Wina Editorial

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„Von einem Bewohner der Nachbarliegenschaft wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass Sie im Fenster ein großflächiges Symbol einer für ihn sehr schmerzhaften und traurigen Vergangenheit angebracht haben. Da er sich selbst mit dieser versöhnt hat, es für ihn jedoch sehr schwer ist, wenn er täglich daran erinnert wird, hat er den Wunsch an uns herangetragen, ob wir Sie bitten würden, dies­es Symbol so anzubringen, dass es von außen und damit für ihn nicht sichtbar ist. Nachdem dieser Wunsch für uns durchaus nachvollziehbar ist, möchten wir diesem hiermit nachkommen.“ (Die Hausverwaltung hat sich mittlerweile für diese Aussage entschuldigt.)

Bei dem besagten Symbol handelt es sich um die israelische Fahne, die ein junger Student nach dem Semifinale des Eurovision Song Contests in sein Fenster in einem der Durchgangshäuser des zweiten Wiener Gemeindebezirkes gehängt hatte. Nach dieser Aufforderung kam es zu einem längeren Briefwechsel, in dem der junge Mann darum bat, die Angelegenheit mit dem Nachbarn zu klären. Statt in dieser Geschichte einzulenken, wurde er vom Hauptmieter aufgefordert, auch die Mesusa an der Tür zu entfernen. „Das Problem besteht für mich erst dann, wenn, durch das Anbringen jeglicher politischen oder religiösen Symbole durch einen Mitbewohner meine empörten Nachbarn zum Gedanken geführt werden, dass diese meine persönliche Meinung darstellen, was gewiss nicht der Fall ist.“

Weitere erschütternde Details aus dem Schriftverkehr, etwa dass der Hauptmieter eine Parallele zieht zwischen einer Fahne mit Hakenkreuz und der israelischen Fahne, möchte ich nicht mehr zitieren. Nur noch die Tatsache festhalten, dass die letzten Mesusot in Wien vor über sieben Jahrzehnten entfernt bzw. abgeschlagen wurden. Dies erinnert mich an eine traurige und schmerzhafte Vergangenheit, verehrter Nachbar, mit der ich mich nicht und niemals versöhnen werde. Denn dann würde ich allen Nachbarn, Hauptmietern, Hausverwaltern und Gesinnungsgenossen das Terrain überlassen und damit in eine traurige und schmerzhafte Zukunft blicken.

Julia Kaldori
Chefredaktion

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