WINA in Shanghai

Wie es die WINA-Ausgabe vom September 2022 in die chinesische Metropole geschafft hat? Mit einem chinesischen Forscher, der in Wien lebt und bei Recherchen den Artikel "Das chinesische Erbe des Wiener Fädenziehers" fand. Sogleich kontaktierte er die Autorin und fügte einer berührenden Geschichte ein weiteres Kapitel hinzu.

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Jiao Da mit WINA-Magazin in Shanghai (c)Tinghui-Duan

Tinghui Duan pendelt zwischen seinem Wohnort Wien und der Universität Erfurt in Deutschland, wo er an einem Forschungsprojekt teilnimmt. Das Projekt nennt sich HisQu und widmet sich der Entwicklung einer digitalen Forschungsdateninfrastruktur für historische Quellen.

Quellen – und damit auch Zeitzeug:innen – interessieren Tinghui Duan besonders. Daher auch seine Reise nach Shanghai, wo er nach Spuren der Exilant:innen suchen will. Informationen dazu findet er auch in meinem Buch Der Fädenzieher (Mandelbaum 2021), das vom jüdischen Wiener Filmemacher Arthur Gottlein erzählt, der im Zweiten Weltkrieg über Manila nach Shanghai flüchtete und aufgrund einer bereits seit seinen frühen Wiener Jahren bestehenden Leidenschaft ein Marionettentheater gründete. 

Der kleine Jiao Do mit seinem Großvater Yu Zheguang, dem er gerne beim Entwerfen und Bauen der Handpuppen zusah. © Scherl / SZ-Photo / picturedesk.com; Jiao Da

Dieses Marionettentheater wiederum inspirierte einen anderen Mann. Denn eines Tages, irgendwann zwischen Herbst 1941 und Februar 1943, saß Yu Zheguang im Gebäude des Jewish Club in der Bubbling Well Road bei einer Vorstellung von Gottleins Shanghaier Puppenspielen. Es wurde Arthur Schnitzler gespielt, die Figuren tanzten und schienen zum Leben zu erwachen. Gesprochen wurde aber vor allem Deutsch, dazu gab es englische Erklärungen. Also nichts für das chinesische Publikum. Yu Zheguang nahm viele von Gottleins Ideen mit und entwickelte ein eigenes Marionettentheater, in dem die Stücke auf Chinesisch gespielt wurden. Fotografien der Produktionen erinnern stark an Gottleins Inszenierungen. Und hier kommt noch eine weitere Person ins Spiel: Jiao Da, der Enkelsohn von Yu Zheguang, geboren 1953. Er begleitete den Großvater zu den Proben, beobachtete die Schnitzarbeiten an den Figuren und wurde später selbst zu einem Puppenspieler.

Mit diesem Mann kam ich durch Zufall in Kontakt, plauderte mit ihm via E-Mail und mithilfe von Google Translate, erfuhr vom Theater des Großvaters und vernetzte ihn schließlich mit dem oben erwähnten Forscher Tinghui Duan. Bei einem Treffen in Wien erzählte mir dieser von seiner bevorstehenden Reise nach Shanghai, und ich übergab ihm ein Exemplar des WINA-Magazins.

Nach der Rückkehr treffen wir uns, Tinghui Duan ist voller Eindrücke und Erinnerungen. Er habe Jiao Da bei einem Workshop in Hongkew, dem historischen Zentrum Shanghais, getroffen. Der 73-Jährige sei überaus engagiert und habe Jugendlichen die Kunst des Schattentheaters erklärt. Er habe auch das Jewish Refugees Museum besucht und jenes Gebäude, das in den 1940er-Jahren den Jewish Club beherbergte, in dessen Räumlichkeiten Gottleins und später Yu Zheguangs Theatervorführungen stattfanden.

Für mich als Biografin Arthur Gottleins, der mit seiner Liebe zum Marionettenspiel tatsächlich Spuren in Shanghai hinterlassen hat, sind solche Momente besonders schön: Wenn sich andere Forscher:innen von Lebenswegen, die von Mut, Hoffnung und Resilienz erzählen, ermutigen und dazu anregen lassen, sich selbst mit der Geschichte auseinanderzusetzen.


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