Wir sind dazwischen

Julia und Georg Demmer, Sprösslinge zweier Wiener Unternehmerfamilien, wuchsen zwischen Protestantismus und Holocaust auf.

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© Anna Goldenberg

Neben dem Schlafzimmer der Eltern stand ein Bücherregal. Darin befand sich die Literatur über den Holocaust, Das Tagebuch der Anne Frank zum Beispiel. „Diese Bücher waren für später“, sagt Julia Demmer, also für einen Zeitpunkt, an dem die heute 37-Jährige alt genug sein würde, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Das geschah, als sie mit 14 Jahren ein Referat über das Judentum vorbereitete. Heute schreibt die studierte Bildungswissenschaftlerin eine Dissertation über Zeitzeugengespräche mit Holocaustüberlebenden an Schulen.
Ähnlich war es bei ihren Bruder Georg. Ein Jahr jünger als Julia, wurde er als 20-Jähriger Teil des Wiener Jüdischen Chors. Über zehn Jahre lang sang er dort regelmäßig und tauchte so in die jüdische Gemeinde ein. Später reiste der Unternehmer – er hat eine Agentur, die bei der Zwischennutzung von Immobilien berät – regelmäßig nach Israel, lebte sogar ein halbes Jahr in Tel Aviv.

Sie leben zwischen den Welten und passen damit gut in die eigene Familiengeschichte.

Die Geschwister sind protestantisch getauft und haben doch tiefe Wurzeln im Judentum. Sie leben zwischen den Welten und passen damit gut in die eigene Familiengeschichte. Wer in Wien wohnt, kennt Demmers Teehaus, das ihr Vater Andrew in den 1980er-Jahren gründete. Andrew wurde in London geboren, seine Eltern waren jüdische Flüchtlinge aus Wien und Deutschland. Als Fünfjähriger kam Andrew Abraham nach Wien zurück; Charles Demmer ist sein (nicht-jüdischer) Stiefvater, dessen Namen er später annahm. Charles soll die besten jüdischen Witze in der ganzen Familie erzählt haben. Auch auf der Seite ihrer Mutter Dorothea haben Julia und Georg eine interreligiöse Familie. Der Urgroßvater wurde in Auschwitz ermordet, der Großvater überlebte die Schoah im Versteck zwischen Ungarn und Österreich.
Als Teenager, erzählt Georg in seinem Coworking-Space auf der Gumpendorfer Straße, in dem auch geflüchtete Menschen arbeiten, habe es ihn gestört, dass er „offiziell nicht jüdisch“ sei. „Mittlerweile bin ich froh darüber“, sagt er. „Ich kann mir aussuchen, ob ich da oder dort dazugehöre.“ Seiner älteren Schwester geht es ähnlich. Sie sitzt ihm gegenüber. Es war ihre Idee, das Interview zu zweit zu machen. Ihre Zugänge seien unterschiedlich und würden einander doch ergänzen, hat sie erklärt – und soll damit Recht behalten.
Alle vier Geschwister sind längst aus der Kirche ausgetreten. Julia besuchte neulich im Rahmen eines Empfangs für Zeitzeugen den Wiener Stadttempel. „Ich fühl mich wohl dort“, sagt sie. „Ich bin dazwischen.“ Und fügt hinzu: „Ich will ein bisschen dazugehören, aber ich gehör’ nicht dazu.“ Immer wieder hört sie von anderen, dass sie jüdisch aussähe. „Tu ich das?“, sagt sie und blickt fragend in die Runde. Schulterzucken. Manchmal, sagt sie, wünscht sie sich, dass ihr „jemand von außen“ sagt, was sie denn nun sei. Georg sieht sie verständnislos an. Für ihn sei das irrelevant, schließlich ist er ja nicht religiös, erklärt er: „Wir sind dazwischen – außenstehend, aber nicht ausgeschlossen.”

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