir zu Pessach die Freiheit, den Auszug aus der Gefangenschaft feiern, widmen wir jenen Menschen, die uns die Tür zu unserer Freiheit aus der Tiefe unseres Unterbewussten öffnen helfen, ein Themen-Special. Wir sprachen mit dem Rektor der Sigmund-Freud-Universität, Alfred Pritz, über neue Ausbildungskonzepte, mit der Kunsttherapeutin Maria Haas über ihren ganz eigenen Therapiezugang und fragten den Psychiater und Traumaspezialisten David Vyssoki, ob es ein spezifisch jüdisches Trauma gibt.

Es gibt auch ganz unterschiedliche politische und philosophische Freiheitskonzepte, die von der absoluten individuellen Freiheit über die Freiheit eines Kollektivs bis hin zur absoluten Unterordnung des Individuums im Totalitarismus gehen. Die westlichen Demokratien, die sog. „Freie Welt“, versucht ihren Bürgern eine scheinbar unendliche Freiheit zu bieten – doch scheitert sie derzeit daran, ihren jüdischen Bürgern genug Schutz zu sichern, um ihre Identität frei und uneingeschränkt leben zu können. Über diese Bankrotterklärung lesen Sie im Kommentar von Oliver Jeges. Die Wahlen zur 20. Knesset in Israel brachten nicht viel Neues unter der nahöstlichen Sonne, doch gab es im Kleinen einige Überraschungen. So gab es in Israel noch nie so viele weibliche Abgeordnete wie aktuell. Aus diesem Anlass sprach Daniela Segenreich mit der Religions- und Genderforscherin Rivka Neria-Ben Shahar über die Freiheit religiöser Frauen in Israel und über ihren Kampf um politische Selbstbestimmung.

„Dass jeder seine Identität definieren muss, spaltet die Gesellschaft“, sagt die Regisseurin Ruth Beckermann in unserer Serie Mentschen des Journalisten und Fotografen Ronni Niedermeyer und beschreibt damit ein weiteres Problem rund um das Thema Freiheit des Einzelnen in der Gesellschaft.

Die Freiheit der Kunst ist auch ein Thema, das wir in diesem Zusammenhang nicht übergehen wollen. Regisseur und Multitalent Róbert Alföldi, der als Direktor des Nationaltheaters in Budapest, das unter seiner Direktion erfolgreicher war als je zuvor, aus politischen Gründen unsanft entlassen wurde, erzählt im Interview mit Marta S. Halpert über die derzeitige Unfreiheit von Kunst und Künstlern und über antisemitische Tendenzen im heutigen Orbán-Ungarn sowie über seine aktuelle Inszenierung am Wiener Volkstheater.

Mir bleibt Ihnen nun nur noch sonnige freie Tage und ein frohes Pessach mit unserem aktuellen Heft zu wünschen.

Bild: © flash90

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